Das Business ist auf drei Säulen aufgestellt. DJ, Producer, Booker. Eigentlich alles richtig gemacht, wenn da nicht eine Pandemie das komplette System lahmlegt. Raphael Dincsoy hat die ungewollt freie Zeit für ein Album genutzt.

Wenn man sich die Nächte nicht mehr im Club um die Ohren schlagen kann, dann wenigstens im Studio. Viele Acts der elektronischen Szene haben sich in den mittlerweile fast zwei Jahren, in denen die Handbremse angezogen ist, mit neuen Tracks befasst und die Zeit wenigstens auf diesem Wege genutzt. Bei Raphael Dinscoy ist ein ganzes Album entstanden, das Anfang 2022 veröffentlicht wird. Bis die Arbeit aber mal im Fluss war, hat es ein bisschen gedauert:

Ehrlich gesagt hatte ich das gar nicht geplant. Ich hatte viele Ups und Downs in der Corona-Zeit. Ich hatte mir immer so viel Zeit zum Musik machen gewünscht und als diese dann da war, bekam ich nichts zu Stande. Es hat fast 6 Monate gedauert bis ich endlich einen Flow im Studio gefunden hatte. Ich hatte ja in der Anfangszeit des Lockdowns bereits viel mit neuen Genres experimentiert und in DJ-Sets bzw. Podcasts ausprobiert. Props gebühren hier auch meiner Ex-Freundin Selina, die einen echt großen musikalischen Horizont hat und mir auch immer wieder neue Künstler oder Labels empfohlen hat. Im Studio konnte ich das dann aber erst im Spätsommer 2021 umsetzen. Nachdem ich dann die ersten zwei, drei Tracks fertig hatte, kam erst der Gedanke des eigenen Labels und dann nach dem vierten und fünften Track entstand die Albumidee. Am Ende ist es dann beides geworden. 0711 das Album und HALBWELT das Label.

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Und so war es kaum zu vermeiden, dass die alte Liebe zum HipHop aus dem Ghetto mit den jahrelang gesammelten Erlebnissen aus der Technowelt zusammenkamen. Das Album „0711“ werden viele daher nicht direkt mit dem Sound von Raphael Dincsoy in Verbindung bringen, den sie von ihm als Club DJ kennen:

Stimmt, aber tatsächlich ist die Schnittstelle zwischen Techno und Rap/Trap oder HipHop ja mehr oder weniger Electro. Denkt man zum Beispiel an die 80s/90s spiegelt sich das vor allem in der Breakdance Ära wieder. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, ohne den klassischen Electro gäbe es den heutigen Techno so gar nicht. Bei Breaks ist es ja ähnlich, da stecken auch verschiedene Genres und Einflüsse drin.

Der Begriff „Electro“ hat viele Musikfans in den vergangenen Jahren gespalten. Von den Medien wurde er oft einfach als Überbegriff für elektronische Musik eingesetzt und somit waren auch Martin Garrix und Klingande plötzlich „Electro“. Vor Kurzem hat sich Anthony Rother dazu in einem Insta-Posting auch geäußert, der eine ähnliche Einstellung wie Raphael Dincsoy dazu hat:

Anthony ist natürlich einer der wichtigsten Künstler in dem Bereich, vor allem aus Deutschland. Letztes Jahr hatte ich ein super interessantes und langes Telefonat mit ihm. Da hat er mir auch noch mal aus seiner Sicht erzählt, wie wichtig es ihm ist sich musikalisch wieder auf seine Wurzeln zu besinnen. Es ist auch echt der Wahnsinn was er für einen Output die letzten Monate hat. Auch wenn meine Tracks nicht nach „Ihm“ klingen ist er schon immer eine große Inspiration gewesen. Carl Finlow finde ich ebenfalls sehr stark. Nicht fehlen dürfen Aux88, Cybotron oder DJ Stingray. Es gibt aber auch gerade in dem Electro, Ghetto und Breaks-Segment ganz viele freshe, junge und neue Künstler*innen wie Mell G, Cyan85, Manao, MCR-T, Partiboi69, Maruwa, Jensen Interceptor, Luz1e und viele mehr. Checkt am besten meine „Ghettobass Anthems“ Spotify Playlist – da gibts regelmässige Updates und vor allem auch viele „neue“ Acts zu entdecken.

Man merkt an solchen Antworten, dass Raphael Dincsoy schon seit vielen Jahren in vielen Genres zuhause ist. Bei seiner Heimatstadt gibt es aber keine Vielfalt, da ist er ganz klar auf Stuttgart fixiert und so heißt das neue Album auch 0711, nach dem Citycode der Schwabenmetropole:

Es ist ganz klar eine Hass-Liebe! Meine grösste Verbundenheit ist sicherlich die zu den verschiedenen Subkulturen der Stadt. Sei es Nightlife, „Fussball“-Szene sowie ein paar andere „Halbwelten“. So wenig ich mit der hiesigen Politik anfangen kann, umso mehr mag ich die Stadt an sich. Wir haben hier z.B. sehr gute Restaurants oder Bars. Auch müssen sich unsere Clubs nicht vor dem Rest Deutschlands verstecken, ganz im Gegenteil. Wenn man bedenkt wie klein die eigentliche Szene wirklich ist, ist hier dennoch einiges geboten. Stuttgart ist eine gute Mischung aus „Großtadt“ und „Dorf“. Das spießige und oft schwäbisch, kleinkarierte fuckt schon mies ab –  oder das die Stadt unter der Woche Abends/Nachts quasi „tot“ ist – alles nicht geil. Dennoch fühlt es sich jedes mal richtig und gut an wenn ich z.B. nach Gigs oder nach einer längeren Zeit in Berlin wieder hier ankomme.

Auch wenn Rapha es im Interview nicht direkt erwähnt hat, darf man beim Stichwort Stuttgart nicht seine Verbundenheit zum Club Lehmann verschweigen. Dort ist er Booker und Resident-DJ und der Style vom neuen Album wird dort nach der Pandemie-Pause auch in seinen DJ-Sets zu hören sein:

Safe! Das fing aber sogar schon vor dem Album bzw. den neuen Produktionen an. Wie schon erwähnt hab ich bereits im ersten Lockdown meinen „Style“ als DJ langsam umgestellt. Electro und Ghetto House/Ghetto Tech waren ja schon lang Teil meiner Sets. Aber inzwischen würd ich am liebsten nur noch Breaks, Electro und Ghetto spielen. 4-to-the-Floor muss gar nicht mehr unbedingt sein. Leider sind die Raver hier noch nicht ganz so weit, auch wenn die Akzeptanz und die Euphorie für diesen Sound gerade die letzten Monate zunehmend mehr wird.

Bei der Veröffentlichung und Promotion vom Album hat sich Raphael Dincsoy vom HipHop-Business inspirieren lassen und wird die kommenden Wochen immer wieder Tracks und Videos releasen. Im Februar 2022 steht dann das komplette Album in den Stores und bis dahin wünschen wir euch viel Spaß mit den Ghettobass Anthems von Rapha, in denen ihr auch die Tracks vom Album hören könnt.

 

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