(Mein persönlicher) Nachruf an den Elektronik-Pionier Conrad Schnitzler

 

September 1980, Ars Electronica Festival Linz: Es wurlt nur so vom “Who Is Who” der elektronischen Musik-Pionierszene: Robert Moog schlürft Sekt an der Festival-Bar, Walter/Wendy Carlos, Komponist/-in von “Clockwork Orange” flirtet mit allen, die ihre Geschlechtsumwandlung entweder nicht mitgekriegt haben oder denen´s egal ist, irgendwo im Gehege schwirrt Elektronik-Guru Klaus Schulze rum.

Mitten drin in der Menge zwei blasse Teenager, darunter der Verfasser dieses Artikels – und das kam so: Kurz zuvor hatten mein Kumpel (und langjähriger Musikerkollege) Marc Vojka und ich uns mit selbst gefälschten Presseausweisen eingeschlichen. Hauptziel unserer klandestinen Umtriebe: Das Konzert von Klaus Schulze am Ende der Ars-Electronica Woche. Natürlich hätten wir uns die Tickets nie leisten können, auch von zuhause aus wurde unsere musikalische Vorliebe nicht wirklich mit Taschengelderhöhungen goutiert. Also Ausweise am Krankenhaus-Computer von Marcs Mami (natürlich hinter ihrem Rücken ;)) gefälscht und rein ins Gemenge.

Etwaigen Überprüfungsversuchen des Festival-Büros gingen conrad-schnitzler-1wir gewitzt aus dem Weg: Mein Kumpel hatte sich als ungarischer Reporter ausgegeben (und Ungarn war damals, da hinter dem Eisernen Vorhang, noch weit weg), ich mich als italienischer. Darauf angesprochen, dass unsere „Magazine“ noch immer unsere Akkreditierungen nicht gefaxt hätten (bis zum Internet waren es noch fast zwei Jahrzehnte hin), reagierten wir mit lauten und unverständlichen Redeschwällen auf Ungarisch und Italienisch, so lange, bis man uns ziehen ließ. So ungefähr am vierten Tag gelang es der Festivalleitung anscheinend doch, einen echten italienischen „Kollegen“ einzufangen, der natürlich wahrheitsgemäß bestätigen konnte, noch nie etwas vom meinem angeblichen Arbeitgeber „Corriere della Musica Elettronica“ gehört zu haben… Aufgeflogen!

Die Lautsprecherdurchsage mit der Bitte, uns doch im Büro zu melden, verhieß nichts Gutes, und so beschlossen mein Kumpel und ich, das Minenfeld umgehend zu verlassen. Doch rasch war klar: Alle Ausgänge durch Ordner blockiert.

„Ordner“, das ist job-anthropologisch gesehen der direkte Vorfahre des heutigen Security-Gewerbes, unterschied sich von letzterem jedoch doch ungefähr so wie ein halbstündiger Stromausfall von der Reaktorkatastrophe in Fukushima: Zumeist ältere Herren in mausgrauen Anzügen, von der VÖEST in Frühpension geschickt, die sich so ein Zubrot verdienen konnten. Nicht besonders schnell, und man hatte bei direktem Kontakt mit einem von ihnen durchwegs nicht nur absolut hervorragende Überlebenschancen, sondern musste sich schon besonders dämlich anstellen, wenn einem die Flucht nicht gelang.

Nichtsdestotrotz: Viele Ordner-Jäger sind auch des Elektronik-Freak-Hasen Tod, in dem Fall waren 20 Stück der grauen Mäuse hinter uns her. 1981 vollzog sich die Festsetzung unerwünschter Gäste dennoch noch sehr anders als in heutigen Großdiscos – schließlich wollten die Ordner nicht die renommierten Gäste vergraulen.

Gemächlich-raschen Schrittes stieg ich also die Haupttreppe ins Foyer hinab – oh Schreck! Ausgang Süd: Versperrt. Ausgang Nord: Auch! In meiner Not erblicke ich mitten im Foyer eine seltsame Kunstinstallation aus Synthesizern und Kassetten-Playern, in die ich mich mangels sonstiger Fluchtmöglichkeit gleich mal mitten rein stell.

Das Ende vor Augen nimmt die Episode eine überraschende Wendung: „Gehören Sie da dazu?“ blafft mich Ordner#1 an. „Äh, si.. äh, ich mein: ja?“ Unschlüssiger Blickwechsel…

Da plötzlich öffnet sich die Toilettentür, und heraus stakst ein Alien: Eng anliegender weiß/silbrig glänzender Overall, in der Hand ein schwarzer Motorradhelm mit aufmontiertem Lautsprecher. Zu meiner Überraschung stellt er sich mitten in die Installation zu mir dazu.

„Gehört der zu Ihnen?“ blafft Ordner#2. Erneute Blickwechsel zwischen Ordnern, dem Alien und mir: „Ja, is juut, Det is mein Assistent!“

Mein Kumpel Marc hetzt, mit weiteren vier Ordnern auf den Fersen, die Treppe runter. Nimmt Kurs auf die Kunst-Installation. „Und der da? Gehört der auch zu Ihnen?“ „ja, is juut. Ist mein zweiter Assistent!“ Die Ordner verlassen die Szene.

Mit einem gestotterten „Dankeschön“ wollen mein Kumpel und ich „the scene oft he crime“ verlassen: „He da! Hierjeblieben! Na, habt ihr Jungs euch da mit jefälschten Ausweisen reinjeschlichen?“ Der Mann kann offenbar Gedanken lesen. „Ähm…“ „Nee, nee: Det find ich juut!“ Der Mann grinst übers ganze Gesicht. „Aber Strafe muss sein: Ick brooch wirklich n paar Assistenten. Da kommt ihr Jungs mir ja jerade recht!“ Zwei Stunden später sind unsere billig-selbst kopierten Ausweise durch echte Artist-Ausweise ersetzt. Und es versteht sich wohl von selbst, dass ich den Rest der Woche für die Schule keine Zeit hatte und gemeinsam mit Kumpel Marc den Assistentenjob sehr ernst nahm (was unglücklicherweise nach Ende der Ars Electronica via Nahaufnahmen von uns und dem seltsamen Alien in „Österreich Bild“ und „Kulturjournal“ daheim aufflog und einige unangenehme Konsequenzen für mich barg – aber das ist eine andere Geschichte…).

conrad-schnitzler-alien

Nachdem Marc und ich zwei Tage lang des Mannes Geräte quer durch Linz geschleppt hatten, fassten wir uns ein Herz und beichteten dem Mann, dass wir all das ja nur getan hätten, um Klaus Schulze live erleben zu können. Unvergessen bleibt mir, wie´s dem Mann ein breites Grinsen ins Gesicht zieht und er meint: „Ja, warum sagt ihr das nicht gleich?“

Schnappt uns und bringt uns in den Großen Saal des Brucknerhauses, wo Klaus Schulze bereits eine ca. 10 Meter hohe Synthesizer-Burg aufgebaut hatte: „He, Klaus! Det sind Marc und Hilmar – he Hilmar und Marc: Det is der Klaus, die olle Kommerznase!“ Elektronik-Guru Klaus Schulze, der sich 1981 gerade im Popularitätswettbewerb mit Vangelis und Jean Michel Jarre befand (und 1981 klar vorne lag) drehte sich um, schnappte nach einer Flasche Wein, herzt unseren neuen „Arbeitgeber“ und meint: „He Conny! Lass uns ma was trinken!“. Zudem zieht der Meister etwas aus der Tasche, von dem ich später (ich war ja erst zarte 17) erfuhr, dass man es „Joint“ nannte. Die Kombination der Ereignisse inklusive Testzug aus Klaus´ mitgebrachter Tabakware (ich hab´s nicht inhaliert, ich schwör´s! ;)) machten Marc und mir klar: Elektronische Musik, das war unsere Zukunft!

 

Der Mann im Alien-Anzug – jeder, der diesen Blog bisher „durchgehalten“ hat, errät es sicher, war Conrad Schnitzler, unser erster Mentor in Sachen elektronischer Musik. Der Rest ist (Musik)geschichte: Conrad Schnitzler, Enfant Terrible und Pionier der allerersten Stunde, Gründungsmitglied von „Kluster“, erster Absolvent der Meisterklasse seines Kumpels Joseph Beuys, der Mann, der Kraftwerk sagte, als Gitarrenband würden sie nicht weit kommen und ihnen stattdessen ein paar Synthesizer borgte – woraus wenig später die Alben „Kraftwerk“ und „Kraftwerk II“ entstanden.

Der „Kluster“ verließ, weil ihm die Band „zu kommerziell“ war.

Doch nicht nur in Düsseldorf und Berlin hinterlässt „Conny“ sein Erbe: Etwa zwei Wochen nach unseren Erlebnissen an der Ars Electronica gründeten mein Freund Marc und ich unsere erste reine Elektronische Musikband, der bald darauf unsere etwa auch im Film „Es Muss Was Geben“ gewürdigten Bands „Mojique“, „Females Under Tension“ und „The Waltz!“ folgten. Dazu inspiriert von niemand anderem als Conrad Schnitzler, der uns die verbleibenden Tage an der Ars Electronica sein Credo einschärfte “Ihr müsst nicht spielen können.  Nur den Mut habe, Krach zu machen!“

Bald tummelten sich hier in Linz, Österreich weitere kreative Querdenker im Umkreis des „Krachs“, den Marc und ich da machten: Didi Bruckmayr. Der Video- und Filmmacher Thomas Draschan. Ein gewisser Karl Möstl, Fadi Dorninger – und noch in den 1980ern meldeten sich Attwenger, um mit meinem Freund Marc Vojka ihre ersten elektronischen Crossover-Schritte zu wagen. Nicht zu vergessen eine österreichische Hip Hop Band mit Namen Texta, die ebenfalls von Anbeginn an mit elektronischer Musik arbeitete.

Es wäre übertrieben zu behaupten, in Linz hätte sich ohne Conrad Schnitzlers Inspiration keine elektronische Musikszene entwickelt. Dass Linz in Österreich jedoch eine Pionierrolle spielte (zeitgleich, bereits 1979 gegründet, gab es in Wien lediglich Inge Grafs Projekt „Zyx“), und dass der elektronische Musikkosmos in dieser Stadt bereits ein Jahrzehnt vor Techno von Anbeginn an kreative Freidenker bis hin zu Punk anzog, ist sicher Conrad Schnitzlers Tipp von 1981 „Ihr müsst nur den Mut haben, Krach zu machen!“ mit zu verdanken.

Ich selbst habe erst eineinhalb Jahrzehnte später, anlässlich eines Gigs in New York, begriffen, mit welch großartigem Pionier wir 1981 da Geräte durch die Linzer Fuzo geschleppt hatten: Die oben beschriebene Episode locker beim Plattenkaufen erzählt, veranlasste den Boss des weltberühmten „St. Mark´s Record Stores“, mit einer Tasse Kaffe aufzutauchen und mich nicht gehen zu lassen, bevor ich nicht bis ins kleinste Detail alles über meine Begegnung mit Conrad Schnitzler erzählt hatte.

Und dass Conrad Schnitzler für die New Yorker elektronische Musikszene selbstverständlich einer der Godfathers sei: Ohne Schnitzler keine Kraftwerk ohne Kraftwerk kein Afrika Bambaattaa und auch keine Grandmaster Flash, und somit auch keine Erben von Armand van Helden bis LCD Soundsystem.

 

Und nochmal eineinhalb Jahrzehnte dauerte es, bis ich 2008 mit Conrad in einigen sehr langen, sehr persönlichen und herzlichen, sowie von unglaublichem Humor gekennzeichneten Mails alles bisher Geschriebene noch einmal Revue passieren lassen konnte. Conrad, bereits über achtzig, bewies dabei nicht nur seinen unvergleichlichen Humor, sondern erzählte mir auch, dass er „selbstverständlich nach wie vor Krach´ mache“, ihn sein Alter zwar mittlerweile am Touren hindere, aber doch nicht amKrach´ machen. Wie sehr er sich über all das freue, was ich ihm da erzählte – dass er in New York als „Godfather of Techno“ gehandelt würde genau so sehr wie die Nachricht, dass mein Kumpel Marc und ich sein „Mut zum Krachmachen“ wörtlich genommen hatten und Linz längst eine Metropole der electronic tunes sei – nicht zuletzt aufgrund seiner Inspiration. Der geplante Berlin-Besuch kam leider nicht mehr zustande. Irgendwie verschob ich von Woche zu Woche, von Monat zu Monat; denn irgendwie hatte sich in meinem Kopf das Bild festgesetzt, „Conny“ würde ewig leben: Zeit, Alter – zwei Dinge, die an ihm abprallten wie Wasser an einem Neoprenanzug.

ConradSchnitzler@SchneidersBüroAm vergangenen Donnerstag, den 4. August, zerbrach dieses Bild in meinem Kopf: Conrad Schnitzler, der Mann, der mich und viele andere zur elektronischen Musik brachte, ist doch von dieser Welt gegangen. Es mag ein Trost sein, dass sein Werk – nicht zuletzt in jenen Hunderten, die „Conny“ mit seinem Werk – und vor allem seiner Art, zu leben und zu arbeiten – inspiriert hat, weiter lebt: Nicht zuletzt etwa in der lebendigen Linzer elektronischen Musikszene. In mir persönlich hinterlässt sein Tod das Gefühl eines tiefgehenden Verlusts.

Wie sehr und auf welche Art sein Werk, ja sein Geist, weiterlebt, ist in bezug auf die elektronische Musikszene in den beigefügten Links zu lesen. Darüber hinaus hat aber Conrad Schnitzler noch selbst für sein Weiterleben gesorgt – auf eine Art, die jedem, der ihn gekannt hat, trotz Trauer das Schmunzeln ins Gesicht treibt. Und wohl am eindrucksvollsten darlegt, wie Conrad Schnitzler sein Leben lang „getickt“ hat: Sein Ableben vor Augen programmierte er seinen eigenen Nachruf auf seine Webpage. Sollte er nicht jeweils binnen einer gewissen Frist mittels nur ihm bekannten Password seine selbstverfasste Todesnachricht widerrufen, würde diese online gehen.

Am Donnerstag, den 4. August, ging sein selbstprogrammiertes Ablebens-Icon online.

Ich selbst verneige mich in allertiefstem Respekt vor jemandem, der wie nur wenige andere dafür gesorgt hat, dass elektronische Musik heute ein Kulturgut ist. Vor allem eines, das alles andere als elitär ist. Der mit seiner Arbeit bewirkte, dass begnadete Dilettanten wie ich elektronische Musik als Ausdrucksform erkannten. Und damit bereits vor 30 Jahren den Urgedanken von Techno vorwegnahm. Nein: Um den Boss von „St. Marks Records“ in New York zu zitieren:

Conrad Schnitzler war der Mensch, der Techno ERFAND.

In Trauer

Hillberg

 

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