Hinter den Kulissen mit Ralf-Rainer Rygulla. Der U60311 Gründer und seine Story.

Hinter den Kulissen mit Ralf-Rainer Rygulla. Der U60311 Gründer und seine Story.In unserer zweiten Folge der neuen Reihe „Hinter den Kulissen“ stellen wir Euch heute jemanden vor, dessen Name abseits der Clubkultur noch viel größer ist: Ralf-Rainer Rygulla. Der heute 62-Jährige ist Mitherausgeber eines Buches, über das heute Universitätsdozenten sprechen. „ACID. Neue amerikanische Szene“ heißt das Werk und ist eine Zusammenstellung von Kurzgeschichten, Zeichnungen und Comics; es wurde zu einer Bibel für die Beat-Generation der späten 60er und frühen 70er Jahre. Heute ist Ralf-Rainer Rygulla Mitbetreiber des U60311, wo er in den Anfangsjahren regelmäßig Lesungen organisierte. Außerdem war er lange Jahre Geschäftsführer des berühmt-berüchtigten Cookys unweit des U60311. Sein Lebensmittelpunkt liegt also innerhalb des Anlagenrings und in der endlos weiten Welt der Literatur.

 

Partysan: Wie bist Du als junger Mensch ins Nachtleben geraten? Hast Du etwas in der Richtung gelernt?
Ralf-Rainer Rygulla: Nein, ich habe eine Lehre im Buchhandel gemacht. Im Anschluss war ich erst mal drei Jahre in England, um der Bundeswehr zu entgehen, und habe mich dort mit Popliteratur und Crossmedia beschäftigt. Ich war befreundet mit Rolf Dieter Brinkmann, und wir haben Geschichten mit hierher gebracht, übersetzt und 1968/69 in den Anthologien „Fuck You“ „Silverscreen“ und „Acid“ veröffentlicht, die damals für ziemlich viel Aufsehen gesorgt haben. Zumindest „ACID“.

Wieso bist Du dann nicht in dem Metier geblieben?
Bin ich ja zunächst. Ich habe in Köln an der PH studiert  Dann bekam ich die Chance Lektor für angelsächsische Literatur beim März-Verlag hier in Frankfurt zu werden, in dem auch „Acid“ erschienen ist. Das war damals ein hochpolitischer Verlag mit Kontakten zu den Instutionen der 68er: APO, SDS, auch zur RAF, der Verlag ging aber in Konkurs. Später habe ich dann für Rowohlt als freier Lektor gearbeitet.

Warst Du auch Teil der Studentenproteste?
Einerseits ja, allein durch die Tätigkeit beim März-Verlag. Aber mir war das immer zuwider. Das war ja nur noch politische Theorie und die ganzen Leute aus der Bewegung sind in irgendwelchen K-Gruppen versackt oder haben wie Matthias Belz und Daniel Cohn-Bendit Betriebsratsarbeit bei Opel gemacht. Das war nie meine Herangehensweise, wenn ich an gesellschaftliche Veränderung gedacht habe. Dafür war ich schon immer zu hedonistisch und die Ideale des Hippietums waren mir näher. Ich halte politisches Sprechen nur für eine Wiederholung von starren Begriffen, das eine Bewusstseinsveränderung verhindert. Brinkmann und ich waren schon damals der Meinung, dass sich Gesellschaften nur über Bewusstseinsveränderung verändern lassen. Direkt die Gesellschaft zu ändern, war nie unser Ding.

Und aus dieser Frustration heraus hast Du Dich 1973 ins Nachtleben gestürzt?
Nein, aus Geldmangel. Die Verlage waren zu der Zeit alle klamm und ein Freund hatte einen Club, das „Chez Nous“. Da habe ich ein Wochenende lang die Garderobe gemacht und dann bin ich einen Abend als DJ eingesprungen. Der Laden hatte zehn Platten vorrätig, die ich immer wieder variieren sollte. Und in der Nacht habe ich gemerkt, dass ich ein Talent fürs Auflegen habe, dass ich eine Dramaturgie mit Schallplatten aufbauen kann. Das war damals noch Phillie-Sound, Disco und Rock. Barry White und solche Sachen. Für Frankfurt war das damals revolutionär. Ich war monatelang der einzige DJ im Rhein-Main-Gebiet, der überhaupt eine Platte von Barry White hatte. Die Amis im Club haben das geliebt und die Partys waren nur auf Fun eingestellt. Der Laden hatte zwar nur bis vier Uhr auf, aber dafür sieben Tage die Woche. Und ich war der DJ.

Im Vergleich zu heute ist das aber eine bescheidene Öffnungszeit.
Ich fand das großartig. Wir konnten den Vorhang auf dem Höhepunkt der Party fallen lassen. Heute legen dann irgendwelche DJs noch ein paar Platten für die letzten Halbleichen auf. Da hatte das früher mehr Charme, außerdem sind die Leute auch früher gekommen. Allerdings haben wir bereits im Cooky’s für die Aufhebung der Sperrstunde gekämpft und das auch durchgesetzt. Das galt dann auch für das Vogue, das später zum Omen wurde.

Wie bist Du vom Chez Nous ins Cookys gekommen?
Ich habe 1978/79 wieder mal eine Pause vom Nachtleben eingelegt und mich wieder der Literatur gewidmet. Zum Beispiel habe ich ein Drehbuch verkauft, das dann aber doch nie verfilmt wurde. Der Geldmangel trieb mich wieder ins Nachtleben zurück. Ein Türsteher aus dem Cookys hat mir dort damals einen Job als DJ besorgt, nachdem DJane Elvira abgeworben worden war. Da traf sich damals die ganze Rotlicht-Szene und das Publikum war schon älter. Champagnerpartys und so. Die Mädels standen auf schwarze Musik, die Jungs waren noch voll auf Meat Loaf. Auweia. Zu der Zeit war auch Punk und New Wave im Kommen, später Gentlemen-Pop und dann recht schnell die Neue Deutsche Welle. Vor allem auf NDW sind die Zuhälter schlecht abgefahren und haben mich mit Aschenbechern beworfen, wenn ich das gespielt habe. Für Rock haben sie mir dann Geld zugesteckt. Dabei war NDW anfangs richtig anspruchsvoll. „Eisbär“ zum Beispiel war minimalistisch mit absurden Lyrics. Das war nicht nur „Kleine Taschenlampe brenn“ von Markus. Aber das haben die wohl nicht verstanden.

Woher hattest Du denn die ganzen Platten zu der Zeit?
Ich habe mich richtig reingehängt, habe in London und Berlin regelmäßig Platten eingekauft und einmal jährlich in New York. Damals habe ich 200 bis 300 Mark pro Nacht bekommen. Und die Platten habe ich auf Rechnung des Clubs eingekauft. Das waren noch Zeiten!

Wie lange hast Du den Job gemacht?
Ich war acht Jahre lang, also bis 1986, DJ im Cookys, fünfmal pro Woche. Als Partner habe ich mir dann Heinz Felber und Klaus Walter ins Boot geholt. Der Laden ist damals auseinander gebrochen. Das war auch die große Zeit des Dorian Gray, wo Sven Väth seine Karriere begann. Unser Programm hat sich notwendigerweise überschnitten, denn in den 80ern spieltest du noch queer Beet von Soul über Rap bis zu Rock und Industrial. Eine gemeinsame Hymne war zum Beispiel. „Hold The Line“ von Toto. Das war ein Clubhit und wurde immer mit so einem Augenzwinkern gespielt, wegen der Line.

Warum hast Du damals im Cookys aufgehört?
Ich wollte einfach kein Disco-Opa sein, der da hinter den Plattentellern steht. Nach dem Niedergang von New Wave kam Hiphop immer stärker und der Siegeszug der elektronischen Musik war nicht mehr aufzuhalten. Und Musik wurde dadurch immer funktionaler, die Fans der jeweiligen Styles hatten nichts mehr miteinander zu tun. Als ich noch regelmäßig aufgelegt habe, hat ein Hit überall funktioniert: im Radio, zu Hause und in der Disco. Das war nun nicht mehr so. Ein weiterer wichtiger Punkt war, dass ich nicht mehr lernen wollte, Beat auf Beat zu mischen. Da kam es mir gelegen, dass sich der Inhaber des Cookys aus dem Nachtleben zurückziehen wollte. Mehr oder minder über Nacht war ich Geschäftsführer vom Cookys und habe auch alles wieder von der Pike auf gelernt.

Wie hast Du Dich so geschlagen?
Das ging eigentlich ganz gut. Denn Clubs haben eine starke Bindung zwischen den Betreibern, dem Personal und dem Publikum. Wenn das Gesicht hinter dem Geschäft schon bekannt ist, sind das gute Startbedingungen. Das ist ja auch heute noch so. Die Läden von Musikern und DJs laufen ja meistens sehr gut. Und wir hatten eine menge bekannte Gesichter. Moses P. und Mark Spoon gaben ihren ersten Spontan-Liveact bei uns, weil Afrika Bambaataa nicht vor versammelter Mannschaft auf der Bühne, sondern nur hinter dem DJ-Pult auftreten wollte. Da habe ich ihm gesagt, dass er auf der Bühne oder gar nicht auftritt. Dann also gar nicht. Marc und Moses haben dann schnell ihr Equipment geholt und sind für ihn eingesprungen. Die Ärzte waren auch mal live bei unseren Montagskonzerten, die Housemartins, die Stereo MCs… Die Montagskonzerte hatten einen guten Ruf. Frank Farian kam ins Cookys, um seine neusten Platten zu testen.

Diese Schule war sicherlich gut für Dein Engagement im U60311
So lange dabei zu sein war definitiv gut für den Start des U60311. Denn das Team war damals schon zusammen.

Ein echtes Mammut-Projekt.
Stimmt. Ich habe jahrelang gefightet, um die ehemalige U-Bahn-Station umnutzen zu können. Allein die Finanzierung war ein Graus. Von 1993 bis zur Eröffnung 1998 hatten wir eine Menge Stress und jede Menge Verhandlungen mit den Frankfurter Politikern. Aber es hat sich gelohnt, der Laden hat schließlich schon viele Preise abgeräumt für die Architektur und das Programm.

Wie habt Ihr es denn geschafft, ein so gutes Programm an den Start zu bringen?
Wir waren halt ein eingeschworenes und bekanntes Team. Auch Mattias Grein war schon im Cookys dabei, genau wie Jörg Bundialek. Und wir alle haben unseren Ruf mit ins U60 genommen. Das war dann wiederum gut fürs Booking. Nach nur vier Wochen hatten wir Fat Boy Slim.

War denn die Eröffnung des U60 mit der Schließung des Omen abgestimmt?
Nein, das war Zufall. Die Betreiber des Omen, unter anderem also auch Sven Väth, wollten den Vorhang auch auf dem Höhepunkt fallen lassen. Und das taten sie dann ja auch. Für das U60311 war das natürlich ein praktischer Zufall, die ersten fünf Jahre waren großartig mit großartigen Künstlern und Partys.

Kannst Du überhaupt was mit elektronischer Musik anfangen?
Ich finde das zum tanzen genau richtig, um wieder zur Funktionalität von Musik zu kommen. Ich kenne die ganzen Namen und Titel bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr, aber ich verstehe den Vibe und die Dramaturgie der DJ-Sets. Im Grunde ist es die selbe Schwingung fürs Publikum wie damals.

Welche Probleme ergaben sich denn im Laufe der Jahre strategisch gesehen?
Anfangs hatten wir mit der Sogkraft von Berlin Probleme, aber die wurde immer schwächer. Damals sind ja alle abgewandert, ohne zu bedenken, dass sie in Berlin ja nur noch einer von vielen sind. Aber Szenen sind regional und werden es auch immer bleiben.

Wie ist denn das zu verstehen?
DJs sind bis auf wenige Ausnahmen immer noch keine unberührbaren Popstars, sondern auch die Kumpels von nebenan. Durch die Verbreitung des Internet und von Print-Publikationen sind auch richtige Communitiys entstanden, die auch weiter bestehen werden. Techno wurde schon so oft für tot erklärt und immer wieder kommen neue Impulse. Ein Impulsgeber, Chris Liebing, ist ja hier im U60311 groß geworden.

Du hast übrigens auch selbst mal Musik gemacht…
Oh – das war ein Ausflug in die Plattenproduktion. Heinz Felber war 1983 noch Gitarrist und wir haben zusammen zwei LPs und eine EP als „Molto Stuhl“ veröffentlicht. Und nur draufgezahlt. Aber einige Nummern wurden bekannt. Rio Reiser hat eine gesungen, die wurde jetzt auch noch mal auf einer Retro-Compilation veröffentlicht. Ich war Texter, Komponist und Sprechsänger. Auch Markus hat ein Stück gesungen… Der mit der kleinen Taschenlampe. Der Schlagzeuger von Bap war dabei und einmal auch Heiner Goebbels am Cello. War schon eine lustige Angelegenheit.

Sogar Michael Kohlbecker hat als Kind eine der Nummern eingesungen. Und wurde dabei so traumatisiert, dass er seitdem kein Mikrofon mehr angerührt hat.
Naja, ganz so schlimm wars wohl auch nicht. Es gab auf den Platten poppigere und schlimmere Stücke. Das war ja auch die große Zeit des Industrial und des Wave. Wir haben alles zu Hause mit analogem Equipment produziert, ich habe mir parallel dazu die Texte einfallen lassen. Mich freute an der Sache, dass ich mit immerhin schon 40 Jahren noch mal Pop-Platten machen konnte. Da war es egal, wie viel Geld wir damit machten. Naja. Fast egal.

Dein letzter ernsthafter Ausflug in die Populärmusik?
Ich habe wie gesagt mit Techno nicht mehr viel zu tun. Nur noch von der geschäftlichen Seite aus. Heute gehe ich in die Oper.

Wie lange willst Du denn noch im Nachtleben aktiv sein?
Ich bin im U60 mittlerweile eher für die Außendarstellung in Text und Bild, als für das Management zuständig, weil ich mir hier nicht mehr jedes Wochenende um die Ohren schlagen will. Ich denke, ich werde mich wieder mehr meiner alten Liebe, der Literatur, widmen. Ich werde zum Beispiel immer wieder gefragt, ob ich eine Biografie und Aufarbeitung der Zeit mit Brinkmann schreiben will. Und das Interesse an diesem Thema, gerade gehypet durch die „Summer of Love“-Ausstellung, hält auch nicht ewig.

Siehst Du noch eine Chance für die Literatur unter jungen Menschen?
Ich denke, dass durch die Verbreitung des Internet die Literatur, das Schreiben, wieder viel mehr Bedeutung erlangt hat. Das ist Selbstverwirklichung für alle, so wie wir es in „Acid“ beschrieben haben. Zudem bietet das Internet mit Videoclips, Musik, Schrift und Sprache einen noch weiteren crossmedialen Ansatz. Aber ein Unterschied wird immer bleiben: digital oder biologisch.

Hinter den Kulissen mit Ralf-Rainer Rygulla
Text und Interview: Arne Löffel

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