Meine Stadt: Jan Votteler Jay Vee

Liebstes Stuttgart, dies hier soll ein öffentlicher Brief an Dich werden, also erwarte bitte nicht die üblichen Anzüglichkeiten und Ferkeleien von mir. Abgedruckt wird der Brief im Partysan, dem Techno-Mag, das ich schon gelesen habe, als Manfred Rommel noch Dein Chef war. Da gucksch, gell. Um gleich zur Sache zu kommen: Meine Liebe zu Dir ist nach wie vor da, aber die Schmetterlinge im Bauch sind weniger geworden. Was sollen diese neckischen Flirts mit Berlin?

Du willst immer noch unbedingt so cool sein wie die Spreemetropole, und versaust es Dir dann mit den heimischen Bewohnern immer mit Deinem übermäßigen Hang zu Bürokratie und Paragraphen-Drescherei. Sei doch froh: Während Berlin mittlerweile nicht mal mehr „arm, aber sexy“, sondern nur noch „arm und unsexy“ ist, bist und bleibst Du unver-ändert schön. Dass Du hübsch bist, weißt Du. Lass Dir da nix Anderes einreden, auch wenn Dir graue Herren sündhaft teure und mäßig seriöse Faceliftings aufschwatzen wollen, weil sie Dir weismachen wollen, Du wärst an einigen Stellen etwas „unmodern“ – Stichwort Bahnhof. Wieso lässt Du denn diesen Zinnober so teilnahmslos über Dich ergehen?

Oder hast Du etwa doch noch ein Ass im ärmel, um S21 zu verhindern? Liegt unter dem Gleisbett des Bahnhofes etwa das verschollene Bernsteinzimmer? Das wär’ doch was. Aber bei allem Gemotze: Wir hatten bislang eine tolle Zeit.  Was haben wir gefeiert, als Du mir Ende des vorigen Jahrtausends Dein Nachtleben gezeigt hast: Andreas Vogel & Co im Hi, die Blowshop-Nächte im Le Fonque, 2-Step mit der Gal Crew im Maria, rummsender Techno bei der Neuen Heimat im Prag, funky Shit im Climax, und das Barbarella als die Bar in der ich mich erstmals öffentlich als DJ hinter den Reglern versuchen durfte. Das ist nun elf Jahre her – und das Feiern haben wir Zwei trotzdem nicht verlernt. Okay, okay: Manchmal kann ich Deinen Geschmack nicht mehr so ganz nachvollziehen. Was Du an sowohl an Minimal als auch an diesem ganzen 08/15-Gedudel findest erschließt sich wohl nur Dir. Außerdem beschleicht mich mittlerweile das Gefühl, dass es hier nur noch gefühlte fünf DJs gibt, die überall und gleichzeitig auflegen – und Du findest das natürlich total supi. Na gut, ich finde dafür Sachen toll, die Du doof findest. Off-Locations zum Beispiel, ätsch.

Wir sind nach fast drei Jahrzehnten eben wie ein altes Ehepaar – mit allen guten und weniger guten Eigenschaften, mit kleinen Wehwehchen, aber immer mit viel Zuneigung. Schatz, ich hoffe einfach, dass wir uns auch weiterhin so gut vertragen. Also: Dreh’ doch schon mal die Anlage auf, ja? Oder: Um es mit den Worten eines Freundes, mit dem ich neulich unterwegs war, zu sagen: „Macht hier mal bitte einer die Musik lauter!? Wir sind doch hier net im Café Kipp!

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