Hallo Dominik, der Winter ist vorbei, der Frühling vor der Tür und draußen beginnt alles zu blühen. Eigentlich doch genau deine Jahreszeit, oder?

Ich liebe eigentlich jede Jahreszeit. Das ständige Kommen und Gehen gibt einem ein schönes Bewusstsein, was ein Jahr und was Zeit ist. Ein Glück, dass wir nicht am Äquator leben. Der Frühling lässt natürlich das Herz eines Naturfreundes immer höher schlagen. Gerade heute habe ich mich an den imposanten Lärchensporn-Teppichen in den noch lichten Wäldern erfreut. Mein Lieblingsjahreszeit ist aber dennoch der Herbst, wenn die Natur sich nochmal mit Pauken und Trompeten in schmuckem Bunt-Laub verabschiedet und ein Hauch der Melancholie und der Vergänglichkeit in der Luft liegt, da spürt man immer sehr deutlich worauf es im Leben ankommt…

Auch auf „Diorama“ zeigt sich wieder deine Naturverbundenheit. Welche Geschichten stecken hinter Tracktiteln wie „Teddy Tausendtod“ und „Die drei Millionen Musketiere“?

Für mein viertes Album „Diorma“ habe ich in Kooperation mit dem NABU die elf größten Natur-Wunder unserer heimischen Gefilde gesucht. Denn nicht nur an den exotischen Orten der Erde gibt es fantastische Errungenschaften der Natur: auch vor unserer eigenen Haustür existieren verblüffende Wunder, deren Existenz jedoch meist verborgen bleibt. Nur bei genauem Hinschauen und dem Bewusstsein ihrer Geheimnisse, erblicken wir eine mirakulöse Welt.

Wie etwa „Teddy Tausendtod“. Die winzig kleinen Bärtierchen sehen aus wie tapsige Mini-Teddys, daher ihr Name. Trocknen sie aus, verbleibt nur noch eine medizinisch tote Hülle übrig. Auch nach mehreren Jahren ohne Nahrung erweckt ein einfacher Tropfen Wasser sie wieder zum Leben! Oder „Die drei Millionen Musketiere“: Einer für alle, alle für einen! Eine Ameise alleine ist ziemlich doof und zu keinen großen Meistertaten fähig. Durch den genialen, selbstorganisierten Staat aus Millionen von Ameisen, entsteht jedoch eine verblüffende, kollektive Intelligenz, woraus zum Beispiel perfekt konstruierte Bauten hervorgehen.

Wie setzt du denn solche Ideen in deinen Tracks um?

Zu jedem Wunder habe ich mich hingesetzt und ein eigenes Stück komponiert, seine Eigenschaften und meine Gefühle dazu musikalisch umgesetzt. Wie etwa bei dem Stück „Das Neunauge“. Hier wird ein sehr eigentümlicher Fisch beschrieben, welcher als lebendes Fossil gilt. Auch seine Lebensgeschichte ist sehr außergewöhnlich, da dieses urtümlichen Wesen seine ersten fünf Lebensjahre in einem wurmartigen Larvenzustand verbringt, um sich dann schlagartig innerhalb von drei Wochen zu einem vollständigen Fisch zu verwandeln. Deshalb ist das Musikstück dazu bis zur Mitte fast archaisch dubbig. Melodiefetzen setzen sich im Kopf zu neuen Gebilden zusammen, so wie die sieben Kiemenöffnungen, Nasenloch und Auge zusammen wie die neun Augen des Fisches erscheinen. Plötzlich schlägt das Stück eine andere Richtung ein, bekommt eine lebendige, ravige Note, ganz im Sinne des Neuenauges, dass sich schlagartig zu einem vollständigen Fisch verwandelt.

Wie unterscheidet sich „Diorama“ denn zu deinen letzten Alben?

„Diorama“ wurde mit klarem Ziel vor Augen geschrieben, bei dem ich alle Facetten elektronischer Musik ins Visier genommen habe. Dabei habe ich mir den Technomantel etwas aufgenüpft mit der Intention zeitlose Elektronik schrieben, fern ab von irgendwelchen Trends oder Hypes. Ich habe hier versucht noch mehr die Schönheit der Melodien in den Vordergrund zu rücken und viel Wert auf organische Soundlandschaft gelegt, um den Hörer mit auf einen akustischen Spaziergang durch die wunderhafte Welt des Dioramas zu nehmen.

Diese Verbindung zwischen elektronischer Musik und Natur ist wirklich einzigartig. Was würdest du jungen Produzenten raten, um ihren individuellen Stil und Richtung zu finden?

Ich selber habe musikalisch einfach immer das getan worauf ich gerade Lust hatte. Da ich Biologie studiert habe und Natur meine große Passion ist, war es einfach das naheliegenste diese Leidenschaft mit der musikalischen zu verknüpfen und kein ausgeklügeltes Konzept. Ich stelle immer wieder fest, dass nur die Menschen und Musiker eine wirkliche Aufmerksamkeit bekommen, die authentisch sind und die Musik der Musik wegen machen, weil sie einfach das machen müssen und nicht aus kapitalistischen oder profilneurotischen Beweggründen. Jeder junge Produzent sollte einfach die Musik machen, die ihm seine inner Stimme zuflüsstert, egal ob Rave, Schlager oder Dub-Step. Erst wenn man nicht versucht andere Größen oder Hypes zu imitieren, wird man automatisch einen eigenen Stil entwickeln und sich von dem Einheitsbrei abheben

Du hast letztes Jahr beim Jetztmusikfestival in deiner Show „Vom Big Bang zu Bambi“ gezeigt, dass dir auch ruhigere, sphärische Ambientsounds liegen. Können wir in Zukunft auch mehr aus dieser Richtung von Dir erwarten?

Ambient und elektronische Musik mit gemäßigtem Tempo sind schon lange Musikrichtungen, die mich sehr interessieren und die ich auch gerne während der Woche höre. Dies ist auch die Musik, mit der ich Anfang der 90er bewusst angefangen habe zu produzieren. Schon seit 3 Jahren arbeite ich jetzt parallel zum Technowahnsinn an einem Ambient-Album, welches ich aber völligst losgelöst von irgenwelche Deadlines je nach Muße produziere. Wann es also erscheinen wird bleibt weiter spannend.

Was machst du eigentlich in deiner Freizeit, wenn du mal nicht in der Natur unterwegs bist?

Das ist in der Tat eine sehr schwierige Frage, da ich meine Freizeit tatsächlich am liebsten damit verbringe zu wandern, Vögel zu beobachten oder sonst irgendwie im Grünen zu sein. Ansonsten lese ich gerne, philosophiere gerne nächtelang mit Freunden oder gehe in die Sauna. Ich habe es auch mal mit Golf probiert, aber diese biedere Klientel hat mir schnell die nicht abzustreitende Freude an diesem Sport genommen.

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