Die Ritterschänke in Heslach

Viele Städte- und Szenemagazine führen mittlerweile Rubriken, in welchen zahlreiche Gastronomien vorgestellt und auch bewertet werden. Unter den Lokalitäten finden sich zumeist die angesagtesten Bars, Restaurants und Bistros sowie natürlich auch Neueröffnungen auf der Gastrolandschaft.

Uns, dem Partysan-Team, ist beim Betrachten dieser „Gastro-Guides“ jedoch nicht entgangen, dass eine Art von Lokalität nahezu völlig beachtungslos davonkommt.

Wir möchten Euch diese eigentümlichen Lokalitäten ein wenig näher bringen und wagen uns für Euch hinein in die Welt von Stuttgarts Spielunken. In den folgenden Ausgaben könnt Ihr mit verfolgen, wie wir die Schwelle zwischen Asphalt und Asbach Uralt übertreten, an rustikalen Tresen Platz nehmen und uns auf diese eigentümlichen Welten einlassen…

Teil 1: Die Ritterschänke

Wenn man der Böblinger Straße im Süden Stuttgarts Richtung Heslach folgt, wird dem ein oder anderen sicherlich schon einmal die Ritterschänke kurz vor dem Erwin-Schöttle-Platz aufgefallen sein. Zudem wird es den ein oder anderen auch interessiert haben, was sich wohl in der auf den ersten Blick unscheinbaren Kneipe mit den vereinsamten Topfpflanzen an den Fenstern so abspielen könnte. Nun erfahrt Ihr es, im ersten Teil des Partysan Spielunken Guides:

 

Räumlichkeiten und AusstattungNachdem man durch die Eingangstüre marschiert, befindet man sich mitten imGeschehen, nämlich im Hauptraum. Man wird mit einer für solche Lokalitäten typischen Situation konfrontiert, die neue Gäste wie uns noch einmal mit dem Gedanken spielen lässt, auf der Stelle kehrt zu machen: man wird erst einmal von allen im Hauptraum Anwesenden begutachtet (Sallon-Szene im Westernfilm lässt grüßen!). Während diesen nur langsam vergehenden Sekunden haben wir die Gelegenheit, uns den Hauptraum genau anzuschauen: dieser ist relativ klein, die 4 Spielautomaten, von  denen einer von einer älteren Dame im Jogginganzug belegt ist, nehmen viel Platz ein, so dass die Gäste nur an 2 Bistrotischen und einem etwas größeren  Tisch ihr Feierabendbier genießen können. Dies ist jedoch nicht weiter tragisch, da wir an jenem Abend nur 4 Gäste im Hauptraum entdecken können..Die anfängliche Schockstarre lässt allerdings nach wenigen Sekunden nach, da uns die Wirtin recht zügig entgegenkommt und uns herzlich begrüßt. Wir fragen ganz höflich, fast schon eingeschüchtert, ob es denn noch einen freien Tisch gebe. Auf dem Weg in den Nebenraum wird unsere Bestellung fast beiläufig aufgenommen und hier werden wir auf einen Umstand aufmerksam gemacht, der für zukünftige Gäste in der Kneipe elementar wichtig zu wissen ist: Die Wirtin spricht mit einem starken balkanesischen Akzent und aus dem unfassbar großen Flachbildschirm an der Wand im Nebenraum tönen lautstark kroatische Nachrichten. Wir lassen uns durch die in diesem Moment etablierte Sprachbarriere nicht einschüchtern und nehmen an einem Ecktisch Platz. Die Ritterschänke ist funktional eingerichtet, auf den Tischen befinden sich grüne PVC-Tischdecken und große Aschenbecher (ja, es darf in der Kneipe ausnahmslos geraucht werden!) und auch die Möbel scheinen wohl etwas älter zu sein, denn trotz der hohen Lautstärke des Fernsehers konnte man das Quietschen der Stühle im Hauptraum vernehmen.  

 

 

PersonalDa die Ritterschänke recht überschaubar ist, wird wohl auch kein zusätzliches Personal außer der Wirtin notwendig sein. Diese scheint übrigens sehr genau zu wissen, wie sie ihren Laden zu führen hat: in ihrem blauen Hausfrauenkittel und mit einer Schachtel Zigaretten bewaffnet nimmt sie an einem der Bistrotische im Hauptraum Platz und kann von dort aus – trotz der angeregten Gespräche, die sie mit einem der Gäste auf serbo-kroatisch führt – ganz gut den Überblick behalten.
GetränkekarteInnerhalb der Kneipe sucht man vergebens nach einer Karte, doch die ist in der Regel nicht notwendig, da ohnehin nur „klassische“ Getränke serviert werden. Für Unentschlossene befindet sich jedoch draußen am Eingang eine Getränkekarte in einem Glaskasten und dort wartet eine angenehme Nachricht: eine 0,5l-Flasche feinsten Stuttgarter Hofbräus bekommt man zum Beispiel bereits für 2 Euro, die Weißweinschorle für 3 Euro.
GästeWie bereits erwähnt, wurden wir durch die im Fernsehen übertragenen kroatischen Nachrichten ein wenig überrumpelt. Was wir nämlich als typisch schwäbische Kneipe erwarteten, entpuppte sich als Treff für vom Balkan stammende Bauarbeiter, Hausmeister und Rentner. Jene fühlen sich in der Ritterschänke übrigens so dermaßen wohl, dass selbst während hochbrisanter Themen im kroatischen Fernsehen noch Zeit für ein Nickerchen ist. Somit empfiehlt es sich bei einem Besuch in der Ritterschänke, jemanden mitzunehmen, der der serbo-kroatischen Sprache mächtig ist, um den Abend nicht völlig als Außenseiter verbringen zu müssen.
SpecialsÜberrascht wurden wir von einem Glas voll Salzstangen, die als Snack zu unseren Getränken gereicht wurden, da kann sich die ein oder andere Szenebar gerne eine Scheibe von diesem Extraservice abschneiden! Doch die größere Überraschung folgte kurz danach, als wir uns zur Toilette begaben. In den Herrentoiletten befanden sich nämlich Automaten mit Produkten, welche nicht so recht zu der von uns gesichteten Klientel  – das Durchschnittsalter der Gäste beträgt so um die 60 Jahre – passen.  So fanden wir es höchst amüsant, dass neben Kondomen auch die allseits beliebte „Travel Pussy“ für 4 Euro das Stück zu erwerben ist.
FazitTrotz der familiären Atmosphäre und der äußerst zuvorkommenden Wirtin wird es für Nicht-Balkanesen recht schwierig, einen geselligen Abend in der Ritterschänke zu verbringen. Zwar wird auch hin und wieder mal Deutsch gesprochen, aber da sich das kulturelle Programm auf die Übertragung von kroatischen Fußballspielen und Nachrichten beschränkt und auch die in der Kneipe vorhandene Jukebox nur alte Gassenhauer vom Balkan hergibt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es nur bei einem Feierabendbier bleibt. Doch wer sich in ein Stück Balkan im Stuttgarter Süden begeben möchte, der ist da herzlichst willkommen!

Ritterschänke
Böblinger Straße 61
70199 Stuttgart

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