Ein Mammutprojekt haben die drei Autoren da auf sich geladen und 30 Jahre der polnischen Techno-Geschichte in einem Werk vereint. Ein wertvolles Stück Zeitgeschichte eingefangen und einen maßgeblichen Beitrag zur Präsentation einer kulturellen Szene geleistet. Geballte 700 Seiten umfasst das bisher ausschließlich auf polnisch erhältliche Buch und besticht durch Texte und Interviews mit über 70 Akteur*innen der polnischen Szene.

Darüber hinaus finden sich jedoch auch unzähliche Fotoaufnahmen der letzten Jahrzehnte und damit spannende Einblicke. Radosław Tereszczuk, Łukasz Krajewski und Artur Wojtczak – alle drei leidenschaftliche Raver – stehen hinter dem beeindruckenden Buch-Projekt und haben sich viel Zeit für ein Interview mit dem Partysan genommen.

Euer Buch umfasst 30 Jahre polnische Techno-Geschichte. Was hat euch dazu motiviert?

Łukasz Krajewski: Die Geschichte vieler polnischer Musikszenen ist bereits in Form eines Buches dokumentiert worden. Irgendwie gab es bis zu unserer Publikation keine, die dem polnischen Techno gewidmet war. Wir wollten diese Lücke füllen, getrieben von reiner Neugier und Bewunderung für die Kultur, die bereits eine reiche und lange Tradition hat. Die Spanne von drei Jahrzehnten schien uns auch ein guter historischer Blickwinkel zu sein, der es ermöglicht, die ganze Bandbreite an Veränderungen, Spaltungen und den Prozess der Professionalisierung in verschiedenen Bereichen der Technoszene zu sehen.

Artur Wojtczak: Die Idee für das Buch stammt von Radek Tereszczuk und ich bin ihm dankbar für die Einladung in die Redaktion! Ich selbst habe über ein ähnliches Buch nachgedacht, mit Blick auf meinen journalistischen Output – zahlreiche Interviews und Features über die polnische und weltweite Clubszene. Ich bin froh, dass wir gemeinsam Zeugnis über die polnische Clubszene ablegen und viele faszinierende Geschichten aus dem Underground, Erinnerungen von DJs, Künstlern und Veranstaltern auf Papier bannen konnten. Der Umfang des Buches spricht für sich selbst – 856 Seiten! – So viele Emotionen haben wir sammeln können!

Radek Tereszczuk: Die polnische Techno-Musikszene war in den Mainstream-Medien ein wenig abwesend, also war es notwendig, ein klares Zeichen zu setzen, dass wir existieren. Tatsächlich stellte sich nach der Veröffentlichung des Buches heraus, dass viele Leute nicht wussten, dass es diese Szene gibt und dass sie eine 30-jährige Geschichte hat. Außerdem begannen viele der wichtigen Geschichten und Details in unserem Gedächtnis zu verblassen, so dass es ein guter Zeitpunkt war, sie in einer nicht flüchtigen Form eines Buches niederzuschreiben.

Und schließlich, die wichtigste Motivation: wir hatten das Gefühl, dass wir sehr gut wissen, wie man ein solch kompliziertes Projekt (3 Jahre, ca. 300 beteiligte Personen) durchführt. Radek hat viel Erfahrung im Projektmanagement und fühlte sich daher sehr wohl im Umgang mit all der Komplexität, den Abhängigkeiten und dem menschlichen Faktor. Das ganze Buch wurde zu 100 % in Eigenregie erstellt, ohne Sponsoren oder externe Unterstützung. Menschen und Leidenschaft reichen aus, um etwas aus dem Nichts zu schaffen.

Welche besonderen Eigenschaften verbindet ihr mit der polnischen Technoszene?

Łukasz Krajewski: Ich bin kein Fan von Versuchen, die nationale Besonderheit einer Szene zu definieren. Es war sicherlich lange Zeit ein Bereich, der zahlreiche Einflüsse absorbiert hat, vor allem aus Großbritannien und Deutschland, deren Rave-Szenen schon vor der polnischen lebendig und ziemlich fortgeschritten waren. Andererseits ist es, obwohl ihre Ursprünglichkeit eine unumstößliche Tatsache ist, ziemlich schwierig, die Komponenten der Ursprünglichkeit einzelner DJs und Produzenten zu bestimmen. Was ich schätze, ist der Sinn für Humor, die Fähigkeit, den Kitsch und die kitschigen Klänge in etwas zu verwandeln, das gleichzeitig tanzbar, lustig und energisch ist. In Polen gibt es eine ganze Reihe von Leuten, die so etwas machen. Eines der bekannteren Kollektive, die diese Einstellung vertreten, ist wahrscheinlich Wixapol.

Radek Tereszczuk: Techno ist eine globale Bewegung und es gibt keine lokalen Spezialitäten. Aber mit Sicherheit können wir sagen, dass Techno ein Versprechen der „neuen Welt“ war, an dem alle Menschen hinter dem eisernen Vorhang unbedingt teilhaben wollten. Das gilt auch für Ostdeutschland.

Artur Wojtczak: Mir scheint, die Einzigartigkeit der polnischen Szene ist die Begeisterung des Publikums, das immer offen und frisch ist und die Musik aufnimmt. Im Buch gibt es Geschichten darüber, wie DJs aus Berlin (die heutigen so genannten Superstar-DJs) für Partys nach Stettin kamen und oft umsonst auflegten, weil sie von der lokalen Atmosphäre und der progressiven Entwicklung der Szene begeistert waren. Und der Ruhm unseres Instytut Festivals kam durch die vielen positiven Meinungen, die ausländische DJs in der ganzen Welt über diese Marke und ihr bewusstes, euphorisches Publikum verbreiteten und sagten: „Bei Instytut muss man einfach spielen!“

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Welche polnischen Künstler/Labels der Szene haben die Bewegung maßgeblich beeinflusst und welche Künstler oder Labels aus dem Ausland?

Radek Tereszczuk: Die meisten Künstler und DJs wurden eher lokal als auf Landesebene wahrgenommen. Unter den bekanntesten können wir Jacek Sienkiewicz, Kuba Sojka, An On Bast Kuba Sojka oder Jurek Przezdziecki nennen. Aber es gibt Tausende von anderen, die Aufmerksamkeit verdienen. Was den Einfluss aus dem Ausland betrifft, ist es sehr schwer, die einflussreichsten Labels zu identifizieren, aber wenn wir eines für Techno, House und Drum and Bass auswählen müssten, wären wir nicht zu weit von der Wahrheit entfernt, wenn wir auf Tresor, Defected und Hospital Records zeigen würden.

Artur Wojtczak: Polen hat von Anfang an Sounds aus England (Acid-House und UK Hardcore) , Deutschland (Techno) und Belgien (New Beat) aufgesogen. Polnische Labels wie Recognition, Technosoul, Urban Impulz wurden gegründet, und die Karrieren von  Jacek Sienkiewicz und Przeździecki wurden gestartet. Beide veröffentlichten auch auf Cocoon, das bis heute eines der angesehensten Labels der Welt zu sein scheint. Ich sollte erwähnen, dass Polen in den 90er Jahren in Bezug auf die Genres eher gespalten war: Lodz bevorzugte Drum’n’Bass und Happy Hardcore, Poznan Techno, und Krakau Garage und Jungle. Heute florieren in Polen Labels wie The Very Polish Cut Outs und OTAKE Records, und Künstler wie VTSS, DEAS, Blazej Malinowski und VONDA7 machen international Karriere.

Welche Verbindung hat Polen mit der deutschen Szene und der Berliner Techno-Szene über die Jahre entwickelt?

Łukasz Krajewski: Aufgrund der Tatsache der geografischen Nachbarschaft sind Deutschland und seine Hauptstadt seit jeher ein vorrangiges Ziel vieler Reisen von Techno-Verrückten. Für viele Autoren unseres Buches ist Deutschland ein Objekt der nostalgischen Idealisierung, ein primäres Techno-Paradies, wohin sie fuhren, um sich mit seltenen, in Polen nicht erhältlichen Vinyl-Platten zu versorgen oder einfach nur um zu feiern. Einige von ihnen – wie zum Beispiel Joanna Tomczak, Co-Managerin des Poznań-Clubs Tama – beobachteten die allmähliche Verwandlung des Berghain von einem Underground-Club zu einem kosmopolitischen Rave-Tempel. Die polnischen Großstadtclubs versuchten definitiv teilweise, den Vibe nachzubilden, der sie begeisterte, als sie ihre ersten Rave-Partys in Deutschland besuchten.

Artur Wojtczak: Berlin war schon immer ein Mekka für polnische DJs und Raver – sie reisten dorthin, um Platten zu kaufen und um zu feiern. Das kann man unter anderem in einem Interview mit Catz ‚N Dogz nachlesen, die aus Stettin stammen – einer Stadt, die etwa anderthalb Stunden von der deutschen Metropole entfernt ist. Das Duo erinnert sich an die tollen Zeiten, als in den Stettiner Clubs die heute sehr berühmten DJs auflegten, die nach ihrem Set wieder zurückkamen, um in Berlin zu spielen….

Radek Tereszczuk: Mitte der 90er Jahre wurden die meisten Techno-Vinyls, die in polnischen Clubs gespielt wurden, in den Berliner Hard Wax- oder Spacehall-Vinyl-Läden gekauft. Außerdem fuhren viele Leute regelmäßig mit dem Zug zu Berliner Partys. In 00′ und 10′ änderte sich dieser Trend und die Leute aus Deutschland fingen an, in Polen zu feiern oder sogar Partys zu organisieren. In 00‘ hatten wir Partys wie Trance „Polnische Solipse“, organisiert von deutschen Crew im polnischen Wald nahe der Grenze. Später gab es das bedeutende Festival „Nagle nad morzem“ (Plötzlich Am Meer), das viele Tausende zum Tanzen an den Strand von Rogowo brachte.

Viele Clubs in Polen haben sehr aufregende Line-Ups – welche Clubs stachen in den letzten Jahren am meisten hervor?

Łukasz Krajewski: Für mich stehen die Clubs in der Regel für das Feiern in der Großstadt. Daran ist nichts Schlechtes, aber was mir spannender erscheint, ist eine lange Tradition von Raves an geheimen Orten, die in Polen weiterlebt. Während der Arbeit an einem Buch haben wir gelernt, wie geografisch weitreichend der Einfluss dieser nicht-institutionellen Partytradition ist. Man besorge sich einen Kleinbus, lasse eine Kette von Freunden wissen, was los ist, füge ein handliches Soundsystem hinzu und lande in einem Wald mit einem Kammervolk, um die ganze Nacht lang zu feiern, an einem Ort, an dem kein Kleinbus jemals planmäßige Kurse gehabt haben könnte.

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Artur Wojtczak: In dem Buch kann man über die Clubs lesen, die die polnische Szene geprägt und ihre Identität aufgebaut haben. In den letzten Jahren gab es sicherlich die Vorherrschaft von Clubs wie Jasna 1, 999, Tama, Smolna oder den beiden ältesten Clubs in unserem Land: Sfinks700 in Sopot und Luzztro in Warschau.

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Welche digitalen Plattformen sind in Polen für die Techno-Szene (Künstler und Fans gleichermaßen) besonders wichtig, um sich auszutauschen?

Radek Tereszczuk: Wir haben viele Diskussionsgruppen für Techno-Musik und Clubs auf Facebook. Außerdem gibt es professionelle digitale Medien wie muno.pl und www.electronicbeats.pl. Damals (um 2000) spielte sich das Online-Leben hauptsächlich in Foren wie clubbing.pl, clubbing.waw.pl, dnb.pl oder drugstore.pl ab. In der Online-Welt begann alles im Jahr 1995 mit www.darta.art.pl als erste Webseite mit Techno-Musik im polnischen Internet. Ein paar Jahre später wurde die News-Gruppe pl.rec.muzyka.techno gegründet.

Was war wohl eine der bedeutendsten Entwicklungen in der polnischen Techno-Geschichte?

Radek Tereszczuk: April 1991, im Zentrum von Warschau, in der Rutkowskiego-Straße (der heutigen Chmielna-Straße). In einem verlassenen städtischen Badehaus, das illegal für eine Nacht übernommen wurde, findet die erste offizielle Techno-Party in der Hauptstadt statt. Tomek Hornung, der in London lebt, organisiert zusammen mit der lokalen Gegenkultur-Crew um den berühmten Darek Skandal eine Party, auf der 300 Leute Acid House spielen.

Die Musik wird von Grammophonen und einem Mischpult abgespielt, der Strom kommt von einem nahegelegenen Laternenpfahl. So fing es in der Hauptstadt an. Aber der Anfang der 90er Jahre war nicht nur Warschau. Im selben Jahr 1991 wurde in Sopot, in einem Gebäude, das vor dem Zweiten Weltkrieg eine Kunstgalerie beherbergte, das kultige und immer noch funktionierende Sfinks gegründet. Die erste dort organisierte Veranstaltung, noch bevor das Dach aufgesetzt wurde, war der Ball auf den Trümmern. Anfang der 1990er Jahre waren die Partys im Sfinks weniger Partys als vielmehr spektakuläre Kulturevents, bei denen Theater, Akrobatik, Musik und Poesie in einer geschickten Kombination serviert wurden.

Artur Wojtczak: Wir müssen hier erwähnen:  INSTYTUT – die älteste Partymarke in Polen. Iwona Korzybska, Joanna Wielkopolan und Gerhard Derksen waren bereits in den 1990er Jahren im Warschauer Underground aktiv, aber nachdem sie an dem berühmten niederländischen Awakenings-Festival teilgenommen hatten, träumten sie davon, in Polen etwas Besonderes und Großes zu machen. Auf der Suche nach einem Ort, an dem sie ihr eigenes Festival veranstalten konnten, fanden sie ein riesiges, brutalistisches Gebäude des Instituts für Energietechnik, in dem seit den 1950er Jahren wissenschaftliche Forschung betrieben wird. künstliche Stürme. Die Verhandlungen mit dem Management waren schwierig, aber am 23. Juni 2000 fand der erste Mega-Rave an diesem weltweit einzigartigen Ort statt.

Was wünscht ihr euch für die polnische Szene in den nächsten Jahren?

Łukasz Krajewski: Dass sie trotz der Pandemie überlebt. Weniger Business, Ernsthaftigkeit und Starallüren, einen größeren Geist der Zusammenarbeit, mehr Mut, das eigene politische Engagement in Protesten auszudrücken. Und kein Aufbegehren gegen COVID-19-Restriktionen. Die Sicherheit des Parteivolkes sollte immer an erster Stelle stehen.

Artur Wojtczak: Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass noch mehr polnische Produzenten Alben auf Labels in der ganzen Welt veröffentlichen werden und die Partys in die Clubs zurückkehren werden – mit sanitären Auflagen. Und ich sehe eine große Zukunft für Projekte, die Techno-Musik mit Ökologie verbinden, wie z.B. „Wir pflanzen einen Techno-Wald“, das schon 3-mal organisiert wurde.

Vielen Dank für das ausführliche Interview!

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