The Cloud Making Machine heißt der neueste Output aus der Schmiede Laurent Garnier´s, der mit Sicherheit keiner besonderen Vorstellung bedarf. Hier trotzdem eine kleine Einführung…

Der 39-jährige Franzose betreibt seit Jahren erfolgreich sein Label F-Communications, einen Online-Radiosender namens pedrobroadcast.com, eine kleine Familie, legt international in den besten Clubs der Welt auf und begeistert Raver und Feuilletons gleichermaßen. Zum erscheinen seines Longplayers machten wir uns ins schöne Köln auf, um das für einen Techno-Artist relativ untypische, weil stilistisch vielfältige Werk und den Mann dahinter näher zu beleuchten.

 

Laurent, dein neues Album klingt für mich wie der Soundtrack eines imaginären Filmes… Wenn das so ist  Um was genau geht es in diesem Film und welche Rolle spielst Du darin?

Wenn das für Dich so klingt, dann freut mich das sehr, so war es nämlich auch gemeint  Ich habe zwar nicht mit der Intention angefangen, am Album zu Arbeiten, eine Art Soundtrack abzuliefern, jedoch hat mich Filmmusik schon immer sehr geprägt. Ich versuche, mit Musik Bilder zu kreiren. Dieses spezielle Bild ist ein Patchwork meines Lebens in den letzten 3 oder 4 Jahren, mit all seinen Höhen und Tiefen.

Die Musik ist nicht in den letzten 6 Monaten entstanden, einige der Tacks sind schon ziemlich alt und erst vor kurzem mit der neuesten zur Verfügung stehenden Technik überarbeitet worden. Außerdem gibt es viele Einflüsse von anderen Künstlern zu hören, da ich seit einiger Zeit mit dem Auflegen etwas kürzer trete und dementsprechend auch mehr Zeit habe, mir DJ-Gigs und Konzerte anzuhören. Darüber hinaus habe ich in der Produktionszeit sehr viele Mini-Soundtracks für Kurzfilme und sogar Cartoons gemacht  all das ist natürlich mit eingeflossen.

Also ist dies ein sehr persönliches Album?

Superpersönlich! Mein erstes Album beispielsweise lebte von den Erfahrungen als DJ, damals legte ich 5 Tage die Woche auf, ich feierte jeden einzelnen Tag. Das darauf folgende stellte einige Fragen, die natürlich auch ich mir damals stellte, es war wie eine Art Reality-Check, so in etwa: Meine Fresse, muß ich etwa aufwachen? und Unreasonable Behaviour 4 Jahre später war wieder eine völlig andere Baustelle  Ich glaube, mein Rhythmus sind wirklich immer 4 Jahre, fällt mir gerade auf. Kein Wunder, die Zeit fehlt irgendwie auch  diese ganzen Projekte, wie Soundtracks oder auch Auftragsarbeiten für das Louvre in Paris…

Louvre?

Ja, ein Typ hat im Zeitraum von 1900  1920 8 Leute um die Welt geschickt, um die verschiedensten Leute zu filmen und das Louvre, das diese Videomontage im Programm hat, fragte mich, ob ich einen begleitenden Mix zusammenstellen könnte, was ich natürlich gerne gemacht habe, außerdem nahm das Radioprogramm von Radio Nova, dessen Programmdirektor ich war und mein eigenes Label F-Com viel Zeit in Anspruch. Zuerst wollte ich dieses Album Scrapbook nennen, denn das ist es  eine Zusammenfassung der verschiedensten Orte und Stimmungen, die ich in den letzten 4 Jahren erlebt habe, eine Art Tagebuch im Kinoformat.

A Propos Kino  das Cover sieht aus wie eine Mischung aus Metropolis und Monty Python…

Ja, mit Monty Python liegst Du sicher richtig, freut mich, wenn es so auf Dich wirkt. Das Mädchen, das momentan für alles, was mit Cover-Artwork für F-Com zu tun hat, verantwortlich ist, hat auch dieses gestaltet. Ich gab ihr ein Bild von einer sehr düsteren Fabrik  die im übrigen tatsächlich genau vor meiner Haustür steht  und sie fragte mich, ob das mein Ernst wäre. Ihr Original-Wortlaut war, glaube ich: Kannst Du dir vorstellen, daß irgendjemand dieses Album kauft, mit so einem hoffnungslosen Bild auf dem Cover?

Da fiel mir ein, daß ich liebend gerne mal ein Video von Monty Python machen lassen würde, was sich aber aus rein finanziellen Gründen natürlich nicht mal eben so realisieren läßt, also einigten wir uns auf den Kompromiß, das Cover in einer Collage-Form zu gestalten, die sehr an Monty Python erinnert. In irgendeiner der vorhandenen Ebenen kannst Du Dich, während Du das Album hörst, bestimmt wieder finden.

Es hat durchaus eine Weile gedauert, bis dein vorliegender, neuer Output da war  Was hat Dich so lange aufgehalten?

Nun, nach Unreasonable Behaviour war ich 1 1/2 Jahre durchgehend auf Live-Tour, danach fing ich bei Radio Nova an und legte nach wie vor an den Wochenenden auf, danach startete ich PBB, was eine Höllenarbeit war und ist und darüber hinaus bekamen wir  meine Frau und ich  ein Baby, was auch nicht eben wenig Zeit in Anspruch nimmt, wie Du Dir vorstellen kannst. Es sind ´ne Menge Dinge passiert, Mann! Allein schon PBB und die Ibiza-Saison 2003 hat einiges an Zeit gefressen  Ich habe mir einen Transmitter gekauft und 9 Wochen lang auf Ibiza aus einem Privathaus übertragen.

Wie können wir uns deine Arbeit im Studio vorstellen, brauchst Du eine bestimmte Inspiration, um an neuen Tracks arbeiten zu können oder ist der Vorgang des Produzierens eher eine Sache der Disziplin?

Gute Frage  Erfahrungsgemäß ist es so, daß der fertige Track mit der ursprünglichen Idee mal so gar nichts mehr zu tun hat. Er ist normalerweise ungefähr Hundert Millionen Meilen von der Intention entfernt, die ich mal hatte. Bei diesem Album liefe es so: Mein Mixer nahm immer, wenn ein Track fertig gestellt war, denselben mit ins Mastering-Studio und ich sagte ihm: Nimm das Ding mit, master es soweit fertig, komm in 2 Tagen wieder und spiel es mir vor, damit ich es mit klaren Ohren und freiem Kopf für gut oder schlecht befinden kann.

Das hat sehr gut funktioniert, um ein bißchen Distanz zu dem, was man selbst geschaffen hat, zu bekommen. Interessant ist, daß sowohl die älteren, als auch die neuen Tracks alle in einem Zeitraum von nur 3 Monaten fertig Gemastered wurden, dementsprechend tight klingt das Ergebnis, denke ich… Als ich mich hinsetzte, um wirklich an meinem neuen Album zu arbeiten, produzierte ich zuerst einige Techno-Tracks, bis ich merkte, das funktioniert nicht, also dachte ich mir: Vergiss es, jetzt machst Du was völlig anderes.

Wenn man sich den heutigen Musikmarkt mal näher anschaut, ist offensichtlich, daß alles zusammenbricht. Als elektronischer Künstler kannst Du davon ausgehen, daß Du nur noch 10 Prozent von dem verkaufst, was früher ging. Wenn Du das also vorher schon weißt, denkst Du Dir natürlich: Fuck it! Jetzt mache ich einfach genau den Stuff, den ich schon immer machen wollte, wenn nicht jetzt, wann dann?.

Dein Style als DJ ist sehr schwer einzuordnen, wie würdest Du selber Deinen Sound beschreiben?

Da sind wir dann wieder beim Geschichten erzählen… Ich spiele hauptsächlich House und Techno. Wenn die Stimmung es zuläßt, spiele ich aber genau so Drum´N´Bass, Nirvana oder Public Enemy… Das hängt von der Venue und den Leuten ab. Du kannst davon ausgehen, daß ich jedes einzelne mal, wenn ich auflege, auf alles nur irgend möglich Denkbare vorbereitet bin  Als Beispiel nehmen wir mal letzten Samstag: Ich war für einen Rave gebucht  Was spielt man auf einem Rave? Techno und etwas House. Ich bin jedoch immer bereit, alles erdenklich mögliche spielen zu können, wenn die Situation es zuläßt. Ich bin ganz klar ein House- und Techno-DJ, könnte aber die Dinge immer in eine ganz andere Richtung treiben.

Wir sind nicht dazu da, die Leute zu erziehen, wir geben Ihnen Möglichkeiten. Letzten Samstag  vor dem Rave  spielte ich aus Spaß für einen ganzen Haufen kleiner Kinder und die sind das ehrlichste und kritischste Publikum überhaupt  wenn Du sie einmal verloren hast, sind sie weg, mit den Gedanken ganz woanders und nicht mehr für Deine Musik zu begeistern. Du mußt sie also auf der Tanzfläche halten und diese Kids  im Alter zwischen 4 und 6 Jahren  kennen natürlich keine Klassiker, ich konnte ihnen also zumindest etwas musikalischen Background nahebringen, an den sie sich vielleicht eines Tages mal erinnern werden.

Ich spielte also Nirvana, New Order, Blur, Depeche Mode aber auch Techno wie The Bells von Jeff Mills und Donna Summer´s I feel love. Wenn ich an diesem Nachmittag nur ein paar der Kids beeinflußt habe  in welcher Form auch immer  bin ich sehr glücklich damit. Allein schon über die erstaunten Gesichter der Eltern, für die Techno immer noch diese Boom Boom-Musik ist, als ob sie dächten: Wie, New Order (was sie natürlich alle kennen) passt perfekt in diesen Track, den ich noch nie zuvor gehört habe?

Was hat es mit dem demnächst erscheinenden Buch auf sich, daß Du mit einigen anderen Leuten zusammen geschrieben hast?

Ich denke, dieses Buch ist wirklich lesenswert  nicht, weil ich daran mitgearbeitet habe, sondern, weil wir viele Dinge erzählen und Revue passieren lassen, die mit der Geschichte von Techno eng verbunden sind  Wir richten nicht über Geschehenes, wir erzählen nur wie es war. Es gab und gibt viele wundervolle, spannende und interessante Dinge (genau so wie denkwürdige und krasse), die es wert sind, erzählt zu werden und das tun wir. Nicht mehr und nicht weniger. Das Buch kommt übrigens  erstmal zumindest  nicht in England heraus, vielleicht, weil wir die Geschichte nicht mit dem engstirnigen Fokus der Engländer beleuchten, wie das so ihre ureigene Art ist. In deren Augen gab es nämlich von 1988  93 Raves und Techno ausschließlich in England, was natürlich nicht mal ansatzweise der Wahrheit entspricht…

Wer spricht von den 20.000 Kids auf dieser Party in Belgien oder Deutschland, die auch schon damals diese wegweisende Musik für sich entdeckt haben? Das hört das United Kingdom natürlich gar nicht gerne, aber deswegen liebe ich es auch so, es ihnen zu sagen – Vielleicht kommt das Werk auch deswegen zuerst hier und in anderen europäischen Ländern heraus, weil der Verfasser kein Carl Cox oder Paul Oakenfold ist…

Bin wahrscheinlich nicht populär genug (lächelt). Mal sehen, wenn das Buch hier gut läuft, erscheint es vielleicht auch in England, was an sich schon mal traurig ist, aber: That´s the way it is! Ich bin nicht grundsätzlich gegen das Kingdom, das soll hier nicht so ´rüber kommen, sie sollten nur ab und an mal etwas mehr riskieren und von ihrem hohen Roß steigen.

Wie sieht´s mit dem privaten Laurent Garnier aus, was machst Du in Deiner  spärlich gesäten  Freizeit?

Meine  in der Tat sehr eng bemessene Feizeit  verbringe ich mit meiner kleinen Familie zu Hause. Wir wissen ja alle, was für eine Arbeit es mit sich bringt, eine Beziehung aufrecht zu halten und zu pflegen. Wenn ich dann nach zwei Wochen harten Tourens mit Flügen bis an den Rand der Welt nach Hause komme und todmüde bin und meine Frau mich fragt, ob ich am nächsten Morgen aufstehen und dem Kleinen sein Fläschchen bringen kann, sage ich nicht: Ich komme eben erst von einer aufreibenden und anstrengenden Tour, weil sie natürlich keine Ahnung hat, wie aufreibend und anstrengend das wirklich ist, ich sage: Klar, Schatz. Das sind so die Kleinigkeiten, mit denen man sich gerne arrangiert, wenn man liebt. Mein Baby ist übrigens auf dem zweiten Track des Albums zu hören  achte mal auf das Atmen am Anfang des Tracks. Da war es gerade mal 3 Stunden alt…

Früh übt sich… Wann können wir Dich mal wieder in Deutschland erwarten?

Baldmöglichst, ich liebe es, hier zu spielen, Zunächst kommen aber einige Remixe des Albums, danach habe ich wieder Zeit, mich um´s Djing zu kümmern. Wir sehen uns bald! (mp)

 

Laurent Garnier > The Cloud Making Machine

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