Afterhour Club Toy Special: Jedes Ende bringt auch immer einen Neuanfang mit sich…

Das Stuttgarter Clubleben ist in den letzten Monaten zunehmend von Behörden mit einschränkenden Maßnahmen konfrontiert worden. 

Sperrzeitverkürzung wurden aufgehoben, Auflagen verschärft, Genehmigungen verweigert und diverse Razzien mit zum Teil beeindruckendem Personaleinsatz haben selbst bei unbeteiligten Passanten für nachhaltigen Gesprächsstoff gesorgt.  Der neuen behördlichen Marschrichtung sind nicht nur neuere mühsam aufgebaute Clubs wie das KimTimJim sondern auch Legenden wie das Zapata zum Opfer gefallen.

Am 3. Mai 2013 mussten die Macher einer weiteren legendären Clubinstitution bekanntgeben: Die Afterhour im Toy muss eingestellt werden!

In den letzten Jahren hat sich wohl kaum eine Nachricht aus der Stuttgarter Clubszene so schnell weit über die Stadtgrenzen bis ins Ausland verbreitet und für überwältigendes Feedback gesorgt. Das Redaktionsteam vom Partysan Stuttgart war selbst unzählige Male im Toy und es war sofort klar, dass wir mindestens mit einer Story Tribut zollen werden und haben uns mit den drei treibenden Kräften Harry Nash, Edy Eiler und Marc Forbes zusammengesetzt.

Nach einer fetten Abschlieds-Afterhour an Himmelfahrt hattet Ihr Drei jetzt das erste Wochenende Zuhause verbracht. Wie könnt Ihr mit den paar Tagen Abstand mit der Entscheidung inzwischen selbst umgehen?

Harry Nash: die letzten Wochen waren echt heftig. Die ganze Vorgeschichte lief ja schon seit etwa einem Jahr und hat uns extrem belastet. Dauernd kamen neue Auflagen, dann der Wegfall der Sperrzeitverkürzung, die Genehmigung für den Osterrave wurde u.a. nicht erteilt, permanent wurden wir zu Stellungnahmen bei Kleindelikten von angeblichen Gästen aufgefordert, dazu die ganzen Kontrollen in Umfeld des Clubs und die Razzien, der Ton der Behörden, das war schon fast unerträglich. Wir haben alle Auflagen immer eingehalten bzw. sofort umgesetzt, wir waren in jeder Hinsicht der sauberste Laden der Stadt eben um eine Zwangsschließung zu vermeiden. Letztlich tragen wir die Entscheidung der Besitzer vom Kopf her aber’s Herz leidet schon sehr.

Die Afterhour war ja mindestens bundesweit bekannt, mit Euch Dreien hat sie vor ziemlich genau 17 Jahren angefangen, fasst doch mal kurz den Werdegang für die Geschichtsbücher zusammen:

Edy Eiler: Eigentlich gibt’s die Afterhour ja schon rund 20 Jahre. Im damaligen Trance – das heutige Wings in der Tübinger Straße – haben wir die ersten Afterhours gemacht. Das Trance musste dann aber schließen und dann sind wir Ende 1994 in die heutige Location umgezogen. Ich hab dann die Afterhour Sonntags im Roxy mit einem damaligen DJ Kollegen gestartet, Ari war dann der Nächste und kurz darauf ist Harry (damals noch als H-Ray) zu uns gekommen.

Harry Nash: Der Grund für die Schließung des Trance war übrigens Taubenscheiße aufm Dachstuhl! Das Dach war total vergiftet und ist durch die Bassreflexion aus dem Club langsam runtergekommen.

Irgendwann kam dann die Umbennung in Toy und Freddy Hetzinger sowie Marc Forbes sind noch dazu gekommen und die letzte Afterhour ging bis Montag früh, wie war das damals genau?

Marc Forbes: Im April 1996 wurde das Roxy nach einem Umbau in Toy umbenannt.

Wir hatten damals samstags bis Mittags Afterhour. Ab 23 Uhr gings dann Samstag Nacht durchgängig bis 12 Uhr am Sonntag Mittag weiter und ab Sonntag Nacht haben wir dann bis Montag früh um 8 Uhr offen gehabt.

Edy Eiler: Als dann das Nexus zugemacht hat, haben wir den Sonntag noch weiter ausgebaut und haben dann zeitweise durchgängig bis Montag Morgen offen gehabt. Das muss 1997 gewesen sein.

Harry Nash: Stimmt, damals habe ich mit Pascal Dollé den Sonntag gemacht und danach kam Robin Hirte (damals noch Rob in Space). 2001 mussten wir dann drei Monate wegen Umbau schließen und die Stadt hat den Betreibern nahegelegt, auf die Afterhour zu verzichten und die wollten dann sogar Techno komplett aus dem Programm nehmen. Das war echt ein Schock! Wir konnten dann die Betreiber überzeugen, sonntags einen Frühstücks-Club zu machen und dann gab’s ab 9 Uhr Kaffee und Brezeln. Der lief auch super – bis auf die Brezeln! In der Zeit wurde das Toy auch mal in Cookies und die Afterhour hatten wir mal kurzfristig in Club Q umbenannt.

2006 zur Weltmeisterschaft habt Ihr ja dann wieder richtig losgelegt und die Afterhour sukzessive ausgebaut, wart Ihr zwei, Edy und Marc, zwischen drin auch mit dabei?

Marc Forbes: Ich bin so ab 2004 wieder sporadisch dazu gekommen, Edy war eigentlich immer da. Erst haben wir dann 2006 den Sonntag wieder richtig ausgebaut und später kam dann durch den House-Freitag mit mir auch wieder die Samstags-Afterhour dazu.

Die Afterhour stand ja aufgrund des Publikums seit jeher im Fokus und wurde auch von Szeneleuten selbst immer mal kontrovers diskutiert, wie habt Ihr das selbst gesehen?

Edy Eiler: Was erwartest Du auch in einem Club, der am längsten von allen offen hat? Klar haben wir eine Menge Leute gehabt, die Nachts geschlafen haben und erst morgens losgezogen sind, weil es vor allem Samstag Nacht in den anderen Clubs zu voll ist. Aber viele sind ja schon im entsprechenden Zustand bei uns reingelaufen, weil sie noch nicht nach Hause wollten.

Harry Nash: Die Afterhour war ein Schmelztiegel ganz vieler verschiedener Leute wie Clubleute, Transen, Gastroleute, horizontales Gewerbe aber auch älteres Publikum, das sich nicht mehr die Nacht durchmachen kann oder will. Durch Veränderungen bei den Türstehern haben wir relativ schnell auch aggressives Publikum aussortiert und konnten gerade mit dem bunt gemischten Publikum echt eine Wohlfühlatmosphäre schaffen.

Edy Eiler: Letztlich hat es doch kaum einen Club in Stuttgart gegeben, in dem es so friedlich abgelaufen ist wie bei uns. Außer der Messerstecherei vor ein paar Jahren hatten wir praktisch keine Schlägereien und kaum aggressives Publikum.

Am 09. Mai 2013 gab’s die letzte Afterhour. Die Auswirkungen sind ja nicht nur für die Gäste spürbar, u.a. habt Ihr Drei Eure Existenzgrundlage verloren. Wie könnte man die Auswirkungen zusammenfassen?

Harry Nash: Alleine der wirtschaftliche Schaden ist heftig: Neben uns haben das Barpersonal, DJs, Garderobe, Licht, Türsteher ihren Job verloren, den Betreibern fehlt eine wichtige Einnahmequelle und der Stadt Stuttgart entgehen Gewerbesteuern in nicht unerheblichen Maße. Daneben fällt ein Teil Talentförderung weg, viele der heute namhaften Künstler haben im Toy ihre ersten Gehversuche gemacht und wurden von uns gefördert. Immerhin halten uns die meisten Veranstalter für den Freitag die Stange…

Wie sieht die Zukunft für Euch aus, gibt es schon einen Lichtblick, den Ihr mit uns teilen könnt?

Harry Nash: Vor zwei Wochen hat mir ein guter Freund gesagt: „Jedes Ende bringt auch immer einen Neuanfang mit sich!“ Noch vor ner Woche war das mehr ein schlechter Witz für mich. In den letzten Tagen hat sich eine Chance aufgetan, die tatsächlich ein Neuanfang mit gigantischem Potential für uns alle mit sich bringt. Was das Toy selbst angeht, werden wir neben den Freitagen ab Ende Juni einmal im Monat wieder mit „Nash & Friends“ einen Sonntag Abend machen. Wir starten am 30.06.2013 und haben dann von 20 – 01 Uhr offen.

Wir sind gespannt! Unseren Support habt Ihr auf jeden Fall sicher! Tausend Dank an Euch für Eure Zeit und super viel Glück für die nächsten Schritte.

Interview: Verena Szillat, Fotos: Mario Elsässer aka Marionade

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