Raz Ohara and the odd Orchestra aus Berlin sind ein frischer Act auf Get Physical! – dem Label von Booka Shade und DJ T.
Wer aber jetzt Sounds à la M.A.N.D.Y. erwartet, ist im Falle von Raz Ohara schief gewickelt.

Das Produzentenduo entführt seine Zuhörer eher in melancholische Klangsphären mit einschmiegsamem Gesang. Eigentlich genau das richtige Programm für kuschelige Abende mit dem oder der Liebsten. Das Album sticht angenehm aus dem Oevre des Labels heraus und erinnert im Gesamtanstrich eher an das Debüt von Booka Shade auf Get Phsyical!, das sich ebenfalls eher im Genre der Filmmusik verorten lässt.

Raz Ohara and the odd Orchestra sind gänzlich untypisch für das elektronische Label.

Gesang und Gitarre, verfeinert und geschliffen vom odd Orchestra. Um mal einen – meist ja hinkenden – Vergleich anzustellen: Jack Johnson mit Geschmack, Melanchole und ohne Surfboard.

Wir erwischen Raz Ohara und seinen Partner Oliver Doerell (also sein merkwürdiges Orchester) auf dem Weg durch ihre Heimatstadt Berlin am Mobile Phone.  Raz ist auf dem Weg zum Zahnarzt – und angesichts dieses eher unangenehmen Termins doch angenehm entspannt. Aber schon nach wenigen Worten zeigt sich der Künstler in ihm. Seinen echten Namen will er nicht verraten und ganz divenhaft verweigert er jede Auskunft über sein tatsächliches Alter. Das macht aber nichts.

Wieso sollte ein Künstler nicht so zeitlos schön wie seine Musik sein? Also stellen wir uns vor, dass Raz (ein Name, den ihm mal seine Freunde gegeben haben) nur im Takt seiner eigenen Rhythmen altert. Körperlicher Verfall im Downtempo. Beruhigend, dass auch Peter Pan offensichtlich zum Zahnarzt muss.

Aber wie machen Raz Ohara eigentlich Musik?
Ihrer Aussage nach erst mal genau so wie die klassischen Liedermacher. „Ich schreibe die Songs und komponiere die Melodien an der Gitarre. Erst danach gebe ich sie Oliver, der sie entweder verfeinert – oder auch mal das ganze Konzept über den Haufen wirft, den Klangkosmos erweitert“, berichtet Raz. Oliver malt den Raum, der ihm von Raz vorgeben wird, mit Atmosphäre aus. „Mit Hoffnung, Trauer, Sehnsucht. Den großen Gefühlen in jedem Menschen.“ Hierbei bedient er sich eher Moll statt Dur. „Die Kultur der gepflegten Melancholie“, nennt es Raz Ohara. Dabei will das Duo die Musik aber nicht als Easy Listening oder musikalisches Möbelstück verstanden wissen.
„Unsere Musik ist eher wie ein tonaler Diaprojektor, der Landschaften, Menschen und Lichtverhältnisse an die Wand wirft. Reell und abstrahiert.“

Die Intention seiner Texte ist dabei genauso urmenschlich wie der Klangkosmos des odd Orchestra.
„Wir haben mit dem Album ein Statement in den Raum gesetzt, das die Menschen dazu anregen soll, sich selbst und den Mitmenschen wieder näher zu kommen. Das ist ein präsentes Thema im Leben von uns allen“, erklärt Raz, der sich in diesem Zusammenhang weder für besonders ungeschickt, noch als besonders talentiert beschreibt. Vielleicht ist das der Schlüssel zum Charme seiner Texte, die fast jeden Menschen berühren können, der sich auf sie einlässt.

Dass beide Musiker ausgerechnet im Mekka der zwischenmenschlichen Kälte, also in Berlin, wohnen, hat einen besonderen Einfluss auf die Musik. „Ich bin Däne, in Dänemark und in der Schweiz aufgewachsen“, verrät Raz.. In beiden Ländern sei der Umgang miteinander anders, direkter, unkomplizierter und herzlicher. Seit 13 Jahren lebt er in Berlin. „Am Anfang war das hart für mich, viele Kulturen klatschen hier aufeinander. Die Berliner Schnauze muss man erst mal verstehen. Aber wenn man dieses raue Spiel durchschaut hat, offenbart sich darunter eine wahrhaftige Herzlichkeit.“

Wer den Berliner an sich nicht so ernst nimmt, der entdecke hinter der Fassade ein fast unerschöpfliches Meer der Toleranz. „Außerdem hat der Zuzug von Kulturinteressierten aus dem ganzen Bundesgebiet in den vergangenen Jahren den Umgang miteinander etwas abgemildert. Ich finde das ganz angenehm.“

Mit Raz Ohara und dem odd Orchestra über die eigene Musik zu reden, funktioniert ja offensichtlich wunderbar.
Mit ihm über die Musik Anderer zu reden, schon weniger. Vor allem, wenn es um die Labelkollegen von Get Physical! geht. Den Vergleich mit Booka Shade kann Oliver weder bestätigen noch ablehnen. „Ich kenne gar keine anderen Acts von Get Physical!“, sagt Oliver – und nimmt das ernst gemeinte Kompliment dankend, aber ungefiltert entgegen. „Wir sind übertausend Umwege zu Get Physical! gekommen. Nachdem wir die Leute da kennen gelernt haben, fühlen wir uns dort aber sehr gut aufgehoben“, sagt Oliver. Get Physical! habe die Veröffentlichungen von Raz Ohara gehört, selbst eine seiner Maxis heraus gebracht und sich sowieso musikalisch für andere Stile öffnen wollen. Mit Raz Ohara ist das definitiv gelungen und die Labelbetreiber bewiesen mit dieser Entscheidung gewohnte Stilsicherheit – mittlerweile über die Grenzen des gewohnten Produktkatalogs hinaus.

Drei Jahre haben die zwei Musiker an dem Album gebastelt, seit sie ihr ehemaliges Label Kitty Yo verlassen haben. „Wir brauchen sehr lange, um für unsere Songs den jeweils richtigen Sound zu finden.“ Die Arbeit hat sich gelohnt und soll zumindest zur Release-Party in Berlin auch live dargeboten werden. Mit Gitarre, Drums, Piano und Samples. „Eine Tour ist geplant, aber noch nicht wirklich gebucht“, sagt Raz und freut sich deshalb jetzt erst mal auf das Release-Date am 27. Januar im Kino Babylon in Berlin-Mitte.

INTERVIEW
RAZ OHARA AND THE ODD ORCHESTRA
KULTUR IN MOLL STATT DUR
Von Arne Löffel

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