Vor kurzem hat mnmlssg ein wenig über die Politik zur Klimaveränderung recherchiert. Eine ziemlich vertrackte Situation, um es vorsichtig auszudrücken…

Teil des Problems ist, dass die Menschen aktiv die Umwelt verkorksen. Der größte Teil des Problems rührt von Menschen her, die ihr Leben auf bestimmte Weise verbringen, doch wenn diese einzelnen Tätigkeiten und Handlungen kollektiv zusammengefasst werden, zur globalen Erwärmung und anderen Umweltproblemen führen.

Eine Version dieses Dilemmas wurde in den späten 1960igern von Gareth Hardin mit der Metapher „Die Tragödie des gemeinen Volkes“ ausgedrückt. Es würde zu weit führen, hier alles zu erklären, aber die Grundaussage wollte auf Folgendes hinweisen: „Menschen sehen sich einer gefährlichen Situation gegenüber, die nicht von bösartigen äußeren Kräften verursacht wurde, sondern offensichtlich durch das entsprechende und ahnungslose Verhalten vieler Einzelpersonen hervorgerufen wurde.

Was hat das mit elektronischer Musik zu tun, fragt ihr euch?
Für Anfänger sei gesagt, dass PC vor einer Weile für RA ein ausgezeichnetes Stück über die Beziehung zwischen DJ-Aktivität und Umweltproblemen geschrieben hat. Nun, worüber ich reden möchte ist nicht wirklich die Umwelt, sondern ich möchte auf die Dynamik hinweisen, die das Problem des Klimawandels darstellt und die teilweise auch in der Art und Weise anzutreffen ist, wie über elektronische Musik geredet und online in Umlauf gebracht wird (und bitte beachtet, dass ich die Betonung auf teilweise lege, denn diese Analogie ist weit davon entfernt perfekt zu sein). Ich werde hier einige Beispiele einzelner Handlungen zeigen, die an sich nicht problematisch sind, doch wenn sie alle zusammengebracht werden, sieht die Sache ganz anders aus:

Die Werbeagentur C verlangt ein Feedback, damit ein Promotrack heruntergeladen werden kann (die du brauchst, um sie sich richtig anhören zu können oder sie abzuspielen, wenn du ein DJ bist). Dieses Feedback wird dann entweder direkt als Werbung verwendet, ganz gleich wie  banal es sein mag: „Das ist großartig. Werd ich sicher spielen! DJ XX. Heruntergeladen. DJ G”, usw.

Der Journalist D schreibt Kritiken für eine große Website A für elektronische Musik, eine große Website B für elektronische Musik und für Website C und wer weiß welche noch.

Nachwuchs-DJ ZZ schreibt Kritiken für Freunde (ohne diese Tatsache mitzuteilen) und für Labels, mit denen er gerne arbeitet, oder von denen er zumindest mit Promotracks bemustert wird.

Wenn Musik digital gekauft wird, tendieren viele dazu einzelne Soundtracks zu kaufen und weniger Vollversionen. Als Entschädigung schlägt ein großer digitaler Einzelhändler XX eine Bearbeitungsgebühr von $ 1,00 für .wav Dateien auf. Als Folge davon kostet die digitale Version für die gesamte Ausgabe genauso viel wie die Platte.

Der Kritiker EE mag eine bestimmte Ausgabe nicht besonders, gibt ihr aber eine solide/positive Kritik, weil die Version von einem Künstler oder Label mit einem guten Ruf stammt.

Neue Webseiten/Blogs/Label/Werbeagenturen wollen ihre Arbeit bewerben, um mehr Aufmerksamkeit für ihre Projekte zu bekommen, damit sie ein Podcast starten können.

XYZ schreibt Kritiken für eine Anzahl wichtiger Musikwebseiten, aber er schreibt auch für eine andere Website, die von einer der größten Webseiten für den Verkauf von digitalen Kopien elektronischer Musik betrieben und mit ihr eng verlinkt ist.

Der neue Künstler RR entscheidet sich lieber sein eigenes Label zu starten als zu versuchen über bestehende Label herauszukommen.

Die Werbeagentur P drängt auf ein Feedback für eine Version und wenn sie ein negatives Feedback erhält, ficht sie dieses Feedback an.

Die Website RR ist eine der wichtigen Händler für online elektronische Musik. Sie unterstützt nach Kräften und kritisiert positiv eine Version des Labels D, ohne zu erwähnen, dass sie Label D besitzt.

Mix 1 stammt von einem sehr beliebten DJ, wird aber als anonym gekennzeichnet, so dass nur ca. ein Fünftel der Zeit im Vergleich zu einem normalen Mix von dem gleichen DJ heruntergeladen werden kann.

XYZ fördert und unterstützt ein großes Technofestival auf ihrer Seite, bekommt für ihre Werbung ein Gratisticket und schreibt dann nach dem Festival einen Bericht.

Technoliebhaber QQ möchte DJ werden, weshalb er eine illegale Kopie von Ableton herunterlädt und mit Mixen beginnt.

Jemand schreibt eine Kritik einer Version mit den Künstlern P und Q auf Label A, und bewirbt dann Versionen der gleichen Künstler auf Label B.

WW schreibt eine Kritik zu einer Version von Künstler O, erwähnt aber nicht, dass O in der Vergangenheit gebucht und O für einen großen Auftritt in der Zukunft gebucht wurde.

Die Seite T für Tanzmusik veranstaltet einen Wettbewerb, bei dem der Preis der Besuch einer Serie von Festivals und die Kritik der Ereignisse für die Website ist.

Kritiker OO schreibt eine Kritik zu einer neuen Ausgabe des Künstlers PP, und weiß ziemlich sicher, dass er ihm nächste Woche in der Panoramabar oder bei Hardwax über den Weg laufen wird.

Mix 2 ist ein bekannter Name einer Podcastserie und stammt von einem sehr guten DJ, der beliebt ist und mit starken Labels verbunden ist. Der Mix selbst ist nicht sehr gut, aber jeder sagt „toll“!

TT möchte Produzent sein, deshalb lädt er geknackte Software herunter und fängt an Soundtracks zu machen.

Positives Feedback wird beim Herunterladen einer neuen Werbeaufnahme abgegeben, die Werbeagentur S drängt dann auf eine Kritik, die auf diesem Feedback aufbaut. Wenn die Kritik positiv ausfällt, wird sie dazu verwendet, die Version zu bewerben.

Ein EP wird von einer Webseite positiv bewertet, ohne zu erwähnen, dass ein Mitglied des Personals der gleichen Website das Label betreibt.


Ich könnte noch viel mehr anführen, aber es reicht wohl, um Ihnen eine Vorstellung von dem zu geben, was läuft.
Obwohl meine Angaben auf bestimmten Beispielen aufbauen, habe ich absichtlich keine Namen angegeben, weil sie nicht relevant sind. Meine Absicht ist, sich auf ein breiteres Bild zu konzentrieren.

In vielen dieser Situationen besteht das Problem der Bekanntmachung, aber darüber hinaus ist nichts zwingend falsch bei diesen speziellen Aktionen. In den meisten Fällen handelt es sich um Personen, die sich intensiv um elektronische Musik kümmern, Einzelpersonen, die versuchen, sich durch Beiträge zur Szene einen Lebensunterhalt zu verdienen und etwas tun, an das sie glauben.

Das ist vollkommen in Ordnung. Wir brauchen diese Leute, und dieser Beitrag soll niemanden oder bestimmte Aktionen angreifen. Aber…

Aber wenn man statt sich auf bestimmte Beispiele zu konzentrieren, alle diese Aktionen nimmt und sie zusammenfügt, ergibt sich wesentlich problematischeres Bild. Und in diesem Punkt sehe ich eine teilweise Ähnlichkeit zur Situation des Klimawandels – die Menschen gehen rechtmäßig ihren eigenen Interessen und ihrem Lebensstil nach, aber wenn diese Handlungen kombiniert werden, ergibt sich daraus ein Gesamteffekt, der schädigend ist, selbst wenn der einzelne dies nicht beabsichtigt.

In diesem Fall ist es die elektronische Musikszene als Ganzes, und im Besonderen die Online-Manifestation davon (die immer einflussreicher wird). Es ist eine Situation, die sichere Wetten ermutigt und belohnt, eine Menge Zeug hervorbringt, das sehr gut, aber nicht großartig ist, und zu viel Wert auf den richtigen Namen oder das Label legt, Urteile und Kritiken pflegt, die nicht auf der Qualität der Musik oder der Performance aufbauen, sondern darauf von wem sie stammen, und so eine sich ständig ausweitende Flut von Versionen, Labels, Mixes, Aufnahmen und Podcastserien vorantreibt.

Kurz und gut, ich denke wir werden in eine Situation gebracht, in der von uns nicht verlangt wird kritisch mit Musik umzugehen, sondern eine Lage  bevorzugt, in der durchschnittliche Musik überwiegt.

Um es klarzustellen, ich greife hier niemanden an.
Verdammt, ich weiß, dass ich selbst zu dieser Situation beitrage.

Denkt jemand tatsächlich, dass er hier einen Beitrag finden wird, in dem steht, dass SENSATION ist oder PAULVAN DYK ein schrecklicher DJ?

Ich bezweifle, dass ich das jemals tun muss, aber wenn ich ehrlich bin, gab es Situationen, in denen ich bestimmte Ausgaben oder Labels kritisieren wollte, was ich dann aber nicht tat, weil es für mich Probleme gegeben hätte.

Das hat mein Leben leichter gemacht, ist aber bestimmt nicht ein Idealzustand… So was jetzt?

Ich bin nicht sicher … aber ich denke, ein erster Schritt ist getan, indem darüber gesprochen wird, und dass als Folge davon die Menschen sich viel aufrichtiger und direkter engagieren und wie sich das auf ihr Tun auswirken kann (oder auch nicht). Ansonsten fällt mir nichts ein. Aber wie beim Klimawandel wird das Problem nicht besser werden, indem man es einfach ignoriert…

Ein Gastbeitrag von http://mnmlssg.blogspot.com

PARTYSAN: Wir fanden den Artikel wirklich interessant und haben einige Paralellen zur täglichen PARTYSAN Arbeit gefunden.
Darum haben wir diesen Beitrag üersetzt und werfen ihn euch nun zur Diskussion vor.

Haben wir in der elektronischen Musik Szene ein System dass mittelmäßige Musik und DJs bevorzugt, die die besseren Promoter und das größere Budget haben?

Gibt es keine Chancen mehr für den echten MusicLover und Individualisten erfolgreich zu sein ohne sich zumindest teilweise zu prostituieren?

Was meint ihr?

6 Responses

  1. partysantom

    Wow, das ist ein Artikel, der sehr zum nachdenken anregt. Es stimmt schon irgendwie, Vitamin B hat noch niemand geschadet und es scheint immer schlimmer zu werden. Wobei doch gerade das Internet mit den vielen Kommunikationswegen dem Erfolg OHNE großes Budget zumindest Chancen bietet

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  2. Sammy

    Ich finde es extrem schwer ohne Vitamin B eine Chance zu bekommen! Auch in Zeiten von Youtube, Soundcloud und co. Also sorry, aber auch im Internet regieren Beziehungen und Geld.

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  3. Matthias Hilgers aka hilgahz

    Ich denke dieser Versuch, Reaktionen auf diesen Artikel zu bekommen, zeigt schon ganz gut, was in der Musik-/ Internet-/ DJ-/ Party-/ Promotionwelt so los ist: Jeder, der mächtig über irgendeine Sprache ist, hat die Möglichkeit etwas zu posten – 1 gelungener Satz montags morgens bekommt mehr Feedback als eine komplett animierte Internet-Seite, die man an einem Wochenende ins Leben gerufen hat (oder das Set seines Lebens, für das man wochenlang Tracks selektiert hat).
    Es kommen so viele Denkansätze im Bezug auf das Thema. Das ist wohl hoffentlich der Grund, weshalb so wenig Kommentare dazu kommen – hoffentlich =)
    Weil ich schon seit 20 Minuten ständig mit Sätzen anfange, und es nicht schaffe einen Satz auszuformulieren Antwort ich einfach mal auf die Fragen: Ich denke, dass das System schon passt. Große und teure Acts spielen in kleinen Clubs. Echte Liebhaber gehen in kleine Clubs, die Oberflächlichen fahren zu David Guetta ins Bootshaus. Gerade in der Zeit des Downloadens und Raubkopierens ist die Live-Performance wichtig, das hab ich vor 10 Jahren gesagt und das sag ich heute als DJ. Die Tontäger bzw. Files müssen viel mehr als Marketinginstrument gesehen werden. Das bewegt uns vielleicht in die Mittelmäßigkeit im ersten Eindruck, wenn der Eindruck erweckt wird, dass man nicht mehr so viel Kunstwerk und mehr Flyer produziert, aber so werden die Verhältnisse mal wieder in die Richtige Bahn gebracht. Die Fragen, die im Anschluss an den Artikel gestellt werden, wirken schon fast ein bisschen naiv, wenn man die EURE Partyübersicht für NRW sieht: Da steht neben Circoloco im LOFT die HardTechnoParty in Viersen und nebenbei wird noch Werbung für David Guetta gemacht. Die Prostitution für jeden Künster ist es seinen Geschmack an das Publikum anzupassen. Liegt da der Gedanke nicht nahe, dass man, wenn man schon europaweit agiert, die Veranstaltungen nach Genre aufteilt, sodass auch kleine Parties in den Focus geraten, bei denen dann auch kleine Musikliebhaber-DJs ihren Platz neben Mega-Events in Tribehouse und Bootshaus finden? Nur mal ein kurzer Gedanke an nem Montag von jemandem, der das ganze WE feiern war. Jemandem, der viel Geld dafür bezahlt hat, dass DJs das gespielt haben, was man selbst zu Hause hat und in oftmals skillmäßig besserem Umfang gemixt hätte.
    Die „elektronische Szene“ is ein Millionenbusiness und alles ist genau so wie in jedem anderen Wirtschaftszweig!

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    • tobstar

      Klar sind wir Teil des Systems. Das war auch der mit der Grund, warum ich versuche das mal etwas mehr zu thematisieren. Grundsätzlich sind wir natürlich ein kommerzielles Unternehmen, das versucht Geld zu verdienen. (wenn auch im kleinen Stil) Aber Server müssen nun mal bezahlt werden. Aber wenn uns das die Möglichkeit gibt solche Diskussionen zu führen, nach „guter“ Musik zu fahnden und zu supporten, macht das alles doch Sinn.

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