Die Welt hat ihre Religionen. Die ihre heiligen Orte. Die haben wiederum ihre Pilger, die sie suchen.
Muslime suchen Mekka auf. Juden Jerusalem und ihre Klagemauer. Urvölker Berge und Vulkane.
Doch was sucht eine, unsere Gesellschaft, die sich über die Jahrhunderte immer mehr vom religiösen Kultus weg bewegte und alles entsakralisierte?
Mc Donalds?

Ganz so pessimistisch sollte man es nicht sehen. Im Gegenteil.

Was früher als Treffpunkt der Massen und jedem einzelnen als ein universelles Zentrum diente – so wie ein gigantischer Dom oder ein steiniger Pilgerweg es war – ist heute das Internet, The Media, ist global und hat Denkmal und Weltwunder längst abgelöst.

Man trifft sich die Tage im Netz, millionenfach, ohne lange Anreise zum Heiligtum, staunt auf Videoportalen über den „DJ der guten Laune“ und dessen Popularität und nicht etwa über die Sphinx des Pharao oder einen potenten Vulkangott. Alles ist heute anders.
Ja. Wir selbst sind es geworden: virtuell.

Nun ja. Bis auf ein paar Ausnahmen. Manche Orte besitzen immer noch sakralen Charakter.

Fünf Tage und vier Nächte hintereinander wird Amsterdam zu einem Tempel der elektronischen Tanzmusik.

Alle Labels und Künstler pilgern dort hin: Es ist DAS elektronische Clubfestival überhaupt! Eine Musikkonferenz der Superlative! Und der größte Dance Event weltweit!

Es ist einer dieser benannten, heiligen Orte. Nur die „Religion“ ist eine andere geworden.

Das Amsterdam Dance Event, kurz ADE.

Vor 14 Jahren gegründet, waren es gerade mal ein paar Hundert, die 1996 zur Konferenz tagten und das Festival Line-Up bestand aus nur 30 DJs, die lediglich in drei Clubs spielten.

Heute sind es über 700 Artists in 41 Clubs und 90.000 Besucher, die die Locations füllen!

Im Studio 80, im Trouw, im Paradiso und dem Bungalow 8 der Leidseplein, im Korsakov, im Boom Chicago knapp BC12 gerufen, im Jimmy Woo und der Sugar Factory, im Air, dem Pure-liner, dem Rain, und und und…

Die Konferenz, die nebst dem Clubprogramm die Menschen lockt, vereint Neugier und Network, Ideen und Leute und stillt den nie endenden, urbanen Hunger nach Trends und Techs und Clubkultur, der immer neues Futter will.

So schmeißt Richie Hawtin diesem Wolfsrudel eine satte Portion Fortschritt vor: Im F5 Panel room des Felix Meritis in der Amsterdamer Keizersgracht präsentiert er das Welt-(Weit-Web-)Wunder: Burn Studios.

Eine brandneue Music Community, die alle Grenzen des Raums und der Zeit überwinden wird.

Klingt fast metaphysisch und wie ein Sektenkult konspirativer Musiknerds, die so etwas wie ein Stargate irgendwo auf einem Server im Wald verstecken. Und ist es auch! Es ist ein heiliges Portal; unserer Net- und Musikkultur.

Eine Art virtueller Tempel, überall, und der globaler nicht sein kann. Frei und für jedermann zugänglich, um mehr Fusion zu provozieren zwischen den Kreativen und um Musik endgültig zu demokratisieren, zu einem Schmelzpunkt der Subkultur; werden zu lassen.

www.burn-studios.com

Es ist mehr als ein Pfad, der zu einem gigantischen Sakralklotz führt, vor dem man Ablass spendet und den Kniefall hinlegt. Obwohl die Idee es verdiente: Es ist wie ein Feuer, das sich autonom ausbreitet und Progress mit sich zieht – für jedermann.

Es ist das einzige Online-Portal überhaupt, auf dem – vom unentdeckten Rohtalent bis hin zum professionellen Producer – jeder zusammen findet und weltweit mit einander kollaborieren kann, um neue, brillante Sounds zu designen.
Mehr Traffic, mehr Ideen! Eine einfache Gleichung, wie vom Propheten der Muse selbst.

Es ist eine Religion der Ökonomie.

User kriegen hier einfach Zugang zu Musictools, die, auf dem neusten Stand der Technik, darauf warten, erprobt zu werden und besuchen Online Workshops und Tutorials, die sogar persönlich von Richie Hawtin als Mentor gehalten werden.

Was uns Parallelen zeichnet.

Manche Dinge ändern sich nie. So hatte ein Sakralklotz stets einen Priester, ein Urvolk Schrumpfkopfschamanen und Burn Studios nun seinen DJ.


Image: Festival – Richie Hawtin Minus – The Powerzone (credits: Tilllate.com)

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