Santi & Tuğçe sind ein Elektro-Weltmusik-Duo, momentan in Berlin ansässig und ursprünglichaus Asuncion, Paraguay (Santi), bzw. Istanbul, Türkei (Tuğçe). Ihre Musik ist wie eine endlose Klangreise, geleitet von unterschiedlichen Einflüssen und Ideen: chirurgisch ausgearbeitete Dancefloor-Beats, farbenfrohe Instrumentierung, türkisch anmutende Melodien, west-afrikanische Poly-Rhythmen, nostalgisch analoge Synthesizer, jazzige Harmonien und ein Hauch klassische Musik. Die bisherigen Veröffentlichungen entspringen alten mythischen Geschichten von allen möglichen Teilen der Erde, futuristisch-dystopischen Träumen, Abenteuerreisen zu Phantasieländern in einem Meeres-Raumschiff und rhythmischen Planetenbewegungen um die Sonne. Wir haben uns mit Santi & Tuğçe zum Jahresstart näher unterhalten.

 

Wie hat alles bei euch angefangen? Wie seid ihr an elektronische Musik gekommen?

Santi: Das erste, woran ich denken muss, war ein Software-Sequencer, den ich als Teenager auf meinem Computer hatte. Wie der hieß oder wie ich den damals auf meiner Maschine installiert habe, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass das auf jeden Fall vor Windows gewesen sein muss, es handelte sich um eine DOS-Sequencer-Applikation und eine der Demo-Sequenzen war “U can’t touch this” von MC Hammer. Damals hörte ich noch gar keine elektronische Musik, insgesamt wurde das in Paraguay auch kaum gespielt. Doch mit der Software begann ich, mit Sequenzen und Samples herumzuexperimentieren. Es ist doch interessant, dass mich die Software zur elektronischen Musik gebracht hat und nicht die Musik an sich. Später updatete ich meine Computer, kaufte neue Software; dann kam das Internet, das mir die Möglichkeit bot, alle möglichen Techno-Tracks, Synthesizer und Drum-Machines herunterzuladen. Synthese, digitale Signalverarbeitung und Computer-Programmierung faszinierten mich. Mit 17 schaute ich mir das Musiktechnologie-Labor der Universität Michigan. Ab diesem Tag wurde es ernst. Ich holte mir The CSound Book von Richard Boulanger und das Computer Music Tutorial von Curtis Road und las darin Nacht für Nacht, wie Gute-Nacht-Geschichten. Mir wurde klar, dass ich dieser Leidenschaft für Technologie und Musik folgen muss, daher machte ich in den USA meine Uni-Abschlüsse in Musik Komposition und Computerwissenschaften. Seither programmiere ich und mache elektronische Musik.

Tuğçe: Ich bin mit Liebe zu Musik aufgewachsen. Mit sechs trat ich in dem Schul-Chor bei und fing mit dem Singen an. Während meiner Schulzeit bin ich bei zahlreichen Konzerten, Musicals und anderen Veranstaltungen aufgetreten. An der Uni studierte ich dann Gesang, Jazz-Gesang und west-afrikanische Trommeln mit Schlagzeuger Milford Graves sowie mit Singer und Songwriter Sheila Jordan, u.a. Shanti lernte ich kennen, als ich gerade mit meiner Doktorarbeit in Psychologie an der Universität Kansas (KU) angefangen hatte. Innerhalb einer Woche nach unserem ersten Zusamentreffen begannen wir mit gemeinsamen Live-Auftritten, haupstächlich als Jazz und Welt-Musik Akustik-Duo und Band mit Instrumentalisten von der KU School of Music. Damals fingen wir auch an, unsere eigenen Akustik-Elektro-Sounds zu entwickeln. Seit meiner Uni-Zeit bin ich ein Fan guter elektronischer Musik, vor allem die Fusion von elektronischen Einflüssen mit anderen Genres wie Jazz, Soul, Hip-Hop, Trip-Hop, Tango und klassischer Musik. Nach unserem Abschluss an der KU produzierten Santi und ich unser erstes Album “Cíclico”, das eine eklektische Mischung verschiedenster Einflüsse ist. Dieses erste Album von 2014 fand online weltweite Beachtung und öffnete uns die Tür zur globalen Elektro-Musik-Szene. Jahr für Jahr veröffentlichten wir ein neues Album, mit jedem betraten wir ein neues Gebiet akustischer und konzeptioneller Elemente.

Erzählt ihr uns etwas über die Labels und eure neuesten Releases wie ALQUIMIA SOLAR auf Amselcom?

Santi: Bisher haben wir den Großteil unserer Musik unabhängig veröffentlicht, manchmal auch auf Indie-Labels in Deutschland, Brasilien, Ecuador, Argentinien und Canada. Unsere neueste EP ALQUIMIA SOLAR kam auf Amselcom heraus. Label-Gründer Andres wendete sich online an mich, nachdem er auf meinen Track “Minotauro” auf Soundcloud gestoßen war und fragte mich nach noch unveröffentlichten Tracks. Daraufhin schickte ich ihm “Neptunio”, was mein Versuch eines schnellen Tracks mit einem ruhigen, meditativen Feeling war. Die Idee zum zweiten Track der EP, “Mercurio”, kam mir während einer intensiven Produktions-Session. Die beiden Original-Tracks haben wir zusammen mit Remixen von Acid Pauli und Geplantes Nichtstun veröffentlicht, insgesamt gab es dafür sehr positive Resonanz bei DJs, Produzenten, Musikfans und Medien. “Mercurio” und vor allem der Remix waren ganz oben in den Electronic/Downtempo Beatport-Charts und beschallen regelmäßig die Dancefloors.

Ihr spielt auf der ganzen Welt. Was gefällt euch besonders am Touren und Produzieren?

Santi & Tuğçe: Das Schönste am Reisen im Namen der Musik ist, dass wir überall auf die aufgeschlossensten und warmherzigsten Leute treffen, die uns wie zu Hause fühlen lassen, egal ob wir in Frankreich, Mexiko oder Thailand sind. Aber so gerne wir neue Orte besuchen und neue Leute treffen, musikalisch gesehen haben wir unsere tollsten Momente im Studio.

 

Gibt es einen bestimmten Moment in eurer Karriere, der euch als Künstler einschlägig beeinflusst hat?

Santi & Tuğçe: 2016 gab es eine besondere Begebenheit, als wir als Headliner bei einer kleinen Indie-Party in Rio de Janeiro waren. Das überwiegend brasilianische Publikum sang zusammen mit Tuğçe die türkischen Texte einiger Cover Songs mit. Damit haben wir nun wirklich nicht gerechnet! Ein weiterer besonderer Moment war bei unserem ersten Aufenthalt in Mexiko, beim Merida Fest 2017. Wir spielten zwei Konzerte, tausende Leute waren da, tanzten und jubelten. Es war so toll zu sehen, wie unsere Musik bei so vielen Leuten ankommt, unabhängig von Sprache, Alter oder Background.

 

Welche Herausforderungen stellen sich euch gerade besonders?

Santi & Tuğçe: Als selbstständige Künstler ist vor allem das Zeit-Management die größte Herausforderung. Wir beide kümmern uns um alles, von Produktion bis Promotion, daher bleibt wenig Zeit zum Ausruhen. Gerade auf unseren Reisen ist es schwer, Gelegenheit zum Produzieren oder Aufnehmen neuer Musik zu finden. Deswegen haben wir gerade entschieden, mehr Zeit zuhause zu verbringen und uns mehr auf unsere anstehenden Alben zu konzentrieren.

Was habt ihr für 2020 auf der Agenda?

Santi & Tuğçe: Ende November 2019 sind wir in Berlin und Istanbul zum ersten Mal mit unserem neuen Live-Set mit vielen bisher unveröffentlichten Tracks und brandneuen Arrangements älterer Songs aufgetreten. 2020 wollen wir mit diesem Live-Set bei ausgewählten Festivals und neuen Locations auf der ganzen Welt spielen. Außerdem arbeiten wir an zwei neuen Eps und an Remix-Compilations früherer Releases.

Santi & Tuğçe bei Spotify

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