Loco Dice polarisiert. Kaum ein anderer Artist hat es in den vergangenen Monaten so oft in die Playlists der Opinion Leader geschafft wie der Düsseldorfer tunesischer Abstammung.

Als Produzent bestreitet er einen durchweg mit Erfolgen gepflasterten Weg und ragt mit seinen Releases immer das entscheidende Stück aus der Flut der Veröffentlichungen heraus, als DJ ist er mit seinen Residencies im Tribehouse und im DC10, sowie bei weltweiten Gigs, regelmäßig für gepflegte Ausschweifungen verantwortlich.

Zeit für ein intimes, kleines Gespräch über abgefahrene Events, Reiseführer-DVDs und einen ausgedehnten Trip durch die USA…





Hola Dice, wie geht´s Dir?
Ich hab gestern bis spät in die Nacht über 70 Samples geschnitten und bearbeitet, bin etwas müde, ansonsten gehts mir gut, danke! Und Dir?

Auch etwas müde, ansonsten super, danke! Siehst auch eigentlich sehr entspannt aus, braun gebrannt und mit Sommerhemd… Wie war die DC10 / Ibiza-Season 06 für Dich?
Die Season 2006 war für mich persönlich etwas anstrengend, kaum war ich auf der Insel, war ich quasi auch schon wieder weg… Montags bin ich im DC10 und Mittwochs muss ich schon wieder in Hannover im Studio sein, die Pendelei schlaucht auf Dauer schon ein bisschen.

Bist Du also die Spaßbremse, ja?
Nein, Spaß hab ich natürlich en Masse (lacht), nur etwas komprimierter, was die Zeit angeht… Ich bin momentan viel im Studio und versuche, meinen Output einigermaßen konstant zu halten, es werden in diesem Jahr vermutlich noch ein paar Sachen erscheinen, die in der Pipeline liegen. Übrigens nicht nur von mir, auch Luciano hat ein neues Projekt in Angriff genommen, eine Art EP, auf der zwar Tracks, aber auch die Einzelteile der enthaltenen Nummern, also Samples und Cuts, erscheinen werden. Eine Platte für DJs und Produzenten gleichermaßen also… Wird auf Cadenza erscheinen, aber das nur am Rande (grinst).

Wie schauts denn mit Deinen eigenen Releases aus, was ist aktuell draußen und was steckt in der erwähnten Pipeline?
Also, aktuell erschienen sind ein Remix für Dani König´s Hard South Americans auf Four:Twenty, der Remix für 1000 Miles von Martin Landsky auf Poker Flat und natürlich immer noch  obwohl schon etwas länger draussen  Seeing Through Shadows auf M_NUS. Mein neuestes Baby erscheint dieser Tage auf Ovum, eine Double A-Side namens Flight LB7475 / El Gayo Negro.

Einiges an Output, Du warst also seit dem M_NUS-Release nicht untätig. Seeing Through Shadows hat sich ja als weltweiter Konsens-Hit etabliert und ist nach wie vor in den Cases der verschiedensten DJs zu finden…
Ja, obwohl die Nummer nicht mit der Absicht gebaut worden ist, einen Hit zu releasen, sondern, wie alle meine Tracks, aus dem Herzen und meiner derzeitigen Verfassung kam. Zu dem Zeitpunkt, zu dem Seeing Through Shadows entstand, war in meinem Leben nicht unbedingt alles in Ordnung, ganz im Gegenteil, es ist einiges passiert, das mich aus der Bahn geworfen und mir Stoff zum Nachdenken gegeben hat.

Ich war eigentlich zu diesem Zeitpunkt sehr depressiv und das spiegelt sich auch in der Melodie wieder. Umso mehr freut es mich, dass man wohl nachempfinden kann, was in mir damals vorging und die Emotionen spürt. Ich glaube, dass ist der Grund für den Erfolg des Tracks.

Ich hab´ da was läuten hören, dass Martin Buttrich und Du noch an einem weiteren Projekt arbeiten, dass auf Damian Lazarus´ Crosstown Rebels-Sublabel Rebel One erscheinen soll?
Ja, das ist richtig… Die Idee hinter Rebel One ist, dass etablierte Künstler unter Pseudonym in Form einer Textilart  in diesem Fall Latex  Tracks veröffentlichen, die nur in limitierter Auflage erscheinen. Die Tracknamen sind auch innerhalb eines bestimmten Themengebietes auszuwählen, nämlich Tierarten.

Mir fiel dazu allerdings nichts ein und jemand, der den Track bereits gehört hatte, schlug vor, ihn Porcupine, also Stachelschwein zu nennen. Ich weiß zwar nicht, wie er darauf gekommen ist, aber es gefiel mir und so heißt er jetzt auch (grinst).

Vor diesem Interview hast Du mir bereits erzählt, dass Du im November für mindestens 6 Monate in die USA fliegen wirst, genauer nach New York City…
Es ist jetzt nicht so, dass das eine spontane Idee gewesen wäre, dorthin zu ziehen, Du weißt, dass ich jemand bin, der nicht mit dem Kopf im Himmel herum spaziert und mal zwischendurch beschließt, für ein halbes Jahr nach New York zu ziehen. Bock darauf habe ich schon seit 3-4 Jahren, ich kenne dort viele Leute, habe einige Freunde und diese Stadt ist einfach magic… Ich finde, es gibt zwei Orte, an denen man irgendwann mal leben sollte und zwar Ibiza und eben New York.

Allerdings hat sich im Laufe der Zeit heraus kristallisiert, dass es nicht so einfach ist, mal eben in die USA über zu siedeln, auch wenn es für einen begrenzten Zeitraum ist. Vor allem mit meiner Abstammung kannst Du Dir vorstellen, was am Flughafen los ist, wenn ich lande und einchecken möchte… Aus diesem Grund werde ich auch 2007 kaum in Europa auflegen, die Ein- und Ausreise ist einfach eine zu große Hürde.

Das heißt aber nicht, dass ich gar nicht auflegen werde, ganz im Gegenteil, meine Schedule sieht einige Touren durch Kanada, wo ich feste Clubs in Montreal und Toronto habe und Südamerika vor. Auch vor Ort in New York besteht Interesse an einer Residency, das ist aber noch nicht spruchreif… Der Club heißt Cielo und ist eher eine Lounge, in der auch Francois Kevorkian einen festen Tag hat, dort könnte ich den Freitag übernehmen. Bei einer wöchentlichen Residency hätte ich allerdings wieder die üblichen Verpflichtungen, wäre gebunden und es würde ein Stück Gewohnheit in das Abenteuer New York kommen.

Das möchte ich aber nicht, ich will mich dort etwas treiben lassen, die Stadt von Grund auf erleben, sie atmen und mich von ihr aufsaugen lassen. Noch habe ich zwar keine Wohnung, obwohl das Abreisedatum schon fest steht, aber mal schauen… (lacht). Wohnen würde ich beispielsweise gern in Hell´s Kitchen, dieser Stadtteil hat mich schon immer schwer beeindruckt und geprägt, unter anderem wegen Filmen wie In den Strassen der Bronx, oder war es Sleepers? Ja, ich glaube, es war Sleepers, der in Hell´s Kitchen spielt. Ich bin schon sehr gespannt, wohin mich New York treibt. Wer weiß, vielleicht jobbe ich nebenbei als Kellner in einer Bar? Ich mag Veränderungen und Spontanität (lächelt).

Okay, Du hast offensichtlich wirklich vor, diese Stadt von der Pike auf kennen zu lernen. Martin Buttrich hast Du auch direkt eingepackt und ihr werdet dieses Kapitel gemeinsam erleben, richtig?
Ja, das stimmt. Martin hat auch bereits ein Studio aufgetrieben, in dem er mit einem Teil seines Equipments arbeiten wird. Das Ding mit Martin und mir ist einfach eine gelungene Mischung, wir haben eine eigene Sprache entwickelt, die keiner außer uns versteht. Kennst Du die Szene aus diesem Louis de Funès-Film, wo er mit einer Frau Kopf an Kopf sitzt und ein Blitz zwischen den beiden hin und her springt?

So musst Du Dir die Arbeit zwischen Martin und mir vorstellen. Selbst Timo (gemeint ist Timo Maas, Anm. d. Red.), der ihn schon Jahre lang kennt, macht sich nach 5 Minuten im Studio mit uns beiden kopfschüttelnd aus dem Staub, weil wir so in unseren speziellen Film vertieft sind (lacht).

Nutzt Du also die Auszeit in den USA auch für die Arbeit an einem Loco Dice Album?
Ich weiß noch nicht, vielleicht schon… Allerdings muss ich erst abwarten, wie der Vibe von NYC auf mich wirkt, vielleicht hab ich auch spontan Bock, etwas Downbeat oder sogar HipHop zu produzieren, mal sehen (zwinkert).

Ja, elektronische Tanzmusik ist in den Staaten ja auch nicht unbedingt so präsent wie hier, da dürften andere Einflüsse stärker auf Dich wirken… Obwohl, bei diesem Video auf youtube.com mit Luciano, Richie Hawtin und Dir auf der Winter Music Conference hatte ich nicht den Eindruck, dass Techno dort stiefmütterlich behandelt wird…
Oh Mann, zu diesem Tag und dem Video muss ich Dir was erzählen. Ich hatte im Rahmen der WMC einen Gig in der Crobar und eilte danach direkt rüber zum Glass in Downtown, um auf der Ovum-Night zu spielen, die sich danach noch etwas hinzog, aber das ist eine andere Geschichte. Danach sollte ich im Pawn Shop spielen, eine Location mit Open Air-Terrasse, hatte aber zwischendurch etwas Leerlauf.

Richie wollte allerdings unbedingt schon dort hin und ich erklärte mich bereit, auf eine Verschnaufpause zu verzichten, unter der Voraussetzung, dass er auch seine Platten holt und mit mir zusammen spielt! Er ist also schnell ins Hotel rüber und hat seine Platten geholt. Luciano hätte nach mir gespielt, hatte dann aber die Idee: Let´s do it all together!

Ich weiss zwar nicht, wie der arme Teufel hieß, der nach uns auflegen sollte, jedenfalls wurde er kurzerhand gecancelt, weil wir unser Set auf bestimmt 7-8 Stunden erweitert haben. Das war ein magischer Tag und einer der Momente, die hängen bleiben und an die man sich gern erinnert. Richie stand mit offenem Mund hinter dem Pult und hat sich nicht mehr eingekriegt, weil die Leute auf den elektronischen und treibenden Sound dermaßen abgingen, so etwas kannte er bis dato noch nicht aus Miami.

Das hört sich wirklich nach einem denkwürdigen Moment im Tourtagebuch eines Miami-Reisenden an… Apropos Reisender  Das Time Out Magazine hat Dich für eine DVD eingespannt, die auch etwas mit Reisen zu tun hat, worum geht es da genau?
Ja, das Time Out Magazine (Ein Stadtführer und Eventguide, der in London, New York und Chicago erscheint, Anm. d. Red.) hat angefragt, ob ich, als Ibiza-Teilzeit-Local, Lust hätte, den etwas anderen Reiseführer zu machen und den Leuten die Facetten der Insel etwas näher zu bringen, aus meiner persönlichen Sicht. Mal nicht der x-te Bericht, wo man Kiloweise Gambas für 5  bekommt oder wo der tollste Strand ist, sondern etwas persönlicher und näher an Ibiza, wie ich es zu schätzen gelernt habe, etwas undergroundiger, erdiger und ursprünglicher halt. Vielleicht wird es zur DVD auch eine CD geben, ob in gemixter oder Compilation-Form steht allerdings noch nicht fest.

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www.locodice.com
tob_1 // 18.02.2007

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