Wenn sich am Pfingstsonntag die Tore der WeststadtHalle in Essen öffnen, treffen hier mit Moguai und Chris Liebing nicht einfach nur zwei Größen der elektronischen Musikszene Deutschlands aufeinander.

Vielmehr stehen die beiden seit vielen Jahren für ihren ganz eigenen Sound, und haben dank zahlreicher Releases, jeweils einer eigenen Eventreihe und nicht zuletzt ihren Labels PUNX und CLR die Musikszene unseres Landes über all die Jahre stark mitgeprägt. Während Moguai national wie international Ruhrgebiet und Rheinland vertritt und mit seinem ganz eigenen Freestyle-Sound – nicht ohne Grund ist sein Imprint zu einem Synonym für eine ganz eigene Stilrichtung geworden – die Fahnen hoch hält, ist Chris Liebing durch und durch ein Kind des technoiden Frankfurts. Seine Interpretation von clubaffinem Techno hat er längst auch in den letzten Winkel dieser Welt transportiert und mit seinem Label einen echten Mehrwert geschaffen. Jeder für sich hat seine ganz eigene Vorstellung davon, wie elektronische Musik und alles Dazugehörige zu funktionieren hat, und beide setzen ihre Ideen zur Bereicherung der Szene stets schnell und effektiv um. Wie aber sehen sie sich selbst, ihre Musik, die Welt und die Clubszene an sich?

Wie betrachtest du dich persönlich und deine Musik vor zehn Jahren im Vergleich zu heute … wo siehst du die größten Unterschiede, wo die augenscheinlichste Weiterentwicklung?

MOGUAI
MOGUAI_webIch will jetzt nicht damit anfangen, dass Früher alles besser war. Früher war alles neu und unverbraucht. Die Techno oder Technozid Partys waren verboten und improvisiert. Es herrschte eine großartige Aufbruchstimmung in eine neue Ära!. Es gab damals nur die Musikrichtungen Techno oder Technozid (die etwas härtere Gangart). Man könnte sagen, die Musik war stumpf und geradeaus, wenn man sie heute rückblickend betrachtet. Doch damals war es neu, anders und es ging nur um die unglaubliche Energie. Auch ich habe damals nur Techno gespielt. Techno in seiner ursprünglichsten Form. Daraus entwickelten sich dann die einzelnen Facetten, wie House, Trance, Elektro oder BigBeat bis hin zu Minimal und Maximal.

1992 auf dem Union Rave in Düsseldorf hatte ich persönlich ein Schlüsselerlebnis: Oliver Bondzio spannte in seinem Set einen Bogen von -Goodman give it up- (Tribal House) bis hin zu Jeff Mills / Basic Channel (Techno), und das extrem gut erzählt. Ein weiteres Erlebnis, dass mich nachhaltig geprägt hat, war das Set von Laurent Garnier auf der 2. Mayday in Berlin. Diese Offenheit und Freiheit habe ich mir bis heute versucht zu bewahren. Ich möchte mich nicht auf eine Richtung festlegen müssen, sondern die Musikwahl einzig und allen dem Hier und Jetzt überlassen.

CHRIS LIEBINGChris Liebing > Evolution. Splatter-mäßige GänsehautSamples, überraschendvertrackte Kick-Strukturen
Interessanterweise habe ich letztens ein DAT mit meinem Set vom November 1996 gefunden. Was ich da gehört habe, hat mich in vielfacher Hinsicht überrascht. Zum einen die Musik. Da waren echte Klassiker dabei wie z.B. Spiritcatcher, Wishmountain usw. – und die Geschwindigkeit war recht moderat, so bei 134 bpm. Es groovte gut. Auffällig war aber auch der schlecht Klang und viele Momente, bei denen es langweilig wurde, weil einfach nicht genug passierte. Auch einige Scheiben waren dabei, bei denen ich mich wundere, dass ich so was überhaupt mal gespielt habe, so roh und billig klingen die….und langatmig. Mein erster Eindruck war eigentlich ganz positiv, aber bei genauerem hinhören fiel mir schon auf, dass unsere Musik sich glücklicherweise sehr weiterentwickelt hat. Grade im Bezug auf Sound.

Was die eigentliche DJ Technik angeht ist glücklicherweise auch einiges passiert. Ich versteh teilweise gar nicht, dass man das damals mitreißend und gut fand, aber so erinnere ich mich an diese Zeit. Ich denke das liegt daran, dass man sich noch nicht so wirklich ausmalen konnte, was noch alles möglich sein wird. Hoffentlich sehen wir das in 10 Jahren auch so, ansonsten würden wir uns nicht weiterentwickelt haben.

Was mich betrifft, weiß ich, dass ich immer noch auf der Suche bin. Aber ich bin definitiv schon Lichtjahre von der Unwissenheit entfernt, die ich noch vor 10 Jahren hatte.

Vieles hat sich im Laufe der Jahre sowohl auf dem gesellschaftlichen Sektor aber auch in der Clubszene an sich verändert. Was sind deiner Einschätzung nach die einschneidensten Entwicklungen? Was hat sich zum Positiven, was sich zum Negativen verändert?

MOGUAI
Die entscheidende Entwicklung in der Clubszene ist, zum einen die Entwicklung der elektronischen Musik und das entstehen ihrer vielen einzelnen Stilrichtungen bzw. Facetten und zum anderen die Entwicklung der Visuellen und soundtechnischen Möglichkeiten. Es ist anspruchsvoller, offener und reichhaltiger geworden. Aus der kleinen, andersartigen und verbotenen „Techno Welt“ hat sich eine ganze Kultur entwickelt. Das klassische Schubladen Denken hat sich aufgelockert, bis aufgelöst.
Gott sei Dank!

Natürlich hat die Gesellschaftliche Entwicklung auch keinen Halt gemacht. Dort hat das tägliche Angebot an Informationen und vielschichtigen Möglichkeiten auch sehr zugenommen, was in erster Linie positiv ist. Auch das macht das Leben reichhaltiger und ein jeder hat mehr Optionen. Doch dies ist ein 2 schneidiges Schwert, denn auf der anderen Seite hat das auch zu einem sehr deutlich werdenden Werteverfall geführt. Fast alles ist scheinbar austauschbar, schnelllebig und oberflächlich. Das Miteinander da draußen ist kühler geworden. Deshalb lasst uns alle dazu beitragen ein bisschen mehr Wärme in diese doch so schöne Welt zu tragen!

CHRIS LIEBING
Ich bin Optimist. Ich denke die Menschheit hat dazugelernt. Machthaber haben begriffen, dass sie nicht mehr beliebig Menschen auf Dauer manipulieren können. Aber es muss weiter daran gearbeitet werden, dass auch die schlechten Geschehnisse der Menschheitsgeschichte in den Köpfen bleiben, um Wiederholungstaten zu vermeiden. Auf der anderen Seite tun sich neue Ungerechtigkeiten auf. Es gibt noch viel zu tun, bis die Erleuchtung uns alle heimsucht. Aber wie gesagt, ich bin Optimist.
Die Clubszene ist inzwischen viel professioneller geworden. Abgesehen von besseren Anlagen und ausgeklügelten Locations und Events sind auch wesentlich weniger schwarze Schafe in diesem Business unterwegs. Das kommt nicht nur uns Künstlern entgegen, sondern davon profitieren auch in erster Linie die Clubber und das gesamte Publikum.

Klar ist der Reiz des Neuen und der Charme des Undergrounds inzwischen weitgehend verpufft, aber wer will schon sein ganzes Leben in einem dunklen, nebligen, feuchten Keller verbringen, wo die Anlage nur wummert. Das war eine Zeitlang ganz schön und auch einzigartig, aber es muss nicht immer so sein.

Chris Liebing @Loveparade 2007 in Essen:

Moguai @Loveparade 2007 in Essen:

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