Gregor Tresher PartyAls ich den Kronkorken einer Flasche leckeren russischen Biers mit dem Griff einer Gabel öffne, blickt eine ukrainische Journalistin in unsere Runde der geladenen Gäste und meint nur: „He is German.“ „Aha“, denke ich bei mir. „Bier öffnen ist in deren Augen deutsch. Und was ist in meinen Augen russisch?“

Vielleicht die fehlenden Markenklamotten?
Oder ist es dieser raue Umgangston, der aber von einem großen Herz ausgeht?
Oder ist es dieses weit geöffnete Fenster zum open mind, um den Muff der 70-jährigen Sowjetherrschaft wegzulüften?

Das meistgehörte Statement zu meinem Trip nach St. Petersburg war: „Ein Rave in Russland? Hab gehört, da soll es abgehen wie hier vor zehn Jahren.“ Quod erat demonstrandum.
Auf Einladung von Contrforce, der Agentur, die auch die „Mayday Russia“ in St. Petersburg organisiert, sitze ich nach nicht einmal drei Stunden Flugzeit in Putins Geburtsstadt vor der finnischen Küste.

Das Fünf-Millionen-Einwohner schwangere „Venedig des Nordens“ ist auf 44 Inseln erbaut. Für Nachtschwärmer birgt dies das Risiko, wegen der hochklappbaren Brücken auf einer der Inseln festzusitzen. Es gibt allerdings Schlimmeres, wenn man dafür eine Feier nicht verlassen kann, wie sie am vorletzten Juliwochenende auf der Kreuzinsel stattfand.

Gänsehaut-Feeling teilte ich mit mehreren Hundertschaften an russischen Jugendlichen im Loveparade-Outfit, als die derzeitige russische DJ-Frau der Stunde, Lady Waks, die Main Stage vor dem imposanten Kirow-Stadion enterte. Die quirlige Breaks-Mixerin erntete Vinyl um Vinyl kollektiven Jubel, aufgeheizt von einer gut gelaunten MC Chickaboo aus London. Als nach ihr Freestylers-DJ Matt Cantor in seinem Set dem üblichen Hollywood-Film-Opener eine Reggae-Breaks-Platte folgen ließ, erwiderte sie den Refrain „Jamaica, Jamaica!“ mit „Russia, Russia!“.

Der völlige Wahnsinn aber ging in der vierten Area ab, der „World of Drum´n´Bass“. Bryan Gee ließ hochkonzentriert die erbarmungslosen Takte seiner Tracks ineinander laufen, während MC Biggie die Menge suchte – und schon nach drei Shouts fand. Englisch können diese westlich orientierten „Rave-Kids“ weitgehend kaum, doch „make some noise“ ist international verständlich. Nebenan in der „Breaks-Arena“ antwortete der Petersburger DJ Quest, einer von Russlands umtriebigsten Breakbeat-DJs, auf die Frage, woher er seine guten Scheiben trotz Mangels an guten Plattenläden herbekommt: „If I like a record of a European DJ, I ask him again and again to give me the record.“ Und oft kriegt er sie auch.
Als dann Berlins BPitchControl-Act Paul Kalkbrenner die Macht der gebrochenen Töne, die die „City of Sound“ zweifellos bestimmte, mit seinem Track „Gebrünn, Gebrünn“ in seinem Live-Set brach, wirkte das Morgengrauen wie ein Spielverderber für mehrere tausend Tänzer.

Russland, deine Kinder steppen till death!

Spassíba und Respekt: Ksenia, Jane, Alex Waks, Nicolai, Igor, Ivan und Sascha.

Kommentar verfassen, Diskossion starten, Meinung melden‽