DJ Surgeon fabric 53

Heutzutage passiert es oft in der abgeschirmten Welt der elektronischen Musik, dass der zyklische Weg vom Nobody zur Übersättigung zur Bedeutungslosigkeit (und natürlich wieder zurück) innerhalb eines Jahres abläuft.

Es ist viel zu einfach, von kleinen Details abgestumpft zu werden oder sich vom unbeständigen Wirbelwind des Medienrummels in die Irre führen zu lassen. Wenn man durch die 15 Jahre Diskografie des konstant standhaften Techno-Protagonisten Surgeon stöbert – und die enorme Odyssee seines Outputs verfolgt – bekommt man das seltene Gefühl der Neu-Entdeckung. Und wirklichen Künstlertums.

Surgeon (wahlweise Anthony Child) hebt sich mit seinen wegweisenden Veröffentlichungen, die nur von roher Leidenschaft und überirdisch weitgehender Fantasie eingebunden sind, als wahres Individuum von den grade akutuellen Hypes der elektronischen Musikgeschichte ab.

„Ich, persönlich mag viel Propagande für Projekte nicht. Ich lasse die Dinge einfach Ihren Lauf nehmen und denke langfristig. Im Laufe der Jahre, in denen ich als DJ arbeitete, habe ich so oft gesehen, wie Techno totgesagt wurde, aber ich gerate dadurch nicht mehr in Panik und mache mir keine Sorgen. Ich mache einfach, was mir gefällt, und wenn es mehr oder weniger beliebt ist, ist das einfach die Art, wie das Universum funktioniert. Aber glücklicherweise kann ich als DJ immer noch überleben und so lange das so ist, ist alles in Ordnung. Ich habe in den letzten Jahren so oft gesehen, dass Menschen sagen ‘Hm, eigentlich ist doch schon alles getan worden, was man mit Dance-Musik machen kann’. Es erinnert mich an etwas, was ich über das Viktorianische Zeitalter gehört habe: Damals entschieden sie, dass alle naturwissenschaftlichen Entdeckungen schon entdeckt wurden und dass es sonst nichts zu lernen gäbe. Es war, als ob die Naturwissenschaften ein abgeschlossenes Kapital darstellten. Es ist wirklich grotesk, so etwas zu sagen, und das Gleiche gilt für die Musik. Wenn deine Motivation oder deine Inspiration am Boden ist, liegt es vielleicht einfach daran, dass du nicht an der richtigen Stelle suchst. Es gibt immer etwas zu entdecken oder etwas, das Dich motivieren kann.“Surgeon

Surgeon wuchs in Kislingbury, einem kleinen Dorf außerhalb von Northampton, auf und begann seine ersten Musikerfahrungen mit Unterricht in klassischen Instrumenten. Aber seine Versuche mit Tapedecks, die er von klein auf machte, brachten sein Talent als Produzent ans Licht: Töne biegen und Ideen umgestalten und dabei kompakte, eindringende Soundwelten erzeugen.

„Ich bekam eine alte Bandmaschine in die Hände und fing an, Bänder mit einer Rasierklinge zu bearbeiten, Bandschleifen und anderes einzustellen. Das wurde beeinflusst von den Stories die ich über die Aufnamemethode der Beatles gehört hatte. Es war eine Art Einstieg in das Avantgarde-Zeug. Es gab Aspekte in ihrer Musik, die mich faszinierten, wie die Klangcollage und die Manipulation. Das hat mich wirklich fasziniert. Der Collage-Aspekt des Sounds noch mehr als die melodischen Aspekte, weil ich als ich jung war, wusste dass ich an Musik interessiert wa, aber annahm dass dies bedeutete, dass ich ein Instrument spielen musste. Deshalb versuchte ich Klavier, Geige, Gitarre und andere Dinge und kam auch zu einem bestimmten Umfang damit weiter – aber beim Klavier habe ich zum Beispiel den Deckel aufgemacht und angefangen, auf den Saiten herumzuhauen und dachte mir: ‘Ja, das mag ich viel lieber. Es ist so langweilig, diese Tonleitern zu lernen. ’Different things suit different people’.“ Surgeon

Beeinflusst Klängen und Klangtexturen – von denen der experimentellen Musiker Brian Eno und Isao Tomita bis zu den leidenschaftlichen und reintechnischen Varianten von Coil und Suicide – zog er nach Birmingham um, um Tontechnik zu studieren.

Surgeons Werke enthalten immer eine kompromisslose Hingabe an eine dezidierte Vision. Ähnlich ist es bei seinen stark fokussierten DJ-Sets, die seinen Ideen eine hochbegabte

Freiheit geben. Seine Produktionen sind lebendig und reich an Energie, Raffinesse, Rhythmus und Kraft. Seine Sets sind eine kurvenreiche, bewusstseinsverändernde, kollidierende Tonreise, die von einer vertraulichen und intensiven gegenseitigen Verbindung zwischen ihm und seinen Zuhörern vorwärts getrieben wird.

„Ich ändere die Art auf die ich spiele, von Ort zu Ort. Ich checke welche Erwartungen die Menschen haben und dehne dann deren Grenzen aus, während ich dabei gleichzeitig verschiedene Stile einbringe. Es gab immer schon viel experimentellere und mehr Avantgarde elektronische Künstler als ich, aber ich arbeite gern als eine Art Brücke zwischen den Randbereichen der Avantgarde und der experimentellen Musik – ich versuche diese Wesenheit einzubringen, aber versuche auch Techno als eine Trägerwelle oder als ein Mittel zu verwenden, um diese mehr Avantgarde-Teile zu übermitteln. Ich bringe sie ein, mache sie aber angenehmer und versuche sie zu einer größeren Zuhörerschaft zu bringen. Das ist meine Methode. Es ist eine effektivere Weise, diese Wesenheiten und Klänge einzuführen. Es ist, als ob ich die Grenzen teste, um herauszufinden, wie weit ich gehen kann, ohne die Zuhörer total zu verlieren. Wenn ich an einem Ort bin, der etwas schwieriger ist, mache ich es bei meinen Sets oft so, dass ich hinterher dann etwas Einfacheres spiele. Es ist, als ob ich ihnen eine Belohnung gebe.“ Surgeon

Surgeon schaltet auf “fabric 53” ganz einfach von den schweren Notenblättern die von seinen alten Schulkameraden produziert werden um und verschmilzt das Alte mit dem Neuen und erzeugt somit Verbindungen zwischen dem Bedrückenden und dem Minimalen, die noch nie so einfach zu verstehen waren.

Er fokussiert auf die Idee, dass viel ‘moderne’ Bassmusik auf Rave zurückgeht und ständig für Inspiration zurückkehrt, („gerade diese Idee des Breakbeats, des gebrochenen Beats, zeigt Echos von Rave; er enthält ein paar Teile davon“) und arbeitet Musik von einer wahrhaftigen Luxusgruppe junger Produzenten ein. Das sanft geschwungene ‘Forbidden’ von Instra:mental wird frühzeitig verwendet und fügt die beschleunigende Basstextur hinzu, die sorgfältig und langsam durch Ihre Verarbeitungen hervorgebracht wird, indem sie zu einem 175 bpm Drum & Bass verlangsamen. Starkeys ‘Spacecraft’ wird fein eingewoben um dem sanft geschwungenen Druck des Vorhergehenden gegenüber zu stehen, den 4×4 Takt auszusondern und die kräftigeren führenden Basstöne anzustimmen.

„Es ist wirklich ein aktueller Schnappschuss, es hat sich sogar jetzt schon geändert. Als ich den Mix machte öffnete ich mein aktuelles Set, löschte ein paar Teile und das ist, was geblieben ist. Das ist die Musik die ich genieße und von der ich denke, dass sie mich darstellt. Auf der anderen Seite gab es ein paar neuere und weniger bekannte Künstler, die ich auch unbedingt abbilden wollte. Es geht darum, den Menschen die verschiedenen Genres bewusst zu machen, die Ähnlichkeit zu zeigen. D.h. ich nehme T-Polar, Subeena, Ital Tek, Ancient Methods – und stelle sie neben Orphx, DJ Overdose und Russ Gabriel und mische dann alle zusammen. Es ist etwas komisch, wenn man sich die Trackliste ansieht, aber für mich ist die Weise, in der diese Dinge zusammenpassen, sehr natürlich. Und wirklich, für mich ist das alles Techno. Ich unterteile Genres nicht, die Beats sind nur an etwas anderen Plätzen im Takt. Sie haben alle unterschiedliche Gefühle und Texturen, aber ich mache keine Unterschiede. Ich mag einfach diese ganze Musik – deshalb spiele ich sie.“Surgeon

‘fabric 53: Surgeon’
ARTIST: Surgeon
LABEL: fabric Records

fabricfirst MEMBERS: 28th June 2010
UK/R.O.W. RELEASE: 12 July 2010
USA RELEASE: 24 August 2010

 

TRACKLIST
Location recording from Kuramae Subway Station, Tokyo, Japan
Scuba – Glance [Hotflush]
Surgeon – Bad Hands (Drums Only) [Dynamic Tension]
Marco Bernardi – Giro (Exium Remix) [Dirty Planet]
Instra:mental – Forbidden [Apple Pips]
Forward Strategy Group – Applied Generics A [Forward Strategy Group]
Reeko – Agile Movement [Theory]
Surgeon – Bad Hands Part 2 (Drums Only) [Dynamic Tension]
Robert Hood – Superman [M-Plant]
Planetary Assault Systems – X Speaks To X (Al Tourettes & Appleblim Remix) [Ostgut Ton]
Ritzi Lee – Black Star Ritual (Ben Sims Remix) [Underground Liberation]
T-Polar – Crab People [Digital Distortions]
13 – Ital Tek – Spectrum Falls [Atom River]
Surgeon – Klonk Part 1 (Drums Only) [Dynamic Tension]
Subeena – Picture [Opit]
Fran Hartnett – It Was Written In Vapour [unreleased]
Mark Broom & James Ruskin – Hostage [Blueprint]
Stephen Brown – Stress Free [Music Man]
Ancient Methods – AM04B1 [Ancient Methods]
Surgeon – Compliance Momentum [Dynamic Tension]
Greena – Tenzado [Apple Pips]
Starkey – Spacecraft [Planet Mu]
Starkey feat. Anneka – Stars (Slugabed Did A Remix) [Planet Mu]
Cari Lekebusch – Spindizzy (Luke Slater’s L.B. Dub Corp Remix) [Mote-Evolver]
Surgeon – The Crawling Frog Is Torn and Smiles [Dynamic Tension]
Orphx – Threshold (Substance Remix) [Sonic Groove]
Gatekeeper – Blip [If Symptoms Persist]
Mark Broom & James Ruskin – No Time Soon [Blueprint]
Russ Gabriel – El Juan [We Play House]
DJ Overdose – What [Lunar Disko Records]

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