Matt John, der Joker aus dem Family ParkWer sich näher mit elektronischer Musik beschäftigt, dem dürfte spätestens seit letztem Herbst der Name Matt John das ein oder andere Mal begegnet sein. In Berlin längst kein unbeschriebenes Blatt mehr, wird es für den Partysan Zeit, einmal genauer nachzufragen und Licht ins Dunkel zu bringen.

Als mir vor geraumer Zeit die Demo-CD von Matt John in die Hände fiel, faszinierte mich sofort diese Mischung aus detroit-inspirierten, melodiösen Sequenzen und ihre ungeschliffene Spiritualität. Seine Tracks fallen auf, haben etwas zeitloses, sind eigenwillig und nonkonform arrangiert, emotional und dadurch deep.

Knapp zwölf Monate später begegne ich dem meisten Material in vinylgepresster Form, offenbar ist es Labels wie Contexterrior, Bar25 oder Perlon recht ähnlich ergangen. Auch als Remixer hat sich der umtriebige Berliner mittlerweile einen Namen gemacht. Vor allem seine Interpretation von Alter Egos „Daktari“ begeisterte in den Clubs, kein Wunder, das sich Richie Hawtin nicht lange bitten ließ und zwei Tracks für seinen DE9:Transitions-Mix lizenzierte. Doch nun genug des Namedroppings und der Effekthascherei, denn das hat er gar nicht nötig und es entspricht auch nicht seinem bescheidenen Naturell.

Matt John, der Joker aus dem Family Park

Wir treffen uns an einem Dienstag, Matt ist gerade von einer kleinen Reise zurückgekehrt, die ihn zuerst nach Italien und dann über Stuttgart und Paris wieder nach Berlin brachte. Die letzten Tage waren schön, erlebnisreich dennoch anstrengend für ihn.

Stichwort Berlin, hierhin trieb es ihn vor einigen Jahren und in dieser Stadt scheint er auch definitiv angekommen. Geboren und aufgewachsen im sonst eher beschaulichen Harz, einem kleinen Gebirge in der Mitte Deutschlands kam er in den Neunziger Jahren mit elektronischer Musik in Kontakt. Es folgten erste Gehversuche hinter den Plattentellern und eine Residency im einzig nennenswerten Club dieser Region. Die „Alte Weberei“, an sich eher eine Großraumdiskothek mit angegliedertem Techno-Club, wurde für einige Jahre seine Spielwiese mit einer eigenen Veranstaltungsreihe. Hier konnte er sich ausprobieren und vor allem gehörig austoben, bis zum Produzieren von eigenem Material war es nur noch eine Frage der Zeit. Im Jahr 2000 verwirklichte er gemeinsam mit einem Freund die Idee vom eigenen Plattenladen.

„Unser Laden hieß Sine-Music. Anfangs haben wir die Platten ausschließlich über das Internet von zu Hause aus vertrieben. Später haben wir eine größere, eigentlich recht schöne Location samt Keller angemietet.“

Obwohl es gut lief, folgte 2003 der Umzug nach Berlin, dem Magnetismus der Stadt erlegen.

„Berlin hatte natürlich schon immer einen gewissen Reiz für mich. In erster Linie lernte ich die Stadt allerdings durch meine ältere Schwester kennen, die bereits seit einigen Jahren hier wohnt. Natürlich war ich auch irgendwann bei der Love-Parade, meine erste war 1997.“

Der Plattenladen fand eine neue Heimat in der Lychener Str. im Stadtteil Prenzlauer Berg. Nach einem Einbruch und dem Verlust wertvoller Platten beschloss man die Sache ruhen zu lassen. Von nun an widmete sich Matt John vornehmlich der Musik, forcierte das Produzieren, wuselte als DJ durch die Stadt oder stürzte sich ins nächtliche Getümmel. Vor allem die auch bei Nicht-Berlinern beliebten Afterhour-Spots wie „Beatstreet“ oder die „Bar25“ rückten ihn näher ins Rampenlicht. So schuf er auf der „Beatstreet“ unter anderem eine Plattform, wo Musiker spontan ihr Equipment verkabeln konnten, um gemeinsam Sounds zu kreieren und Experimente auszuleben.

Während seiner DJ-Sets kombiniert er bis zu drei Turntable und Live-Equipment miteinander, vielleicht um sich selbst nicht zu limitieren, vielleicht auch um einen bestmöglichen Grad der Kommunikation zu erreichen. Multidimensional sozusagen. Dabei hält es Matt John so ähnlich wie in seinen Produktionen. Gefühle, pure Energie, weniger eine Botschaft wird vermittelt. Vielmehr geht es ihm um etwas Bildhaftes, einer gewissen Körperlichkeit in der Musik. Matt nennt es „Holographic Music“.

„Wenn ich Musik mache, will ich mich ausdrücken. Jeder Track soll Emotionen vermitteln.“

Der letzte Herbst brachte für ihn die Wende. Die von ihm produzierten Tracks gelangten in die richtigen Hände und erblickten das Licht der Öffentlichkeit. Nach einem Beitrag auf dem Jay-Haze-Label Contexterrior, folgte mit „Joker Family Park One“, released auf Perlon, die Scheibe, dessen Nachfolger dieser Tage die Plattenläden erreicht. Selbst gern bei der monatlichen Sause von Sammy Dee & Zip in der Panorama-Bar zu Gast, freut ihn besonders die positive Resonanz von Perlon:

„Ich schätze Sie sehr. Ihre Musik hat immer einen großen Einfluss auf mich gehabt.“

Als es zum Jahreswechsel galt, die Geschehnisse der Bar25 musikalisch zusammenzufassen, war es Matt John vorbehalten, den Geschichten und Bildern einen Rahmen zu geben, „Kommt was nach Montag?“, wird seitdem häufiger gefragt.

Musikalisch geht es vorwärts und auch er selbst durchlebte in den letzten Monaten einen bestimmten Reifeprozess, eine Transformation der eigenen Gefühlswelt und der Seele gewissermaßen. Seitdem sieht er die Dinge etwas gelassener und geht alles mit mehr Ruhe an.

Für die nächste Zeit hat er ebenfalls schon Pläne. Im Mai erscheint die „Behind The Atoms EP“ auf Underline, dem Label von Troy Pierce, für dessen Track „25 Bitches“ er einen Remix angefertigt hat. Er wird im Laufe des Jahres auf Minus erscheinen, während seine Interpretation der Alex-Smoke-Nummer „Meany“ (Soma 0193) bereits seit Anfang März in den Regalen steht. Für MyMy ist ebenfalls ein Remix im Gespräch. Bis dahin reist Matt John als DJ und/oder Live-Act durch die Welt, wobei er derzeit lieber live spielt, wie er im Interview erzählt:

„Das Verhältnis zwischen Live-Sets und DJ-Gigs ist gegenwärtig etwa 50:50. Auch wenn ich sehr gern auflege, spiele ich momentan lieber live. Hier kann ich meinen Gefühlen freien Lauf und mich treiben lassen.“

Die Doppel-EP „Joker Family Part Two“ (Perlon 054) ist seit 27. März 2006 erhältlich.

Matt john`s 10 Lieblingsstücke:

01. various artists – superlongevity 4 (perlon 56)
02. luciano & thomas melchior (cadenza 11)
03. pantytec – maybe (perlon 53)
04. troy pierce – enemy love LP (underline 006)
05. mathias kaden – pentaton (vakant 07)
06. seth troxler – satisfy
07. tim Xavier – ride the matterhorn (ldt 004)
08. guido Schneider – pokerflat lp
09. leif – no possibility (trim 03)
10. bruno pronsato – the ricer (hello repeat 04)

Text: Alexander Markworth

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