Lützenkirchen. Pandora Electronica infiltriert die Menschheit mit Kopf-verdrehenden Frequenzen

Macht die Büchse auf und horcht hinein: “Pandora Electronica” infiltriert die Menschheit mit Kopf-verdrehenden Frequenzen, mit ihrem destruktivem Inhalt Regeln untergrabend. Randgefüllt mit extragarstigem Material, das die Dancefloors mit seinen terrorisierenden Grooves zerstört, bricht der infektiöse Sound, der einst im Kopf eines musikalischen Genies gefangen war, hervor und übernimmt die Kontrolle.

“Musik öffnet die Grenzen des Bewusstseins. Jenseits der Beschränkung des linearen Empfindungsvermögens vermag sie es, uns zu befreien. Nicht länger in Konventionen und Konformität gefangen, können wir das Leben erfahren, wie es ist, denn Musik gibt uns die Möglichkeit, universelle Kommunikation mit unbeschränkter Ausdrucksform zu kombinieren.“ Rick Wade

Den Beschränkungen des Gehirnkastens eines ganz speziellen Kandidatens — Tobias Lützenkirchen aka Lützenkirchen, Deutschlands am wenigsten gehüteter Geheimtip, wenn es um spannende Dancefloorproduktionen geht, die weder durchschaubar noch stiltreu sind — entkommend, verdreht diese grenzenlose, elektronische Supernova die Schwerkraft und infiziert mit ihren verräterischen Grooves und verleumdenden Beats die Gedankengänge.

Wohingegen die mystische Tragödie, die als Angregung für den Titel “Pandora Electronica” herhalten musste, der Menschheit Gier, Eitelkeit, Rufmord, Neid und Sieche brachte, hatte das Mastermind, das hinter diesem Album steckte, etwas anderes im Sinne, als er sein erstes Album — das durch einen Studiomix komplettiert herauskommt — auf uns losließ.

Sich von den Beklemmungen des Schubladendenkens freimachend, operiert Lützenkirchen jenseits von musikalischen Beschränkungen, Style-Labels und klassischen Albumformaten, und stellt sich mit „Pandora Electronica“ sowohl als Produzent als auch als DJ zur Schau. In typisch eigensinniger Weise inkorporiert er von jazzigen Chords bis zu frechen Rave-Samples alles, was ihm gefällt, konstruiert sich somit eine ganz eigene Mischung aus Techno, Progressive, Elektro, Trance und House und allem anderen, was Körper in Bewegung versetzt, und kreiert so seinen ureigenen, unverwechselbaren Sound.

Nur ganz wenige Menschen stehen zu ihren Handlungen und präsentieren sich so stolz und auf solch ehrliche und fähige Art und Weise. Lütze ist so einer. Er ist, wer er ist und was er ist: ein großartiger Musiker und Produzent, der der Schwerkraft entgegenwirkt, indem er der Sache an sich gerecht wird und stilecht auf großem Feierfuß lebt. Nennt ihn ruhig einen verrückten Raver: Mit dem wohl retardiertesten/genialen Hit, den es seit langem gab, ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist, 3 Tage Wach — ein Track, der perfekt die Sinnlosigkeit (in jeglichem Sinne) des Feierns besingt –, hat Lützenkirchen die Gefühle einer Generation, die sich tagelang in Clubs wegfeiert, perfekt zum Ausdruck gebracht.

Mit größter Glaubwürdigkeit präsentiert, verkörpert der Song die Sinn(los)igkeit des Feierns in seiner höchsten Form. Perfekt ausbalanciert: die geistig verkümmerte Idioteske und epische Grandeur des Partymachens. Im Video springt der verballerte Lütze selbst in einem Hasenköstum durch die Gegend. Ein neuer Geniestreich, der die lange Liste genialer hit-formatiger Produktionen vervollständigt. Seltsam, aber wahr. Seine Produktionen klingen niemals durchschaubar, obwohl sie wirklich immer den Erwartungen von Tänzern und Zuhörern gerecht werden.

Wer die Büchse öffnet, sieht, wie sich vor ihm ein wahres Panorama entfaltet: In dem der erste Longplayer und der erste Studiomix ever in einer Release präsentiert werden, gibt es eigentlich keine bessere Methode, sich mit Lützenkirchens Produktionen vertraut zu machen. Das Spektrum der „Pandora Electronica“ umfasst alles, von den ersten Releases als Lützenkirchen im Jahre 2005 bis zu seinen neuesten Hits, die bereits zu den Highlights von 2008 gezählt werden dürfen.

Das Album auf CD 1 besteht nur aus komplett neuen Produktionen und eröffnet dem Hörer somit einen Überblick über Lützes Spektrum, ein soundtechnisches Füllhorn, das eine Einsicht ermöglicht, was Lütze gerade auf seinem Musikrradar hat. Mit zahlreichen Zitaten, die von Oldskoolrave bis arabischer Musik reichen, gesegnet, wird schnell offensichtlich, dass 1001 Nächte für Inspiration gesorgt haben und großartige Produktionen wie „Smack My Pony“ oder „Cairo On Acid“ zur Folge hatte. Ohne jemals zu enttäuschen, geht der Ritt durchs ganze musikalische, dem crazy Verstand des Erschaffers entsprechende Universum und zurück, und natürlich ist auch das eigentlich auf Oliver Koletzkis Stil vor Talent-Label erschienene „3 Tage Wach“-Monster auf dem Album vertreten.

Als ob dies noch nicht genug wäre, um selbst einen toten Körper wieder zum Tanzen zu bringen, komprimiert der Mix auf CD 2 weitere 25 Lützenkirchen-Tracks — älteres Material, das zwischen 2005 und 2008 releast wurde. Vertreten ist alles: von Lützes erstem Studio-Coming-Out bis zu neuem, rohem Party-Material, das bereits erahnen ließ, was seinem eigenen Label Platform B, gelauncht im Jahre 2006, noch alles passieren würde — der Menschheit wird kein einziger der dicken, phatten Clubtracks vorenthalten, die der immer kreativer werdende Brainiac Lütze hervorbringt.

Kürzliche erschienene Smasher wie „Paperboy“ werden eklektisch mit älterem Material wie „Storm Chaser“ kombiniert, während sich der Mix elegant durch die bleepige, aus elektroidtechnotischen Crescendos bestehende Synthieworld windet, in Tracks wie „Monster In My House und „Lazy Dog Bites The Dust“ kulminierend — ernsthaft potentes Dancefloor-Material, das nicht für zarte Seelen geeignet ist.

“Pandora Electronica” ist die Story von Tobias Lützenkirchen, dem Über-Producer, der, nachdem er sich sein ganzes Leben lang Skills angeeignet hat, die sich nun für in jederlei Hinsicht auszahlen, aus seiner Büchse purzelt. Wenn es einen Typen auf diesem Planeten gibt, der gerade so richtig seine Chancen wahrnimmt, dann ist es er.

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