Wenn alle das Selbe machen, wird es für alle langweilig! Das ist in der Mode so, im Büro und auch in der Musik. Und da der Sound vieler DJs sich immer mehr vereinheitlicht und einseitig wird kommt hier die Aufforderung: traut euch mal wieder was und macht was, das keiner erwartet und brecht aus dem Einheitsbrei aus!

Anlass für diese Zeilen ist eine Mix-CD von Sven Väth, die mir dieser Tage mal wieder in die Finger gekommen ist. Auf der „Sound of the Sixth Season“ hat er den Sommer 2005 musikalisch Revue passieren lassen und auf einer Doppel-CD die ganze Bandbreite an House- und Technosounds abgedeckt, die in jenem Sommer in Europa gespielt wurde. 24 Tracks von denen jeder einen ganz eigenen Charakter hat, keiner wie der andere klingt und sie gemeinsam trotzdem eine Einheit bilden. Es war viel schräges Zeug dabei, wie die Turkish Tavern von Gary Martin oder die Sunaj Assasins mit Cold Callin‘ und auch einige zeitlose Hits wie die Marionette von Mathew Jonson.

Für diese Vielfalt und den Mut zu ausgefallenen Tracks von den unterschiedlichsten DJs gibt es noch viele weitere Beispiele, von denen auf jeden Fall die Time Warp Mix-CD 2006 von Tiefschwarz und die I Love Techno Mix-CD 2005 von T-Quest genannt werden müssen. Weitere außergewöhnliche oder vergessene Mixe dürft ihr gerne als Kommentar unten hinterlassen.

Experimente überall – auf CD, im Club auf Platte

Nicht nur auf den Mix-CDs war der Sound breiter aufgestellt, auch jede Menge Releases haben mal über den Tellerrand hinausgeschaut und wurden von einer breiten Masse an DJs in Clubs und auf Festivals gespielt und an überraschenden Momenten in Sets eingebaut. Natürlich hatten auch 2002, 2006 und 2008 schon die meisten DJs einen straighten Soundkosmos in dem sie sich bewegten und durch den sie sich definiert haben. Diese Leitplanken wurden aber auch gerne mal durchbrochen und haben Sets bereichert, ohne dass der rote Faden verloren wurde.

Für solche Veröffentlichungen abseits des Mainstreams waren vor allem Labels wie Kompakt, Gigolo Records oder der 2006er Newcomer Dirtybird verantwortlich, die sich getraut haben Musik auf den Markt zu bringen die nicht nur auf Verkaufszahlen getrimmt war und sicher finanziell auch viel Risiko mit sich gebracht hat. Aber so ist es eben in der Kunst, manchmal gefällt sie der großen Masse und manchmal schafft sie es keine paar Meter aus einem Atelier oder Studio hinaus.

Welcher DJ traut sich heute mal die Crowd zu überraschen

Der genannte Mut und die Kreativität für den überraschenden Track an einer unerwarteten Stelle im Set scheint in den letzten Jahren irgendwie verloren gegangen zu sein. DJs halten sich strickt an das für sie typische Genre und die Tracks und die entsprechenden Labels, die dazu passen. Das schafft für den Zuhörer, den Raver und den Instagramfollower natürlich eine gewisse Sicherheit, die ganz großen WOW-Momente bleiben aber aus. Viele Sets hören sich über Stunden monoton und gleichbleibend an und das nicht, weil damit eine hypnotische Atmosphäre geschaffen werden soll, sondern am Mangel an Soundvielfalt in den Tracklisten der DJs.

Flugpläne und Social Media kannibalisieren die Kreativität

Vielleicht liegt es an den meist recht kurzen Playtimes bei großen Events und der immer größer werdenden Zahl an Gigs die von den großen Acts gespielt werden. Da bleibt beim Reisestress keine Zeit, um die wahren Schätze unter den Veröffentlichungen zu finden und sich dann auch noch Gedanken darüber zu machen, wie sie ins zeitlich knapp bemessene Set eingebaut werden könnten. Vielleicht ist es auch die Angst davor, wie die Sau durchs Social Media Dorf getrieben zu werden, wenn ein musikalisches Experiment mal daneben geht und sich die Facebookgemeinde dann wochenlang darüber lustig macht und mit unqualifizierten Kommentaren um sich wirft. Diese Einschätzung darf nicht verallgemeinert werden! Montagnachmittags in Berlin, in einem Set von DJ Hell, bei einem Gig von Gengrejongleur Laurent Garnier, oder auf dem ein oder anderen Festival gibt es die magischen Momente noch, die großen Überraschungen in der Trackauswahl sind aber definitiv seltener geworden.

Die ausgefallenen, schrägen Tracks sind immer noch da

Die Beispiele von Sven Väth, Tiefschwarz, Kompakt und Gigolo stammen alle aus den frühen 2000er Jahren. Das könnte man als Ausrede nutzen und sagen, dass es heute einfach kein Angebot mehr an Veröffentlichungen abseits des Mainstreams gibt und die Zeit der experimentellen Releases vorbei ist. Diese Ausrede gilt aber nicht, denn auch im Jahr 2018 gibt es jede Menge kreative, aufwendig arrangierte Produktionen. Leider werden sie aber nicht mehr im Club gespielt, sondern finden wie zum Beispiel die Alben von DJ Koze hauptsächlich auf Spotifyplaylisten und im Kulturteil der FAZ statt und nicht mehr in DJ-Sets. Deswegen haben wir hier ein paar Vorschläge von aktuellen Tracks, die in viele House- und Technosets passen würden und garantiert für Erstaunen und Überraschung auf dem Dancefloor sorgen:

Tigas Label Turbo Recordings wird in diesem Jahr schon 20 und er wird nicht müde, darauf ziemlich durchgeknallten Sound zu veröffentlichen. Das letzte Release kam von Tiga selbst, leider ist es viel zu selten in Sets zu hören:

Klingt erstmal unspielbar, ist die Nummer vom neuen Enrico Saniguliano-Album aber nicht. Die kleinen Beateinwürfe im flächigen Teil bieten perfekte Anhaltspunkte zum Mixen und das bei ordentlichen 127BPM. Und wem am Anfang zu wenig passiert, der kann sich ja eine Hi-Hat aus einem anderen Stück sampeln und rein legen.

Schon ein Jahr alt, aber genau der richtige Track, um die Crowd während eines Sets mal für ein paar Minuten auf die etwas schägere Folter zu spannen ist D-14 von Medu. Auf dem spanischen Label UNDUB gibt es noch mehr interessanten, experimentellen Sound.

Liebe DJs, seid mutig, brecht mal aus eurem gewohnten Soundgenre aus und überrascht die Crowd! Der ein oder anderen Break und ein paar unharmonischen Flächen wirken oftmals Wunder. Ihr macht das sowieso schon in euren Mixen? Dann postet uns gerne die Links dazu unten als Kommentar.