Ricardo Villalobos. Ich muss nicht länger vier Tage hintereinander auf After-Hours rumspringen.

Ein etwas anderes Interview mit dem Ausnahmetalent Ricardo Villalobos. Geboren ist Ricardo in Chile am 06.August 1970 – exakt 25 Jahre nach dem Atombomben-Unglück in Hiroshima; exakt zur gleichen Zeit.
Er kam um 1 Uhr Ortszeit Chile zur Welt, was genau 8 Uhr in der Früh in Hiroshima bedeutet…

Ricardo, erzähl uns ein wenig über deine Familie!

Ein Teil von mir ist deutsch; und zwar meine Mutter. Sie ist halb deutsch, genauer tschechisch-deutsch, ein Viertel italienisch und ein Viertel chilenisch. Mein Vater ist komplett chilenisch. Demnach bin ich also halb chilenisch, Viertel italienisch und Viertel deutsch…

Meine Mutter hat damals an einer Uni in Chile Journalismus gelehrt und mein Vater war an der gleichen Uni Professor für Physik und Mathe. 1973 gab es einen Militärputsch, als Pinochet die demokratische Regierung stürzte. Meine Eltern mussten mit mir schnellstmöglich fliehen, da bereits Freunde meines Vaters gequält und hingerichtet wurden. In Deutschland hatten wir Familie, somit konnten wir das Land auf dem schnellsten Wege verlassen und ein neues Leben anfangen. Ich bin irgendwie dankbar dafür, denn wäre ich in Chile aufgewachsen, hätte ich eine stink normale akademische Laufbahn eingeschlagen und wäre sogar am Ende noch Ingenieur geworden.

In Südamerika gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder du studierst etwas Sinnvolles oder du musst hart arbeiten. Dazwischen gibt es nichts. In Europa sind die Möglichkeiten viel größer! Du hast immer Alternativwege im Leben um z.B. mit Kunst, Musik oder was immer dir in den Sinn kommt deinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Hast du je mit Kunst Kontakt gehabt, außer Musik?

Nein, aber es gibt da eine Website eines Künstlers – ich glaube er ist aus Ecuador- der denselben Namen hat wie ich. Er ist darüber hinaus ein guter Koch und gibt auf seiner Website Lebensratschläge und sensationelle Rezepte zum nachkochen. Seine Seite ist www.ricardovillalobos.com und so denken viele Leute, dass ich das wäre. Es kommen sogar manchmal welche zu mir und danken für die außergewöhnlichen Rezepte. Ich lass sie dann gerne in dem Glauben, dass es meine Rezepte und Ratschläge sind, denn dieser Künstler scheint ein echt netter Kerl zu sein und das ist doch auch gute Promo für mich… Mein chilenischer Opa ist übrigens sehr musikalisch.

Viele aus meiner Familie sind bekannt als chilenische Musiker. Da gibt es z.B. “Yu Lista Parra”, was von unserer Parra-Familie stammt. Mein dad ist Parra Villalobos! Mein Onkel ist auch zweifellos ein Musikgenie! Er lebt seit über 30 Jahren in seiner eigenen Welt und jeder denkt, er ist verrückt, weil er immer und überall Gitarre spielt. Er wollte nie allmorgendlich aufstehen nur um zur Arbeit zu gehen, für alles verantwortlich im Leben sein und schon gar nicht für eine Frau oder sogar Kinder Verantwortung tragen… Vielleicht mach ich das auch irgendwann so (lacht). Den Verrückten oder Dummen spielen- es ist doch freie Entscheidung! Ich bin umgeben von Mathe und Musik -was beides sehr verwandt ist, denn Musik ist wie die Mathematik der Gefühle- groß geworden.

Wie waren deine ersten Kontakte mit der Musik?

Als ich klein war, gab mir jemand eine Gitarre, was ich sehr langweilig fand. Wisst ihr, ich bin jemand der etwas sehr fix lernen und beherrschen will oder ich habe eben keine Lust mehr. Ich bin ein Naturtalent in vielen Dingen, doch sobald ich irgendwo mehr trainieren muss, verliere ich die Lust. Kommt etwas automatisch, Perfekt! Doch sobald nicht, schau ich mich wieder nach etwas anderem um…. So war es mit der Gitarre, was ich echt etwas bedauere…

Das größte Manko in meinem Leben ist, dass ich weder Klavier noch Gitarre gelernt habe. Als ich 10 war, habe ich angefangen Percussions zu lernen. Conga und Bongos! Musik habe ich schon immer geliebt, doch habe ich nie daran geglaubt, dass ich einmal ein Musiker werden könnte. Ich habe zu dieser Zeit damals gerne Südafrikanische Musik gehört, was eine Mixtur aus Rhythmus und Melodie für mich ist.

Die Melodien sind immer entweder melancholisch oder im ganzen Gegenteil positiv und beeinflussen immer deine Laune. Genau diese Stimmungswandel sind auch in meiner Musik wieder zu finden und ich unterstreiche dies mit Melodien. Elektronische Musik ist sehr ähnlich zu afrikanischer Musik, denn du hast auf der einen Seite Samba, zu dem die Leute stundenlang tanzen können und auf der anderen Seite die elektronische Musik, wo Leute mit der gleichen Euphorie und Ausgelassenheit tanzen und ihre Umwelt komplett ausblenden können.

All mein Wissen über Percussions habe ich natürlich in meine Musik einfließen lassen. Ich habe schon als Kind beobachtet, was die Leute zum tanzen bringt und es hat mich fasziniert. Als Musiker suchst du nach genau dieser Antwort dein ganzes Leben lang… Ich bin immer stets auf der Suche nach dem Geheimnis des dancefloors. Warum tanzen die Menschen? In unserer Generation wird es immer schwerer die richtigen Platten zu finden um die Crowd zum tanzen zu bringen. Heute gibt es immer bessere Musikprogramme und neue Sounds….

Deine ersten Projekte?

Während meiner Schulzeit in der Nähe von Frankfurt hatte ich eine kleine Schulband. Aufgewachsen bin ich in einem Vorort, was gut war. Als Kind denkt man darüber natürlich anders.

Jetzt bin ich selber Vater, was mein Leben enorm ändert, denn ich muss einen Gang zurückschalten bei dem ganzen Stress der letzten Zeit. Jedenfalls war ich in den ersten Jahren meiner Schulzeit nicht gerade brillant und hatte nur Musik und Sport im Kopf. Unsere Schulband war Santana sehr ähnlich –eben Latin Rock, wo ich natürlich wieder einmal Percussions gespielt habe.

Mein Interesse an Elektronischer Musik kam mit Depeche Mode. Für mich waren sie wie die Beatles der 80er, nur mit elektronischen Instrumenten. Es war eine der Bands, die verantwortlich war für den Erfolg elektronischer Musik. ’81 und ’82 hatten sie viel “four-to-the-floor stuff”, elfminütige unendlich lange gemixte Tracks. Auch Daniel Miller hat in den frühen 80ern Techno geprägt und sich mit Depeche Mode zusammengetan.

Ich habe seit meinem 15.Lebensjahr elektronische Musik gemacht. Als DJ habe ich damals schon auf einigen legalen und illegalen Partys aufgelegt und es war echt eine gute Zeit! Ich habe alle wichtigen Leute für meine musikalische Laufbahn auf den damaligen Events getroffen. Ich hatte sie damals für einige Partys auch als DJs dazugebucht und somit kam man in näheren Kontakt. Es war grandios!

Am Anfang ist es noch wie ein Hobby. Djing bringt dir irgendwas zwischen 100 und 500 hundert Euro. Du kannst nicht davon leben. Seit 1998 entwickelte sich dann für mich eine Karriere. Ich musste irgendwo von leben… Es hat mich zehn Jahre gekostet von Musik letztendlich leben zu können. Von dem, was das Zentrum meines Lebens ist und wofür ich lebe! Wenn Dinge sich langsam entwickeln und du bleibt, wie du schon immer warst, fällst du nicht so schnell wieder rapide ab. Jeder gute Artist lebt nach diesem Gesetz, denn es ist ein viel besserer Weg!

LABELS & PRODUCTION

1994 habe ich meine erste Platte für Playhouse gemacht. Zwei Jahre vorher hatte ich bereits schon eine erste VÖ, ich glaube für ein Label namens Overdrive. Also hatten wir zwei Labels, wobei wir eines davon wieder verlassen mussten, denn das Vinyl-Geschäft ist etwas kompliziert.

Im Vinyl-Business verliert meist immer eine Partei, denn in dem Geschäft gibt es nicht sonderlich viel Geld. Entweder verliert der Artist, das Label oder die Person, die das Record-Design übernimmt, wenn kein Geld mehr vorhanden ist. Das ist die schlechte Seite an dem Business, aber es muss immer weitergehen.

Vinyl ist sehr speziell; es ist etwas was du anfassen kannst und die Musik ist darin enthalten. Du kannst die Platte scratchen und die Musik bleibt drauf. Eine CD wäre hinüber! Auf einer Vinyl sind viel mehr Informationen. Eine CD ist eher eine Fotografie der Realität und hört sich nicht sonderlich echt an. Ich arbeite immer nach dem gleichen Prinzip der Vinyl: Ich kreiere Musik, die sich sehr gut anhört, welche dich gerade deswegen beeindruckt, weil sie qualitativ gut aufgenommen wurde. Es ist immer meine Vision eines Club der Zukunft; es ist lange Musik, die du sehr soft mixen und verbinden kannst vor Ort.

Die Musik ist wie gemacht dafür! Lange Bass Drums leads und mixbare Elemente mit einer konstanten Melodie… Das ist meine Idee und Art, Musik zu transportieren!

DJING

Natürlich liebe ich es aufzulegen und es ist nicht länger nur ein Job für mich. Du lernst ständig dazu. Ich mag es zu spielen und damit Leute auf dem dancefloor zum Ausrasten zu bringen. Aber was ich ganz und gar nicht mag, ist wenn die Leute zuviel Hype um einen machen und dich die Leute nur noch lieben, weil du Ricardo bist.

Solche Leute haben oft noch nicht einmal eine Platte von mir gehört oder kennen mich gar nicht wirklich. Sie lieben nur das Phänomen Ricardo! Aber abgesehen von diesem Hype-Ding liebe ich meinen sogenannten “Job”. Ich mache keine große Show an den Plattentellern oder schreie und springe herum. Das ist nicht mein Style. Du musst wirklich sehr konzentriert sein und du musst die Stimmung der Leute einfangen können um ihnen den richtigen Sound zu geben. Relaxed sein ist da besser, denn dann kannst du abstrakter und experimenteller auflegen…

Zukunft

Natürlich werde ich bei der Musik bleiben, auch nach der Geburt unseres Kindes. Klar hat und wird sich noch sehr vie ändern in meinem Leben, aber das ist gut für mich. Genau das brauche ich mal. Ich muss nicht länger vier Tage hintereinander auf After-Hours rumspringen (lacht).

Es muss einen Grund für mich geben nach Hause zu kommen. Ein etwas normaleres, Strukturierteres Leben führen…. Natürlich werde ich auch weiterhin auf einige abgefahrene Partys gehen und auch selbst so verrückt bleiben, aber ich brauchte etwas, dass mich zurück zur Realität bringt und zurück zum normalen Leben.

Ein Kind zu haben ist das wunderbarste in der ganzen Welt.

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