GEMA im Club > BLACK BOX BPM

Schon lange beschweren sich Underground-Künstler einer immer differenzierten Musikszene darüber, dass ihre Musik zwar öffentlich gespielt wird, die Gema ihnen dafür aber das Geld nicht zukommen lässt. In Kooperation mit Media Control sollen DJ-Sets deshalb jetzt ausgewertet werden.

MÜNCHEN · Wer des Nachts durch Clubs, Bars, Diskotheken und Kneipen zieht, bekommt viel Musik um die Ohren. Meist von CD, von Vinyl oder aus dem Computer. Jeder Laden präsentiert einen anderen Style, in einer Nacht sind Hunderte von Produktionen ebenso vieler Komponisten zu hören. DJs legen bis zum Schankschluss am nächsten Nachmittag eine Scheibe nach der anderen auf, spielen zum Teil drei oder vier Platten gleichzeitig. Sie wissen zum Teil selbst nicht so genau, welcher Künstler gerade läuft und wie das Stück heißt. DJs merken sich nur, wie die Platte aussieht und wo sie im Plattenkoffer steht. Vielleicht noch das Label, aber Protokoll führt niemand.

Weil das so ein Kuddelmuddel ist, zahlen die Betreiber der Lokalitäten eine Pauschale an die Gema, die sich nach der Größe und den Öffnungszeiten richtet. „Dieses Geld wanderte in einen Topf und wurde dann am Jahresende anderen Geschäftsbereichen der Gema zugeschlagen“, berichtet Rolf Weigand vom Aufsichtsrat der Gema. Weitere Geschäftsbereiche sind zum Beispiel die Live-Auftritte, deren Gema-Kapitalstock sich dadurch erhöhte.

Clubmusik wird aber nur sehr selten live gespielt. Die Künstler, deren Maxis, Alben und EPs sich auf den Plattentellern drehen, sahen von diesem Geld bislang also nichts. „Aber das soll sich mit einem neuen System nun ändern“, verspricht Weigand. Dieses neue System ist die Black Box, ein Gerät, das per Zufallsgenerator die Musik aus den Clubs mitschneidet, in denen sie installiert ist. 100 Black Boxes sind laut Weigand in Kooperation mit Media Control in deutschen Clubs installiert worden. Die Kosten für die Gema belaufen sich auf 500.000 Euro.

Die Black Boxes wurden repräsentativ in ganz Deutschland verteilt. „Wir haben uns mit Experten Gedanken darüber gemacht, wie die verschiedenen Musikrichtungen prozentual in den Clubs repräsentiert sind und danach die Verteilung der Black Boxes organisiert“, so Weigand. Die Mitschnitte sollen also im Idealfall einen Querschnitt der Clubmusik in Deutschland bieten. Vom Tanzlokal für Senioren bis zur finsteren Hardtekkno-Disse soll alles dabei sein.

Experten hören zu

„Diese Mitschnitte werden von uns an ein Experten-Gremium weiter geleitet, die dann beim Anhören die Musik wiederum den Künstlern zuordnen sollen“, erklärt Weigand. Die Experten, das seien DJs und Szene-Kenner, die auf ihrem jeweiligen Spezialgebiet heraushören sollen, welche Platte gerade läuft. Anhand dieser Listen sollen die Tantiemen der Gema dann eben den erkannten Künstlern zugute kommen.

„Das funktioniert doch nie im Leben“, sagt Anthony Rother, selbst erfolgreicher Musik-Produzent aus der Sparte der elektronischen Clubmusik. Er, der schon mehrere Produzenten-Preise erhielt und dessen Alben auch schon mal „Album des Jahres“ waren bezweifelt, dass ein noch so erfolgreicher DJ oder versierter Szene-Kenner alle Platten wiedererkennen kann, die ihm von der Black Box aufgezeichnet wurden.

In der Tat ist das schwer vorstellbar. Manche DJs mixen bis zu vier Platten übereinander, benutzen Effektgeräte, um die Klangfarbe zu verändern und spielen rare Import-Ware oder Stücke, die sich als Bonus-Track am Ende einer B-Seite verstecken. Von den Platten, die als Promotion-Exemplare schon vor dem eigentlichen Veröffentlichungstermin an ausgewählte DJs verschickt werden, ganz zu schweigen. „Die kann ein Experte doch gar nicht kennen“, sagt Rother.

Und so sei fraglich, ob Listen, in denen mehrheitlich -Artist: unknown- und „Title:*“ festgehalten sind, irgendeinen Nutzen für die Künstler selbst haben. „Am Ende profitieren doch wieder nur die Hit-Produzenten, weil der Rest nicht zugeordnet werden kann“, so Rother. Er schlägt vor, doch einfach Listen in den Clubs zu führen, welche Platte gerade den Drehteller verlassen hat.

„Das wurde in Italien erprobt“, erinnert sich Weigand und setzt hinzu: „Das führte ruckzuck zu mafiösen Strukturen. Die Protokollanten haben die Listen frisiert, um ausgewählten Produzenten mehr Tantiemen zuzuschustern.“ In Deutschland habe man sich deshalb gegen dieses Listen-System entschieden.
Weigand gibt sich indes überzeugt vom Black Box-System. „Die Box erstellt auch elektronische Fingerabdrücke der jeweiligen Tracks, so dass ein einmal erkannter Track immer wieder zugeordnet werden kann“, betont er. Für diesen elektronischen Fingerabdruck der Stücke arbeite Media Control mit dem Fraunhofer-Institut zusammen, das eine Datenbank mit 800.000 Stücken parat habe, mit denen die Mitschnitte der Black Box abgeglichen werden.

Ein Schritt in die richtige Richtung?

Die Experten müssten dann lediglich versuchen, die restlichen Stücke zu erkennen, wobei sie auch Recherche-Möglichkeiten hätten. „Wenn da mal eine Nummer nicht erkannt wird, die einmal in einem Underground-Club gespielt wird, dann ist das eben so“, sagt Weigand. Das sei aber immer noch besser, als gleich die Segel zu streichen und alles so ungerecht zu belassen, wie es noch vor Einführung der Black Box war.

Armin Jonat, seit 15 Jahren für Artists and Research beim Vertrieb Discomania tätig, hält es durchaus für möglich, dass die Experten die Tracks erkennen könnten. „Es ist erstaunlich, was gerade DJs da rausfiltern. Allerdings birgt das auch wieder die Gefahr, dass die Listen frisiert und vor allem die eigenen Produktionen erkannt werden, wo sie vielleicht gar nicht gespielt wurden.“

Musik-Mafia auch in Deutschland? Jonat traut den Experten zumindest eine Treffergenauigkeit von 70 bis 80 Prozent zu. „Wenn sie sich denn gegenseitig kontrollieren und aus unterschiedlichen Lagern der Branche kommen.“

Lost in Translation

Einen der sogenannten Experten von Media Control haben wir bis Redaktionsschluss leider nicht ans Telefon bekommen. Und das, obwohl wir die Pressestelle vier Tage lang morgens und nachmittags mit dem Thema genervt haben. Wir verlangten nach dem Experten für Techno, der uns erklären sollte, wie er sich das Raushören genau vorstellt und woher seine Qualifikation stammt. Nach mehreren Tagen erreichte uns dann endlich folgende E-Mail:

„Sehr geehrter Herr Löffel,
bezugnehmend auf Ihr Telefonat mit unserem Sekretariat erhalten Sie nun anbei die Stellungnahme zu Ihrer Frage ,Wer wertet die Files denn aus?: Das Hitbox-Projekt in unserem Hause und im Auftrag der GEMA wird von speziell ausgebildeten Musikspezialisten ausgewertet. Diese, Experten in ihrem jeweiligen Genre, arbeiten unter der Leitung von Media Control in Baden-Baden.
Wichtig ist zu erwähnen, dass alle ermittelten Daten einem Crosscheck unterliegen und im Rotationssystem abgearbeitet werden. Noch nicht mal die Media Control-Auswerter wissen welche Clubs sie auswerten, sie erhalten ausschliesslich ein anonymisiertes File, das durch eine interne Verschlüsselung geschützt ist. Denn Datensicherheit ist oberstes Gebot. Deshalb werden auch keine Namen der Auswerter veröffentlicht, die an dem Projekt beteiligt sind. Wir hoffen, Ihnen mit dieser Auskunft weitergeholfen zu haben und verbleiben
Mit freundlichen Grüßen,
Ulrike Altig“.

Das verstehe wer will. Wir nicht.

Wer sich weitergehend für das Thema interessiert, sollte sich mal den Blog www.gemaforus.de anschauen. Mitdiskutieren erwünscht.

Von Arne Löffel
PARTYSAN // 02.03.2007

Eine Antwort

  1. Sven

    Wenn man sich etwas Mühe mit dem Verstehen gibt, klappt’s auch: Natürlich rücken die keine Namen raus; völlig logisch. Sofort würden sich die Labels – ob gross oder klein – auf den Menschen stürzen und versuchen, ihn zu beeinflussen.

    Antworten

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