Jeff Mills. Was adelt einen Technokünstler?

Vielleicht der eine oder andere Award? Goldene Schallplatten? Mag sein.

Was Jeff Mills allerdings im letzten Sommer erfahren hat, ist von ganz besonderer Klasse: Von Jeff ursprünglich für Maxi-Singles und CDs produzierte, elektronische Titel wurden in klassischen Versionen uraufgeführt. Der französische Komponist Thomas Roussel hat 15 Jeff-Mills-Tracks für ein Orchester in Noten transkribiert, Jeff Mills unterstützt das 80köpfige Nationalorchester Montpellier (Dirigent: Alain Altinoglu) auf der Bühne mit Drum Machine und Percussion.

Das alles nicht in einer langweiligen Konzerthalle, sondern Open Air am illuminierten Pont du Gard in Südfrankreich: Die größte erhaltene Aquäduktbrücke der Antike der richtige Platz für einen historischen Moment in der Geschichte des Techno, der jetzt als CD und DVD bei Tresor erscheint. PARTYSAN hat mit Jeff Mills darüber in Berlin gesprochen.

Jeff, 15 Deiner Tracks sind in Frankreich vor traumhafter Kulisse von einem Symphonie-Orchester aufgeführt worden. Ist da ein Traum in Erfüllung gegangen?

Ja. Wenn Du mich vor zehn Jahren gefragt hättest…ich hätte ungläubig gestaunt! Damals hätte ich mir vielleicht mal vorgestellt, eine Filmmusik zu produzieren, aber mit einem Symphonie-Orchester zusammen zu arbeiten? Nein. Ich bin nun mal eben auch mehr ein Producer als ein Performer. Geträumt habe ich sicher davon, aber es erschien mir zu komplex. Und jetzt ist der Traum nicht nur in Erfüllung gegangen, das ganze ist sogar dokumentiert. Und im Gegensatz zu anderen Projekten bin ich wirklich gespannt, was daraus wird. Ich habe die Angewohnheit, alles recht lang im Voraus zu planen und ein gutes Gefühl dafür, wie die Sachen ankommen. Hier ist das anders. Keine Ahnung, wie diese DVD angenommen wird.

Was war die größte Überraschung für Dich, als Du die Arbeit mit dem Orchester aufgenommen hast?

Das war ganz zu Beginn, bei der allerersten Probe, als ich das erste Stück von mir durch ein Orchester aufgeführt hörte. Das war ziemlich seltsam. Schon nach einer Sekunde spürte ich eine komische Distanz, so als ob ich gar nicht da wäre. Ich sah diese 80 Musiker etwas spielen, was ich schon lange hinter mir gelassen hatte, aber es war ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Ich habe mich dann damit angefreundet, schließlich war es eine Interpretation meiner Musik. War aber echt gewöhnungsbedürftig.

Hat da vielleicht das gefehlt, was sonst natürlich ist für Deine Musik? Die Tanzbarkeit? Oder hast Du das mit der Drummachine kompensiert?

Nein, nicht direkt. Auch in Sachen Dancemusic wurden ja häufig Orchester eingesetzt, denke nur an The Sound Of Philadelphia oder Teddy Pendergrass nein, es war schon funky. Streicher sind ja auch später noch häufig eingesetzt worden, meist eben via Keyboard. Ich habe die 909 auch nicht eingesetzt, um da irgendwas zu kompensieren. Eigentlich war es eher so, dass ich ohne solche Elemente ganz gut klar gekommen bin in den letzten Jahren. Viele der Klänge, die wir elektronisch erzeugen, sind vom Producer ja in erster Linie als Ersatz für klassische Instrumente gedacht, viele Sounds haben sich daraus entwickelt. Insgesamt ist das alles also wesentlich weniger weit auseinander, als man auf Anhieb denkt.

Wie hat sich das Orchester Dir gegenüber gegeben? Vielleicht hochnäsig, weil das alles studierte Musiker und Vollprofis sind oder eher neugierig und offen?

Offen, absolut offen, glücklicherweise. Vorab hatten mir schon einige Leute angedeutet, dass das schwierig werden könnte. Aber das Orchester aus Montpellier ist auch etwas besonderes, die haben schon mal ein ähnliches Projekt mit einer Art von hartem Trash-Techno gemacht und da dachte ich mir: Wenn die das hinkriegen, dann klappt das auch mit mir. Na ja, und einige Sachen waren sicher auch leichter zu spielen als Beethoven oder Chopin.

Ich glaube, elektronische Musik hat sich mal am Anfang in einer sehr komplexen Art und Weise entwickelt und sich im Laufe der Zeit vereinfacht weil es gar nicht nötig war, kompliziert zu sein. Deshalb habe ich darauf geachtet, dass nicht Überflüssiges in diese Arrangements dazu kam, nur damit die Orchestermusiker genug zu tun hatten. Es sollte sogar eher was gekürzt als etwas Unnötiges ergänzt werden. Und ich habe sichergestellt, dass es Phasen in der Aufführung gibt, in denen das Orchester so spielt, wie eine programmierte Maschine: Immer wieder den gleichen Part aufs Neue, also Loops. Das Publikum sollte so spüren, dass da Elektronik und Orchester ein gleiches Ziel haben.

Wie stehst Du persönlich zu klassischer Musik? Magst Du bestimmte Komponisten, haben Dich einige vielleicht sogar beeinflusst?

Klassische Musik habe ich bisher eigentlich nur, sagen wir, akademisch gehört also, um etwas zu lernen für die Sachen, die ich gerade mache. Da habe ich mich aber mehr auf Soundtrack-Komponisten konzentriert.

Was hast Du bei der Arbeit mit dem Orchester gelernt? Hat das Auswirkungen auf Deine künftigen Produktionen?

Ja, ganz sicher. Ich achte jetzt beim komponieren mehr darauf, die Sachen so anzulegen, dass sie auch im Gedächtnis des Hörers haften bleiben können: Weniger chaotische, zusammengeballte Sounds, mehr Klarheit.

Wie sind Deine Kontakte nach Deutschland, zur hiesigen Szene und Berlin? So intensiv wie früher?

Nein. Na ja, ich kriege da schon noch was mit, ich habe noch eine Wohnung hier. Ich bin aber mehr privat als beruflich in Berlin ich spiele selten hier, nutze die Stadt aber als Basis für meine Gigs in Europa.

Und die Szene?

Da war ich nie drin. Ich war schon immer der Außenseiter (lacht). Das hat aber auch damit zu tun, dass mir Trends immer egal waren. Ich hab inzwischen so viel Musik gemacht, dass ich weiß, was meine Spezialitäten sind und welchen Weg ich gehe. Ich kenne mein Equipment, ich habe es zu Hause immer arbeitsbereit und ich weiß, was ich tun muss, um meine Gedanken in Musik zu übertragen. Ich glaube, ich könnte das gar nicht, mich einem Trend oder einem trendy Style hinzugeben und so etwas zu verwerten. Es kam für mich immer nur darauf an, etwas auszudrücken und zwar in einer ganz bestimmten Weise, nicht um Mode zu sein oder zu setzen oder gar in die Charts einzusteigen. Ich brauche Musik, um mich auszudrücken und zwar ganz direkt und sofort, mit einem Studio nebenan. Da ist schon ein Unterschied zu anderen, die Musik zum Beispiel deshalb machen, damit andere darauf tanzen können.

Und der Networking-Gedanke? Anballungen von Künstlern einer Richtung wie hier in Berlin haben ja auch damit zu tun, dass sie sich gegenseitig inspirieren, unterstützen, vergleichen können…

Ja, durchaus, aber das hilft mir nicht weiter bei der eigentlichen Sache: Ich will Musik mit Substanz machen. Ich will das für den Rest meines Lebens machen. Dafür brauche ich kein Network. Jedes Stück steht für sich selbst. Und für die Musik ist die Welt wichtiger, in der sie entsteht mit Musik kann man ein Stück der Welt erklären, aufdecken und das kann schon nächste Woche etwas völlig neues sein.

Dann sind wohl auch Botschaften wie die, dass die Loveparade nach zwei Jahren Pause wieder kommt, nicht so bedeutend für Dich?

Ja, so ist es. Mir geht es nur um die Frage: Ist genug Substanz in meiner Musik, dass die Leute sich daran erinnern, hoffentlich sogar für den Rest ihres Lebens. Weißt Du, Underground Resistance hat ein Album über die Ringe des Saturn gemacht. So etwas ist wichtig. Deshalb bin ich auch lieber im Studio und weniger ein Performer manchmal brauche ich so viele Stunden, um nur fünf Minuten Musik auf die Beine zu stellen weil ich es mir immer und immer wieder anders überlege. Ich weiß auch, dass es ein Luxus ist, sich das leisten zu können. Ein wirklicher Performer wäre ich wohl erst, wenn es ein Keyboard gibt, das man direkt an meinen Kopf anschließen kann.

Formate: DVD (HD ready, Sound: 5.1.), CD/DVD Limited Edition/Special Packaging)
Label: Tresor, Vertrieb : Rough Trade, Ca. Nr. Tresor.223

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