Seit 1991 ist Abyss als DJ aktiv und prägte als einer der innovativsten DJs Deutschlands die Szene der 90er und frühen 2000er mit. Obwohl sich der gebürtige Frankfurter und seit 1995 in Berlin lebende DJ im Laufe seiner Laufbahn vorwiegend hinter den Kulissen bewegte, schaffte er es, als einer der wenigen ostdeutschen DJs, sich auch international durchzusetzen.  Sein schneller Aufstieg als DJ katapultierte ihn 1994 erstmals in die Top Ten der beliebtesten deutschen DJs. Seit 2012 kehrt er mit regelmässigen Mixen wieder zurück, im März 2013 spielt er bei einer speziell für ihn angelegten Großveranstaltung erstmals wieder.

2020 geht er ins Studio und mastert frühe Produktionen der Jahre 1999 bis 2004 neu, die im Juni 2021 in den USA und im Juli 2021 weltweit als Album „Paleance“ auf CD und auf allen Streaming-Plattformen erscheinen. Von August bis November 2021 entstehen 11 neue Tracks für sein 2. Album „Into The Abyss„, welches im September 2022 auf Grooves.Land/Kontor New Media erscheint. Dieser Tage erscheint nun die erste Single-Auskopplung mit dem Titel „Ganymed“ – eine berauschende Produktion zwischen Minimal und Deep House. Wir durften mit DJ Abyss nach einem Shooting mit Marie Staggat in Berlin sprechen und einen Blick mit ihm hinter der Vorhang seines Schaffens werfen.

In den frühen 90er Jahren hast Du die ersten Platten aufgelegt. Viele Gigs, Singles und bereits ein Album folgten – was verbindet Dich nach wie vor am Meisten mit elektronischer Musik?

Mein ganz normales Leben verbindet mich mit Musik, schon von frühester Jungend. In meiner Arbeit als Geschäftsführer eines Musik- und Technikvertriebes gehört Musik zu meinem täglichen beruflichen Umfeld. In den 2000er Jahren brauchte ich davon eine Pause von wenigen Jahren. Dieser Abstand zum alltäglichen Berufsleben im Clubbereich, welches von den frühen 90ern bis in die 2000er Jahre aus DJ Gigs und dem Clubleben im Dauerbetrieb bestand, hat mir nicht nur die Freude am Ausgehen, sondern auch an der Musik selbst wiedergebracht. Und natürlich besteht mein privates Umfeld seit den frühen 90ern aus DJs, Produzenten, Clubbetreibern usw.. Dadurch ist die Musik und im speziellen die elektronische Musik ein Dauerthema und ständiger Begleiter in meinem Leben.

Wie lange hast Du an deinem kommenden Album „Into the Abyss“ gearbeitet und welches Konzept hast Du verfolgt?

Ich habe an diesem Album 4 Monate recht intensiv gearbeitet. Erstmals war es bei „Into The Abyss“ nicht so, dass es ein vorgegebenes musikalisches Konzept gab. Ich hatte mir vorgenommen, nur mir selbst verpflichtet zu sein. Ich wollte die Musik machen, die ich mag. Der einzige gemeinsame Nenner war, dass es meine Musik ist. Interessanter weise ist das Album Konzept jetzt auch recht genau die Abfolge der Entstehung der Tracks.

Ein Spiegel der Reise, auf der ich mich musikalisch in den 4 Monaten im Studio befunden habe. Diese ist aber leider erst auf dem Album als Ganzes zu hören. Die vorherige Veröffentlichung der Singles und deren Reihenfolge ist leider Marktgegebenheiten geschuldet. Die Tracks wirken im Album Konzept natürlich komplett anders, als eigenständig. Das ist wie in einem DJ Set, in welchem ein Track eine ganz andere Energie und Kraft entfalten kann, als wenn man ihn einzeln hört. Deshalb finde ich es etwas schade, dass das Album Konzept heute durch die Streamingdienste nur noch so wenig Bedeutung hat.

Die heutige Generation kann diese Reisen im Streaming-Zeitalter nicht mehr erleben, welche wir bei großartigen Konzeptalben, wie Röyksopp’s „The Understanding“, Audio Science „Random World, Olive’s „Trickle“, Air’s „Moon Safari“ uvm. erlebt haben. Das musikalische Konzept bei den Streamingdiensten wird von KIs bestimmt. Und die sind ehrlich gesagt scheisse. Da wird etwas Emotionales, wie Musik, durch ein pragmatisches Konzept aus Logiken und Wahrscheinlichkeiten gepaart mit getrackten Zufälligkeiten bestimmt. Heraus kommt eine gleichbleibende Grütze an stilistischen Wiederholungen ohne Platz für musikalische Vielfältigkeit.

Aber ich will nicht zu viel über die Streamingdienste rummeckern. Immerhin haben sie uns von der geldgesteuerten Spartenknechtschaft der großen Medienkonzerne zu einem musikalischen Angebot verholfen, in dem jeder Künstler seine Chance hat, gehört und verstanden zu werden.

Nun erscheint aktuell die erste Single GANYMED im Vertrieb von Kontor. Kannst Du Dich noch an die Produktion im Studio erinnern?

Ich kann mich noch recht gut daran erinnern. Ich war mehrere Tage zuvor im Haus am See und hatte in der Abgeschiedenheit in der Natur an mehreren emotionalen Brokenbeat Tracks gearbeitet, von denen es auch 2 auf das Album geschafft haben. Also eher Tracks aus der Seele. Das war sehr schön und hat Spaß gemacht. Aber die lethargische Stimmung dieser Umgebung und der Tracks und die anschließende Rückkehr nach Berlin brachten das Gefühl, musikalisch wieder zurück auf den Clubfloor zu müssen. So, als ob man 1 Jahr jedes Wochenende aus geht und dann 2 Wochenenden in der Abgeschiedenheit verbringt. Da entsteht auch ein gewisser Druck, eine gewisse Energie, die raus will. Daraus ist „Ganymed“ entstanden.

Du warst lange Zeit neben Deiner Leidenschaft fürs Auflegen und Produzieren Chefredakteur und Herausgeber des europaweit erscheinenden Techno- und House-Magazins TenDance. Welche wichtige Erfahrung hast Du aus dieser Zeit für Dich als Artist mitgenommen?

In dieser Tätigkeit habe ich zig-tausende Veröffentlichungen aus der gesamten Welt und jeder musikalischen Ausrichtung der elektronischen Musik gehört. Daraus habe ich die Erkenntnis gewonnen, dass es keine schlechten musikalischen Stile gibt. Sondern dass es in den hunderten, wenn nicht sogar mehr Ausrichtungen der elektronischen Musik überall geniale Produktionen gibt. Musik ist sowieso unstrittig, weil sie eine emotionale Kunst ist.

Es gibt keine gute und keine schlechte Musik. Es gibt nur Musik, die mehr Leuten gefällt (ich will nicht sagen, die mehr Leute verstehen) und welche, die halt weniger Leuten gefällt. Wobei das leider auch sehr damit zu tun hat, wie vielen Leuten ein bestimmter Track präsentiert wird, welche Change er also hat, auch vielen Menschen zu gefallen. Aber es gibt meiner Meinung nach keine schlechte oder gute Musik. Alles hat seine Daseinsberechtigung. Das ist mein musikalisches Grundverständnis. Und damit gehe ich ins Studio. Meine persönlichen Gefühle im Studio in Musik zu verpacken klappt am besten, wenn ich dies ohne Einschränkungen an Stile, Instrumente oder andere Vorgaben machen kann.

Woher nimmst Du im Allgemeinen die Inspiration und Kreativität für Deinen Output?

Die Grundlage davon kommt aus meiner Jugend. Ich komme aus einer musikalischen Familie. Mein Opa hat noch klassisch Violine gespielt. Mein Onkel war Profimusiker als Schlagzeuger und Sänger einer Rockband. Mein anderer Onkel hat Hauptberuflich in einem Club gearbeitet. Damit kam ich schon als Kind intensiv mit Musik in Verbindung. Schon in sehr frühem Alter wurde ich auf die Musikschale geschickt, wo ich über längere Zeit Gesang hatte, ein Instrument spielen lernte und mit dem damals ungeliebten Fach Notenlehre tiefere Einblicke in das musikalische Grundverständnis bekam.

Dass ich mich in den frühen 90er Jahren der elektronischen Musik zuwandte, fand natürlich nicht viel Anklang in meiner Familie, bestärkte mich aber natürlich in meiner jugendlichen Widerspenstigkeit umso mehr. Die frühen Jahre klassischer Musiklehre in Kombination mit der groben wilden Clubszene gepaart mit der stilistischen Offenheit aus meiner Zeit beim Ten Dance Magazin sind für mich ein nicht enden wollender Input für immer neue Ideen.

Welches war für Dich ein unvergesslicher Gig in Deiner Zeit hinter den Decks?

Ich habe über die Jahre auf vielen großen Events mit zehntausenden Besuchern gespielt, aber erstaunlicherweise sind es eher die kleinen Gigs, die mir in Erinnerung geblieben sind. Wahrscheinlich, weil dies familiäre Veranstaltungen mit einem gewissen Wohlfühlfaktor waren. Ich erinnere mich sehr gern an Veranstaltungen in der Praxis Dr McCoy in Berlin, an die „Space Admission“ im Berliner Walfisch und im Tresor oder an meine Gigs im Sternradio oder Casino Berlin. Als Berliner DJ hat man bei diesen Gigs natürlich seine Freunde um sich gehabt und erinnert sich deshalb sehr gern daran!

Deine aktive Zeit als DJ und u.a. Resident im Tresor in Berlin liegt hinter Dir. Wie kommt es, dass Du Dich mittlerweile ganz der Arbeit im Studio hingibst?

Gefühlsmäßig ist die Zeit als DJ beendet. Das Business des DJs hat sich mit den technischen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Dadurch ist es von einem lieb gewonnen Handwerk zu einer anderen Art, sich als Künstler präsentieren zu müssen, geworden. Aber ich wollte mich auch verändern, noch bevor es diese Veränderung des DJings gab. Ich hatte das Gefühl, als DJ alles erreicht zu haben und deshalb wollte ich neue Wege gehen und neue Erfahrungen machen. Das Leben ist zu kurz, um ewig dem gleichen treu zu bleiben. Insbesondere, wenn man merkt, dass alles erreicht ist, was man erreichen möchte oder kann.

Für mich endete das DJing mit einer bewussten kurzzeitigen Abstinenz von der Clubszene in den 2000er Jahren. Mir war es zu diesem Zeitpunkt sehr wichtig, aus diesem nicht Enden wollenden Cluballtag heraus zu kommen, in dem ich die Freude am Clubleben und der Musik etwas verlor. Das hat mich zu dieser Zeit sehr verändert. Immerhin war es ja die Liebe zu dieser Musik, die mich dort hingebracht hatte. Und nun verblasste diese Liebe. Außerdem war es für mich auch wichtig, Zeit für die Familie zu finden. In diesem Business ist es äußerst schwierig, ein Familie zu haben und Kinder aufzuziehen.

Des Weiteren hatte ich ja neben der DJ Karriere auch schon seit den frühen 90er Jahren den Musikvertrieb aufgebaut, dem ich mich mehr widmen wollte. Heute habe ich ein erfolgreiches Familienunternehmen im Bereich Musik, eine tolle Familie und wieder extrem viel Spaß, wenn wir in einen Club oder auf ein Festival gehen. Deshalb war die Entscheidung richtig. Was mir die Jahre nur extrem gefehlt hat, war die Studioarbeit. Wie sehr sie mir gefehlt hat, habe ich so richtig gemerkt, als ich es 2021 wieder neu aufgebaut und die ersten neuen Produktionen begonnen habe.

Gibt es rückblickend einen Wendepunkt bzw. Moment der für Dich als Künstler essenziell etwas verändert hat?

Ohh, da gibt es inzwischen einige Momente. Dabei waren das eher weniger Wendepunkte. Veränderungen haben mit immer frisch gehalten, bis heute. Ich überdenke und hinterfrage regelmäßig meine aktuelle Ist-Situation. Immer auf der Suche nach einer Optimierung und Verbesserung. Manchmal brauche ich auch einfach nur einer Veränderung, damit es nicht langweilig wird.

Aber entscheidende und bewegende Momente waren für mich zum einen der sehr frühe Tot meiner Mutter, die für mich wie eine Freundin war, weil wir nur 18 Jahre auseinander lagen. Sie hat mich in den Anfangsjahren als DJ sehr erfolgreich gemanagt. Ich war ja damals mit meinem 19 Jahren faktisch noch ein Kind. Und die Geburt meiner Tochter war für mich ein sehr wichtiger Moment. Vater zu werden verändert einiges. Es reaktiviert dein Bewusstsein für das Leben. Es bringt viel Verantwortung, aber hat mir auch viel Mut gebrachte, bestimmte Sachen wieder anzugehen.

Was plant DJ ABYSS für die nächsten Monate?

Nach der Fertigstellung des aktuellen Album wollte ich eigentlich einige Monate Pause machen. Insbesondere, weil die Endproduktionen eines Album immer recht mühselig ist. Da geht es nicht mehr um Kreativität, sondern um nicht enden wollende Feinjustierungen und Genauigkeiten. Etwas, was gemacht werden muss und was ich auch nicht aus der Hand geben möchte. Aber schon nach wenigen Wochen hat es mich doch wieder in den Fingern gejuckt und nun sitze ich bereits am nächsten Album, deren erste Tracks fertig sind und deren VÖ für 2023 geplant ist.

DJ Abyss – Ganymed  bei iTunes & Spotify

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