Ubrain. Die Musik für mein Hirn. Mit der Extraportion Alpha-Wellen.

Yo!
Die Neuropsychologin Brigitte Forgeot steht auf binaurale Beats.
Yo!
Moment mal.
Die Neuropsychologin Brigitte Forgeot?
Okay. Solche Menschen soll es geben.
Und auf was steht sie?
Binaurale Beats?

Yo?

Nun, Forgeot ist Psychologin am Hopsital Pitié Salpétrière. Das ist schön. Das Pariser Institut ist eine Klinik für Aufmerksamkeitsstörung, also Ritalin verjunkte Kids und Ausnahmegenies, die das Telefonbuch auswendig können. So weit so gut. Dies bietet uns noch keinen besonderen Grund zur Aufregung.

Es ist das andere, das sich hier reibt und in den Schwanz beißt. Ein binauraler Beat ist – de facto eine Wortneuschöpfung, allerdings der eher peinlichen Art – zusammen geschustert aus dem wissenschaftlichen Begriff „Binauralität“ und dem eines hippen Pop-Marketings. Das erregt das Gemüt ein bisschen, legt man mehr Wert auf Soundresearch als diejenigen, die nur bare Münze wittern und Klangforschung in einen Onlineshop auswildern möchten.

Tja. Werbung geht oft unheimliche Wege. Jeder kennt es: Oh John! Ja, Cindy! Wow! Das ist ja fantastisch, Cindy!

Wobei das Quaken einer renommierten Wissenschaftlerin, in einem weißen Kittel, solch dezent versuchtes Marketing stets als I-Tüpfelchen ziert.

Digital Reality veröffentlichte ein Interview mit Frau Forgeot über das Phänomen „binauraler Töne“. Diese stellen allerdings wissenschaftlich keineswegs Neuland oder gar einen Paradigmenwechsel der Neurologie dar, und so wird die Wirkung der Software Ubrain eher beworben wie eine Milchschnitte.

Ubrain von Fachärztin empfohlen. So heißt es, ohne sich damit selbst verarschen zu wollen, tatsächlich.

Wir schmunzeln. Steckt doch so viel Wahrheit darin.

Binaurale Signale wurden 1839 vom deutschen Wissenschaftler Dove entdeckt. Sie haben durchaus Effekt und nützen. Sie ermöglichen unseren Gehirnhälften sich zu synchronisieren: Der Frequenzunterschied von Tönen wird neuronal so verarbeitet, dass das Gehirn sich ihnen angleicht. Es erzeugt Wellen, die diesem Unterschied entsprechen. Töne mit 8 bis 13 Hertz Unterschied beispielsweise erzeugen im Gehirn Alpha-Wellen. Dies ist ein so genanntes „Frequenzfolgeverhalten“. Es erhöht Konzentration, Wohlbefinden, die Gehirnleistung.

Es ist eine pure Wahrheit. Wissenschaftliche Fakten, wie sie wissenschaftlicher und faktischer kaum sein könnten.

Die Wirkung, die diese Art Schallwellen auf die Großhirnrinde haben, wurde in den 70ern von Dr. Oster weiter beobachtet und dieser prägte letztendlich den wissenschaftlichen Bergriff „binaurale Töne“.

Erst jetzt, 2010, wurde dem dann „Beats“ hinzugefügt, eine schier Nobelpreis verdächtige Leistung.

Eine pure, traurige Wahrheit, das alles vermarktet wird, was auch auf uns wirkt.

Die Software Ubrain basiere auf „diesen binauralen Beats“, so heißt es – hipp.

Diese beeinflussten die Stimmung des Users, während der seine Lieblingsmusik höre.

Die Folge seien neue Energie, Entspannung, erhöhte Aufmerksamkeit und Denkvermögen.

Dies stimmt! Nichts für ungut. Es geht weniger darum, zu kritisieren, dass uns Ubrain sein binaurales Dingsda anpreist wie eine Superdroge, mit der wir uns nach Arbeitsende wegschießen oder uns so weit hochputschen, bis wir einen Biathlon gegen Ole Einar Bjørndalen rennen. Es sind die kleinen Ecken und Kanten, die versuchen einen Kreis zu quadratieren.

Klangforschung ist ein Gut unserer Musikkultur und ein ernst zunehmendes Gebiet der Wissenschaft. Allerhand erstaunliches hat sie zum Vorschein gebracht:

Leon Theremin, später Luft- und Raumfahrtforscher der ehemaligen Sowjetunion, erfand in den 20er Jahren das „Thermenvox“. Sozusagen den ersten Synthie, den man zum Erstaunen vieler, die noch heute ihren Mund kaum zu kriegen, unsichtbar, mittels Magnetwellen in der Luft bedient. Eine Erfindung von und für Nerds, voll von Ideologie, fern von Kommerz.

Ein noch besseres Beispiel, unserer heutigen Zeit.

Das ZKM, Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Im Institut für Musik und Akustik unter Professor Brümmer wird Klangforschung mit so viel Herzblut angegangen, dass die Kommerzialisierung dessen keinerlei Chance bekommt. Viele klopften schon an, um Brümmer seinen „Klangdom“ abzuschwatzen, ein Soundsystem aus 43 Lautsprecherboxen, die an einem ellipsenförmigen Rig dreidimensional im Raum schweben. Mit der dazu entwickelten Software entstehen derart komplexe Klangbilder, wie sie bisher nicht existierten. Etwas, wovon die musikalische Avantgarde seit Anfang des letzten Jahrhunderts träumt. Brümmer wickelt einen schnell zur Sekretärin ab, sollte man ihn mit Kooperation und Vermarktung nerven, die sagt einem dann „Bye Bye“.

Klangforscher sind Eigenbrödler.

Alvin Lucier baute 1965 einen Apparat, der seine Gehirnwellen derart verstärkte, dass sie in akustische Schwingungen umgesetzt wurden. Es gelang ihm, mit seinen Gedanken das Membran eines Lautsprechers so stark in Schwingung zu versetzen, dass er Percussions zum Klingen brachte. Das ist mal ein Heureka!

Professor Lucier ist unter Freunden der Klangforschung ein regelrechter Star und weltbekannt für seine Tonbandaufnahme von „I Am Sitting In A Room And Recording My Own Voice“, die sich solange wiederholt und doppelt, bis sie sich anhört wie eine übersteuerte Kreissäge aus einer anderen Galaxie. Von Marketing und Kommerzialisierung kann keine Rede sein.

Schuld sind wir selbst.

So gesehen kann man Ubrain gar keinen Vorwurf machen. Es ist die Gesellschaft, das System, in dem wir leben. Wir vermarkten alles zu Kohle. Uns, die Oma, den Hundi, Che Guevara, den DJ der guten Laune.

Wir haben die Schuld. Die, die konsumieren.

Situationen, die aus purer Anarchie und kompromisslos autonom entstanden – sie sind Gold und Platin geworden: Die Fusion war einmal Flaggschiff für Antikapitalismus und ein kommerzfreies Festival, Berlins Club Riese Sage ein besetztes Haus und der millionenschwere Künstler Daniel Richter ein Besetzer.

Bald werfen Passanten ihre Münzen in die Hüte von Globalisierungsgegnern, während die in der Fußgängerzone ein Auto anstecken oder Mutter Theresa gründet einen Hedgefonds

Solche Menschen soll es geben. Wir sind es selbst.

Wir haben es nicht anders verdient. Wir entscheiden, was wir uns wünschen, egal ob QVC-Shop oder Westerwelle. Wir hatten die Wahl. Wir haben gewählt. Wir haben´s verdient.

Oh John!

Dank der einzigartigen Technologie von Ubrain stellt sich die Anwendung auf die individuelle Stimmung der Nutzer ein. Die User der App werden nach ihrer „Ich bin“-Situation und ihrem „Ich fühle“-Befinden gefragt.

Ja, Cindy? Wow!

Dann hilft Ubrain dabei, die erwünschte „Ich möchte“-Stimmung festzulegen.

Das ist der Wahnsinn, John!

Anschließend lauschen die Anwender ihrer Lieblingsmusik in Kombination mit den Beats von Ubrain. Das gibt ihnen die Möglichkeit, bereits bekannte Musik ganz neu wahrzunehmen und damit Einfluss auf ihre Stimmung zu nehmen.

Oh John!

Dadurch soll ein Wohlgefühl erzeugt werden, die Laune soll sich bessern, die Aufmerksamkeits- und Gedächtnisspanne soll größer, der Umgang mit Gefühlen erleichtert und Ängste reduziert werden.

Cindy!

Alpha- und Delta-Wellen führen zu einem großen Entspannungszustand, Beta-Wellen hingehen wirken stimulierend.

Stopp. Nicht so vorschnell!

Zwischen den Zeilen, an wissenschaftlichem Text vorbei hin zum Teleshop, sollte man lesen, was wir sind. Schuld.

Spart man sich dank Ubrain im Endstadium jetzt das Morphinpflaster oder kurz vor dem Ausgehen ins Berghain den Pepsnief – das sei dahin gestellt. Wir wissen nur eins. Lobbyismus ist überall. Und Ubrain ist die neue Milchschnitte.

Mit der Extraportion Alpha-Wellen.

„Die Kombination aus Lieblingsmusik und Schallwellen ist ein großer Vorteil, der sehr viel Spielraum für kreative Freiheit und unterschiedliche Verwendungsmöglichkeiten lässt“, so Brigitte Forgeot. Die Psychologin, die Ubrain auf den Leim ging und sich so anhört wie ein Wunderdoktor mit einem Haarwuchsmittel, auf einem Viehmarkt neben dem Saloon von Daisy Town.

Auch PaulvanDyk wirbt kräftig für die neuronale Welle, die in den U.S.A. schon jede Menge Teenies dazu brachte, sie zu testen – als es sich rumsprach, sie sei wie eine Droge. Den Vogel jedoch schießt immer noch Forgeot vom Baum.

„Ich halte Ubrain durch seinen einfachen und universellen Einsatz binauraler Schallwellen auf sicheren Frequenzen für ein sehr interessantes Produkt. Ich freue mich auf die Veröffentlichung und hoffe, dass es sich auch für den Einsatz bei therapeutischen Behandlungen eignet.“

Oh! Das ist kaum zu glauben, Brigitte!

Wir sind gespannt auf das Feedback.

Habt ihr euch die App gezogen?

Wie sind eure Erfahrungen?

Kick oder Flopp?

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