Chaim, deine erste LP ‚Alive‘ kommt Mitte Februar in die Läden. Einige Tracks sind sehr discoid und clubbig, andere haben einen sehr tiefen und subtilen orientalischen Einfluss. Was wolltest du uns geben?


Was ich zeigen wollte, ist meine eigene persönliche, musikalische Reise und auch die unterschiedlichen Seiten, die ich in mir habe. Man könnte auch sagen, die unterschiedlichen Gefühle, die ich in mir hatte, als ich gerade das Album machte. Es ist sehr schwer für mich, mich mit einem Genre zu definieren, gerade heute, wo sich alles nach allem anhört – Menschen von überall her inspirieren einander.

Ich versuche, das jedenfalls auch zu machen… Für mich ist ‚Alive‚: ein bisschen launisch, auf eine positive Art und Weise sogar dekadent und sehr fröhlich zur gleichen Zeit. Erst am Ende meines Schaffensprozesses bemerkte ich dann, wie sehr ich mich selbst tatsächlich in das Projekt verwirklicht hatte.

Welcher Track auf ‚Alive‚ gefällt dir selbst am besten?

Hmmh… Gute Frage!
Also, mein Lieblingstrack ist ‚Who Said What‘, da er sich von den anderen sehr unterscheidet. Für mich hat er eine höhere elektronische Aussagekraft. Auf ihm sind Vocals von Elisa Sednaoui – sie ist Schauspielerin und Model und ein sehr talentierter und einzigartiger Mensch. Sie ist eine gute Freundin von mir. Ihre Stimme ist so anders und einzigartig. Ich versuche gerade, sie zum Singen zu überreden! Wünscht mir Glück…

Wie würdest du ‚Alive‚ beschreiben? Ein Album, dass…

… vor drei Jahren als Idee angefangen hat – und fertig war in acht Monaten. Das Album ist ein Soundtrack zu dem, was ich während dieser Zeit so durchmachte. Verschiedene Phasen meines Privatlebens, meiner Arbeit, meines Musikgeschmackes. Ich bin sehr offen für alles. Und ich liebe all das, was einen gut fühlen lässt. Zwar unterscheiden sich die Songs voneinander – immerhin so wie ich es sehe. Aber da gibt es etwas, das sie alle verbindet. Deswegen denke ich auch, dass es irgendwie wie ein Soundtrack kommt, ein Soundtrack von Moods.

Allerdings weiß ich, dass in der Zeit, als die Arbeit an dem Album vor drei Jahren begann, nicht der richtige Mood in mir herrschte, um ein ganzes Gesamtes zu erschaffen. Stattdessen veröffentlichte ich immer wieder verschiedene, einzelne Tracks, die meine zerstreuten Emotionen und unterschiedliche Eindrücke reflektierten. Ich glaube, das ist das wundervolle daran, sich selbst durch Musik auszudrücken. Es gibt zu Anfang die Idee, dann die Musik selbst und am Ende das Ergebnis – was nicht immer miteinander übereinstimmt, aber immer die Geschichte von einem Bruchteil deines Lebens erzählt.

Deine Sets mischst du auch sehr gerne mal mit Mainstream Popsongs auf. Was ist der künstlerische Hintergund? Meinst du das ironisch? Oder ist das ein discoider Mood, den du up-to-date bringst? Ein Mood, den du beim Hörer erreichen willst?

Meine Sets fangen jedenfalls so an – da lege ich ziemlich up-to-date auf. Ich kommuniziere mit dem Zuhörer, aber noch viel mehr mit dem Tanzenden. Als DJ, der ich in meinem Herzen bin, spielte ich schon immer die Musik, die ich liebe und tue das noch immer. Und als DJ weiß ich, dass es nicht zählt, was du spielst – es ist viel mehr, wie du es spielst. Ja! Von Zeit zu Zeit lege ich schon sehr gerne etwas Classic Disco, Pop, Electro, Acid, Punk auf…

Du lebst in Tel Aviv. Die Stadt ist sehr bekannt für seine Techno- und Schwulenszene. Ich habe mal gehört, es gibt dort die beeindruckendste Gay Parade der Welt und tonnenweise Clubs. Ist Tel Aviv so ein bisschen das Berlin Israels?

Ich würde Tel Aviv nicht mit Berlin vergleichen wollen. Tel Aviv ist für mich eher wie Barcelona. Es ist sonnig! Wir haben dort wunderschöne Strände. Es gibt eine große Schwulenszene, unzählige Bars und neue Clubs, die drei bis vier Tage die Woche geöffnet sind, sehr talentierte, lokale Künstler und auch gute Veranstalter, die jede Woche interessante und internationale Bookings aus aller Welt hier her bringen. Ja! Tel Aviv erwacht wieder zu neuem Leben.

Wie war die elektronische Musikkultur in Tel Aviv früher? Wie ist diese jetzt?

Vor zehn Jahren war Tel Aviv nahezu eine Dance Nation! Du konntest es locker mit den glorreichen Zeiten Ibizas vergleichen. Ich meine, dort waren jede Woche und sogar an den Wochentagen mindestens zehn verschiedene Acts von überall her. Einfach jeder spielte hier. All die großen Techno Namen und DJs der New York House Szene und Produzenten aus aller Welt.

Es gab wirklich tonnenweise Nightclubs! All die Partys waren damals dort drüben. Die Menschen waren wie im Partyhimmel und dann… Es begann die zweite Intifada und viele Terroranschläge und alles war vorbei. Die Menschen hatten Angst ihre Häuser zu verlassen. Fast acht Jahre lang war es hier schon ein bisschen bedrückend gewesen und nun muss Ich sagen, dass es besser und besser wird. Die Leute gehen wieder aus. Wie ich schon sagte, es gibt sehr viele Möglichkeiten an Wochenenden und Werktagen zu feiern. Aber es wird nie wieder so sein, wie es war. Ein paar lokale Autoren schrieben sogar ein Buch darüber. Es heißt ‚Not like it used to be‘.

Gibt es nicht auch ein israelisches Sprichwort, in dem es heißt: ‚Du lebst in Haifa um Geld zu verdienen – und du gehst nach Tel Aviv, um es auszugeben…‘? Oder ‚Haifa works, Jerusalem prays and Tel Aviv plays‘. Stimmt das?

Haifa works, Jerusalem prays and Tel Aviv plays? (Chaim lacht) Das ist wirklich lustig! Danke für den Spruch! Ich werde das mal verwenden, wenn du nichts dagegen hast… Es ist aber nicht die ganze Wahrheit. Ich kenne in Jerusalem ein paar Clubs und eine Barszene, die ziemlich was hermacht und ich selbst hab dort auch einige Male gespielt – und es war großartig. Ich liebe Jerusalem! Warst du schon mal da? Du musst da hin! Diese Stadt ist einfach nur fantastisch, der Vulkan der Welt…

Deine Sounderziehung hattest du Mitte der 90er. Du bist damals immer wieder von zuhause, einem Tel Aviver Vorort, auf Raves hinaus geschlichen, die tatsächlich direkt neben dem Anwesen deiner Eltern stiegen: Dieser alte Israelische Ravesound hat dich somit in den Clubs und in den Parks musikalisch geprägt. Gab es noch andere Impressionen, die dich zu dem gemacht haben, was du heute produzierst?

Das erste Mal, als ich elektronische Musik zu hören bekam, war ich 12. Ich hatte damals das erste Depeche Mode Album und ich bin auf der Stelle mit der Musik verschmolzen. Ich erinnere mich, Stunden in meinem Zimmer damit verbracht zu haben, mit meinem Headset auf dem Kopf der Musik zu lauschen.

Zur gleichen Zeit gab es aber noch eine andere Seite der elektronischen Musik in mir – und das war Trance. Mein großer Bruder – er ist 12 Jahre älter – ging damals immer auf Trance Partys. Trance Music war in Israel gerade erst am Anfang und es war sehr schwer neue Musik zu bekommen. Sie wurde auf Tapes von Hand zu Hand unter den Leuten weiter gegeben. Ich kann mich noch erinnern, was ich dachte – wie magisch die Melodien klingen und wie hypnotisierend diese Musik ist, genauso wie heutzutage Deep House. Leider wurde diese Musik die letzten Jahre immer abgedroschener und sie schlug eine Richtung ein, die mir nicht besonders gefällt und zu der ich keine Beziehung aufbauen kann.

Mit 16 fing ich dann an, Gruppen wie Kraftwerk, Joy Division und New Order zu hören, die einen immensen Einfluss auf mich hatten. Andererseits liebte ich aber auch großartige Rapper wie Notorious B.I.G., Mos Def und Snoop Dog – so weit entfernt diese Musikwelten auch voneinander sein mögen. Ich denke, sobald es dich gut fühlen lässt, ist es egal, woher es kommt. Wenn es also gut ist, ist die Zeit, die du hast, auch gut und meine Leidenschaft zu spielen und etwas zu kreieren, rührt von dem Wunsch her, den Menschen eine gute Zeit zu geben. Das Gefühl, das ich dabei habe, möchte ich mit jedem teilen – und ich habe es in mir, seit ich 12 bin.

Dann bist du irgendwann nach New York gereist. Derart inspiriert von der dortigen House Szene, hast du dich im selben Moment dafür entschieden, Musiker zu werden. Einige Jahre später hast du es wahr gemacht. Wie kam es dazu?

Ich bin Ende 2001 nach New York. Es war genau zu dem Zeitpunkt, als bei uns die zweite Intifada los ging. Das Jahr zuvor hatte ich hier bei einem lokalen Plattenlabel gearbeitet. Ich kümmerte mich damals um die Promotion in der Dance Abteilung. Ich sollte für acht Wochen nach New York und blieb über acht Monate. Ich verliebte mich in die Stadt. Ich verbrachte meine Zeit zwischen Plattenladen und Club. Es war großartig.

Ich traf so viele Menschen, die mein Leben beeinflussten. Ich ging immer zu den Sonntagnachmittag Partys von Body&Soul im Vinyl Club. Die einzige Party, auf der du spielen konntest, was immer du wolltest und die Leute flippten aus. Das war auch, als ich wirklich zu fühlen begann, was Soul Music ist. New York war der Ort, an dem ich bemerkte, dass es genau das ist, was ich mein Leben lang tun möchte. Ich kann nichts anderes machen und es gibt keine Kompromisse. Ich fing in Tel Aviv als DJ an und möchte es als Musiker fortführen in alle Welt. Ich will interessante Projekte machen und mit den Künstlern kollaborieren, die ich liebe. Ich will weiter meinen Soundtrack of Moods erschaffen und zur gleichen Zeit die Menschen zum Grinsen und Tanzen bringen.

Und was war damals dann der Schlüssel, aktiv als DJ in die Techno-Szene einzutauchen? Ich meine, du bist jetzt bei BPitch Control…

Es begann alles vor drei Jahren. Ellen Allien nahm zwei meiner Tracks mit auf BPitch Control und der Rest ist Geschichte. BPitch ist wie eine zweite Familie für mich und ich bin super glücklich dabei zu sein. Man hat als Künstler sehr viel Freiraum, sich selbst auszudrücken. Das findet man heutzutage eher selten in unserer Szene…

Masseltoff!

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