Smalltalk mit Ursula Rucker

„Right next to the sun, I met a collector of rain once”: Diese Lines von Sonia Sanchez und Ursula Rucker auf „Humbled”, dem Opener von „Ma’at Mama”, hallen – einmal gehört – Tage und Wochen im inneren Gehör nach, als akustische Halluzination, immer wieder.

Ursula Rucker

Obwohl Ursula Rucker hier eine ihrer Ikonen des Black Arts Movement getroffen hat, und sich auf ihrem neuen Album explizit auf HipHop bezieht, verlässt sie mit „Ma’at Mama“, dem letzten Teil ihrer 2001 mit „Supa Sista“ eröffneten Trilogie auf !K7, das Ghetto der elektronischen Musik. Wie die ausgebildete, berufstätige Journalistin und Mutter von vier Kindern das realisiert hat, erzählte sie uns an einem prächtigen Wintermontag in der ganzen Eindringlichkeit und mit dem ganzen Charme ihrer einzigartigen Stimme, obwohl die Kinder lieber gleich einen Schneemann gebaut hätten.

Partysan: „Ma’at Mama”, Dein neues Album, ist gerade erschienen: Wie zufrieden bist Du damit momentan?

Ich bin sehr zufrieden damit, ich bin sogar überraschend zufrieden damit, weil ich, als es produziert wurde, in meinem Privatleben einigen Konflikten ausgesetzt war, deswegen hatte ich eine sehr spontane, impulsive Herangehensweise an das Album und die Art, wie ich die Gedanken und Worte geschrieben habe… Ich wusste nicht genau, wohin das letztlich führen würde. (lacht)

Also, ich bin wirklich glücklich damit; es fühlt sich immer noch sehr angenehm an, wenn ich es anhöre, es reflektiert, wo ich zu der Zeit war. Ich glaube, es kann sich ausdehnen, über die Jahre, es funktioniert nicht nur aktuell: Es zeigt eine Größe, die ich gar nicht beabsichtigt habe, und die mich glücklich machen wird.

Wie lang hast Du daran gearbeitet?

Gerade mal zwei Monate, vielleicht ein bisschen mehr als zwei Monate. Ich musste mich ziemlich beeilen, um alles in der kurzen Zeit hinzubekommen, weil ich bis zur allerletzten Minute gewartet hab, bis die Deadline genau über meinem Kopf hing.

Aber Du hast schon Songs und Lyrics dafür über einen längeren Zeitraum hin gesammelt, nehme ich an, oder?

Eigentlich gab es nur ein paar Poems…Sorry, bleib dran, bitte (wendet sich ab und ruft in den Raum: „Cypress!“, gefolgt von einer kurzen Unterhaltung) Sorry, das ist mein Dreijähriger. (lacht) Okay, es gab ein paar Poems, wie „Black Erotica“, „Poon Tang Clan“, „L.O.V.E.“, aber ungefähr 70 Prozent dessen, was geschrieben wurde, hab ich im Studio geschrieben, kurz bevor es aufgenommen wurde.

Ursula Rucker

„Ma’at Mama” scheint sich auf mehreren Ebenen auf Dein erstes Album „Supa Sista“ zu beziehen: Der Titel impliziert einen Reifeprozess, das Artwork des Booklets zeigt Dich mit Deinen Kindern ganz ähnlich wie vor fünf Jahren. Eine sehr bewusste Referenz an Dein Debütalbum?

Absolut. Weißt du für mich, ist die Drei…bedeutsam, nicht nur aus professionellen Gründen, im Sinn einer Künstlerdiskografie, sondern auch, weil mir die Zahl Drei spirituell etwas bedeutet, weil ich in einer katholischen Familie aufgewachsen und immer noch katholisch bin und die Vorstellung der Dreieinigkeit die Vollständigkeit von etwas darstellt, also für mich ist das schon die Vollendung einer meiner Lebenszyklen – ich meine, es gibt viele Zyklen innerhalb einer Lebenszeit, und für mich schließt das einen ab.

Du bist bekannt für Deine Vorliebe für verschiedenartige Kollaborationen: Du hast bereits mit Producern wie Josh Wink, King Britt oder 4 Hero gearbeitet, um nur wenige zu nennen. Auf Deinem neuen Album dagegen scheinst Du selbst mehr im Mittelpunkt zu stehen: weniger Guest-Appearances als zuvor, und die meisten Songs sind von Anthony Tidd produziert. Auch eine sehr bewusste Entscheidung, die Du mit „Ma’at Mama“ getroffen hast?

Ja, das war vorsätzlich, dass ich eine Weiche stelle, dass ich einen individuellen Schritt die Leiter hoch mache – für mich wenigstens, vielleicht sieht es für andere nicht so aus, als ob ich einen neuen Level erreiche, aber für mich persönlich hab ich auf jeden Fall einen neuen Level betreten, weil ich Sachen gemacht hab, die ich noch nie gemacht hatte: Zunächst war es für mich sehr schwer, mit hauptsächlich einem Producer zu arbeiten, weil ich es nicht gewöhnt war und wirklich…dazu gedrängt, regelrecht genötigt werden musste.

Danach war es allerdings eine der besten Erfahrungen, die ich je gemacht habe. Außerdem wollte ich in voller Absicht über die elektronische Musik hinausgehen und einen organischeren Approach zu den Dingen finden, einfach auszuprobieren, was passiert und wohin sich das entwickelt. Ich wollte auch mein Bestes geben die Grenzen der Kategorien zu beseitigen, in die ich eingeordnet werde, weil es schwierig ist, zu beschreiben und zu bezeichnen, was ich mache. Weil es nicht Mainstream ist, ich mein, es ist einfach nicht…

Es ist zwar nicht so, dass ich irgendwas Neues mache, aber es ist nicht völlig akzeptiert von allen. Die Leute weisen mir die verschiedensten Positionen zu, und ich dachte, ich verliere mich irgendwie in der elektronischen Musik und wollte – nun ja – irgendwie aussteigen und was anderes machen…nicht weil ich das nicht mehr mag, sondern weil ich einfach einen Schritt darüber hinausgehen wollte.

Hast Du je daran gedacht oder Versuche unternommen, Dich technisch selbst zu produzieren?

Nein, hab ich nicht. Und weißt du, anfangs hab ich wesentlich mehr daran gedacht, aber jetzt, da ich mehr Kinder hab, denke ich nicht mehr so viel darüber nach. (lacht) Weißt du was? Schon das Schreiben ist schwer genug für mich, allein zu schreiben und die ganzen Emotionen zu empfangen, diese Kunst zu machen. Ich denke, ich überlasse das Musikmachen den Profis, Leuten, die wirklich wissen, was sie tun, und versuche, nicht zu viele Dinge gleichzeitig zu machen.

Du konzentrierst Dich auf Deine Stärken…

Ja, ich meine, es ist nicht so, dass ich nicht – an irgendeinem Punkt – vielleicht gerne ein paar Maschinen im Haus hätte, aber momentan ist das nicht zu realisieren: Ich hab kleine Kinder und müsste diese Tür immer verschlossen halten, sonst wäre das ganze Equipment schnell kaputt, also, ich warte wohl besser noch eine Weile damit, es wäre eine Schande, viel Geld zu investieren, um es zerstören zu lassen. (lacht)

Da sie so essentiell für Deine Arbeit sind: Wann, wie, in welcher Situation findest Du die Zeit, diese Poems zu schreiben?

Ja, das ist…hart, gar nicht einfach. Meistens – wenn ich was zu berichten hab, wenn ich an einem Projekt arbeite – da erledige ich das meist, ich schreib nicht mehr soviel privat, wie das schon der Fall gewesen ist. Ich denke die ganze Zeit, und ich merke die Gedanken eher vor als sie aufzuschreiben. So lange mich also mein Gedächtnis nicht im Stich lässt, kann ich zurückgehen und einige der Ideen und Gedanken wiederaufnehmen, die ich hatte, wenn die Zeit gekommen ist, sie aufzuschreiben, aber…ich brauche wirklich Raum, ich brauche Zeit, selbst wenn ich lediglich einen Satz oder eine Phrase schreibe: Ich glaube nicht an erzwungenes Schreiben, und das bedeutet: Ich schreibe nicht um des Schreibens selbst willen! Ich setze mich nicht montags hin, schlage mein Buch auf und sag: Okay, mal sehen, ob was dabei rauskommt. Das mach ich nie! Es ist wie…es sagt mir, wenn es Zeit ist zu schreiben. Genau so hab ich das alles geschrieben: Wenn etwas dazu bestimmt ist, raus zukommen, dann wird’s auch rauskommen.

Wie verstehst Du die Beziehung von Schrift und Sprache?

Also, für mich stellt sich das mittlerweile – weißt du, das ist so konträr zu dem, was ich mache, aber…das Gesprochene ist so etwas wie eine außergewöhnliche Bonifikation für mich, weil für mich alles mit dem Geschriebenen beginnt. Ich hab damit angefangen, als ich alles in meine Tagebücher eingetragen und für mich selbst behalten hab, und ich bin sicher, dass ich eines Tages dazu zurückkehren werde, an einem Punkt meines Lebens, wenn sich ein anderer Kreislauf schließt, werde ich dahin zurückgehen, denn ich spüre, dass ich das nicht ewig durchhalte, alles öffentlich zu teilen: Das kostet einen Einiges! (lacht)

Aber gleichzeitig spüre ich, dass ich ein Teil einer tiefen Tradition und Geschichte bin, einer gesprochen überlieferten Kultur, etwas, das sehr afrikanisch ist, für mich zumindest ist diese afrikanische Tradition sehr wichtig, als Teil meiner Geschichte und dessen, was ich bin. Und eigentlich die Geschichte vieler Menschen, wenn man an Shakespeare oder die Epoche der höfischen Dichtung denkt. Das ist etwas, das seit Jahrhunderten läuft, in denen das gesprochene Wort etwas war, das nicht nur Geschichte überliefert, sondern auch die Menschen unterhalten und aufgeklärt hat, zu allen Zeiten, also denke ich, dass es eine natürliche Entwicklung ist, das Geschriebene in Sprache umzusetzen.

Überraschend, dass Du das so rum formulierst, und nicht andersherum…

Vielleicht, weil ich einer HipHop-Generation angehöre – wenn man so darüber nachdenkt: Das war’s doch, oder? Diese Leute, die ihre Reime aufschreiben – ich meine, es gibt auch das ganze Freestyle-Ding, aber anfangs haben sie Reime aufgeschrieben und dann…sind sie mit dem Mikrophon an die Straßenecke oder sonst wohin gegangen, und haben die Welt es hören lassen. Ich meine, das ist auch ein Teil davon.

Ich hab erfahren, dass Prince zu Deinen Lieblingskünstlern gehört. Hast Du…

Oh. (Wahltöne, dann Stille. Nach einigen Sekunden:) Hallo? Bleib dran, tut mir leid. Diese kleine Unterhaltung stellt sich zunehmend als schwierig heraus, (lacht) weil meine Kids entschieden haben, verrückt zu spielen, seit du angerufen hast.

Stört mich nicht: Ich hab erfahren, dass Prince zu Deinen Lieblingskünstlern gehört. Hast Du ihn je getroffen?

Ja, hab ich. Ich hab ihn mal getroffen, als ich…lass mich überlegen, das muss etwa vor acht Jahren in Philly gewesen sein, er war für eine Show hier und ein Freund von den Roots ist mit mir hingegangen und hat mich in die Backstage-Area mitgenommen und mich vorgestellt. Meine Freundinnen, die mit mir aufgewachsen sind und wissen, wie sehr ich Prince verehre, konnten nicht verstehen, warum ich deshalb nicht etwas aufgeregter klingen würde.

Und ich so: Ich bin aufgeregt! Weißt du, es ist völlig verblüffend, dass einer meiner Lebensträume erfüllt worden ist: Ich, die ihn treffen wollte, seit ich 12 Jahre alt war, Jahre der Gedanken. Was würde ich sagen? Was würde ich tun? Wie wäre es? Und ich hatte tatsächlich die Gelegenheit, diesen Traum wirklich wahr werden zu lassen, und ich diesen Moment werde ich nie vergessen, ich werde für alle Zeiten wissen, was ich getragen hab und alles.

Und wie war’s so?

Es war speziell, und es war kurz, ich hab sogar, ich hab ihm die Hand gegeben! Er stand nicht nur direkt vor mir, ich hab ihm sogar die Hand gegeben. Ich hab „Hallo!“ gesagt, er sagte „Wie geht’s?”, und ich sagte: „Danke gut, und selbst?“ Das war’s, und ich war glücklich damit, ich wollte mich eigentlich überhaupt nicht mit ihm unterhalten und ihn mit meinen Erinnerungen vollsülzen, an ihn und wie sehr ich ihn liebe. Es war einfach perfekt so: Das ist alles, was ich brauche, und ich werde mich immer daran erinnern.

„Ma’at Mama“ ist bereits auf Studio !K7 erschienen.

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