DER BUG von Constantin Gillies

Durch die halb offene Terrassentür zieht es kühl rein. Die Luft riecht, wie sie am Ende eines langen Frühsommer­ tages in der Vorstadt riecht: nach Geranien, Grillanzünder und frisch gesprengtem Rasen. Noch ein Blick zurück, nochmal Sabina anschauen; doch sie ist schon wieder weg. In einem Zimmer klir­ren Gläser oder Parfümfläschchen. Ich gehe hinaus auf die Terrasse.

Der Himmel ist dunkelblau, nur hinter dem Hausdach glüht er noch orange nach. Ein Schwarm Mücken spielt in den letzten Sonnen­ strahlen, irgendwo lachen Kinder. Von Nick ist nichts zu sehen.
»Alter?«
»Bin hier drüben!«, kommt es dumpf aus dem Garten. Ich laufe über die hellbraun geflieste Terrasse und steige drei Stufen zur Rasenfläche runter.

Der Garten ist überraschend groß und zieht sich hinten um das ganze Haus herum. Da, wo das Gras aufhört, markieren hohe Tannen die Grenze zum nächsten Grundstück, sodass man das Gefühl hat, auf einer Waldlichtung zu stehen. Um die Ecke erwartet mich Nick mit einer schönen Überra­schung. Er hat Gemütlichkeit installiert!

Am Rand der Rasens, ein­ geschlossen zwischen großen Büschen, hat er nebeneinander zwei Holzliegestühle Marke Traumschiff aufgeklappt, dazwischen ste­hen Bierflaschen und – oh Mann – ein Teelicht. Das dürfte wohl Sabinas Beitrag sein; ich kann ihr Gemecker fast hören: »Ihr könnt doch nicht so im Dunkeln sitzen.«

Nick steht zur Begrüßung auf. »Cool, dass de gekommen bist.«
Ich schlage zum Bikergruß ein. »Kein Thema.«
Er lächelt breit – und noch breiter, als ich eine Packung Quaxi Fröschli aus meiner Jackentasche fische.
»Sehr schön«, lobt er.
Wie in der guten alten Zeit. Wir lassen uns in die Stühle fallen und prosten uns mit zwei Coronas zu, die fertig geöffnet im tau­nassen Gras auf uns gewartet haben.
Dann ist Nick am Retrozug. Er greift unter seinen Lehnstuhl und zieht einen kleinen Radiorekorder hervor. Aber nicht irgend­ einen Radiorekorder, sondern den Radiorekorder: einen Fisher PH855L in Metallic­Rot. Den Ghettoblaster, der gut und gerne fünf­ zehn Jahre lang den Soundtrack zu unserem Leben geliefert hat.

Mit hochgezogener Spock­Augenbraue betätigt er die verchromte Play­Taste.
»Bereit, den Flux­Kompensator zu starten?«
»Auf jeden Fall!«

Drums please.
Wir müssen beide fett grinsen. Ohne auf die Kassette zu gucken, ist klar, was mit schwarzem Edding draufgekritzelt ist: Chillout ’94. Und schon zischt die Zeitmaschine ab. Wir sitzen nicht mehr vor einem Bungalow in der Vorstadt, sondern auf der Wiese vor der Uni, mit genau diesem Ghettoblaster. Und aus seinen schäbi­ gen Boxen klirrt der einzige und ewige und ultimative Sommerhit:

»Summertime« von DJ Jazzy Jeff and the Fresh Prince.
Here it is the groove slightly transformed just a bit of a break from the norm Okay, an sich undenkbar, einem Saubermann wie Will Smith eine Chance zu geben, zumal, wenn man so hart drauf ist wie wir damals. Verdammt hart also.

Außer NWA und 2Pac kam uns nichts in den Ghettoblaster, und 2Pac auch nur, bis er »Dear Mama« raus­ brachte und damit zu einer Art Ghetto­Heintje verkam. Solche Ge­fühlsduseleien passten nicht in unser Leben, das sich – zumindest in unseren Gedanken – eher in South Central als im Süden einer kleinen Stadt in Deutschland abspielte.

Think of the summers of the past adjust the bass and let the alpine blast

Doch, doch, wir waren zumindest verbal richtig heftig drauf, kannten die Texte von den ganzen bösen Jungs auswendig. Und was könnte schon härter sein, als Reime vom »AK-47«, dem »Drive­By« oder »187« – dem Polizeicode für Mord – aus dem offe­ nen Autofenster plärren zu lassen, während man über die Auto­ bahn gondelt, um bei Muttern in der Vorstadt die Wäsche abzu­ liefern?

Leanin’ to the side but you can’t speed through two miles an hour so everybody sees you

Ha, viel schneller fuhr Nicks alter Opel Kadett ohnehin nicht.
Wenn wir nicht gerade cruisten, hingen wir jedenfalls in die­ sem Park ab, egal, ob Semesterferien waren oder nicht. Die Nach­mittage waren lang, Nicks Sonnenbrände schlimm und Frauen weit entfernt. Jeder dieser wunderbaren Tage endete mit dem gleichen Ritual: Wir tranken ein Gatorade, warfen »Summertime« rein und pfiffen auf unsere Street Credibility, weil ohnehin nie­mand in der Nähe war, der sie hätte würdigen könnte. Während­ dessen gingen hinter dem archäologischen Institut die Sonne und unsere Jobchancen unter.

... and this is the Fresh Prince’s new definition of Summer Madness.

Viel zu schnell ist der erste Song vorbei und das erste Corona fast leer. Ich stelle die Flasche im Gras ab.
»Ahh!«
»Ah«,
echot Nick. Nach einer kurzen Denkpause dreht er sich um. »Sag mal, warum haben wir damals eigentlich immer Frisbee
gespielt?«
Gute Frage.
»Weiß nicht. Vielleicht weil das bei den Jungs in den Musikvi­deos immer so unbeschwert aussah.«
Für Nicks Geschmack eine deutlich zu poetische Erklärung. »... oder weil es vielleicht einfach Spaß machte«, knurrt er.
Doch keiner von uns hat noch genug Energie für weitere Dis­kussionen, und so greifen wir synchron zu unseren Coronas und genießen den Abend.
Als nächster Song kommt »Let Me Ride« von Dr. Dre, dann »On a Sunday Afternoon« von LSOB und zum Schluss, quasi für die Old School, »High Rollers« von Ice­T.

Während wir darüber nachdenken, was aus dem Mädel auf dem Plattencover von Ice­T geworden ist, verblasst auch noch das letzte Orange am Himmel. Im Busch neben uns fängt eine Grille zu zirpen an – ziemlich schwächlich und mit vielen Pausen, aber der Sommer hat ja gerade erst angefangen. Und über allem liegt das friedliche Rauschen der nahen Autobahn.

Da sitzen wir also in unseren Lehnstühlen, die letzte Mann­ schaft, auf dem letzten Außenposten. Gleich hinter dem Garten­zaun lauert die Zukunft. Wenn wir viel Glück haben, können wir sie noch für die Länge eines Songs aufhalten, bevor sie uns mit Petabyte­Rechnern, Chinesen und dem ersten Pflegefall in der Familie überrollt. Wir treiben in einer Nussschale durch die Dun­kelheit – zwei verdammt müde Wohlstands­Homies.

Ende Leseprobe Uno

Es war der Überraschungserfolg des Jahres 2008 – der Roman "Extraleben" von Constantin Gillies. Die Geschichte von zwei Nerds, die in ihrem alten Heimcomputer auf ein Gemeimnis stoßen, entwickelte sich über Nacht zum Insidertipp unter Computerfreaks. Gillies habe den "mit Abstand besten Roman zum Thema Computerspiele" abgeliefert, urteilte die Zeitschrift PC Action damals.

Jetzt legt der Kölner Autor nach: Am 17. Mai erscheint im CSW-Verlag die Fortsetzung zu "Extraleben": „DER BUG“„DER BUG“
Zur Handlung: Die gealterten Computerkids aus den Achtzigern haben inzwischen den Weg in die Wirklichkeit gefunden. Als geheime IT-Agenten retten sie Daten aus veralteten Computersystemen.

Doch der Hauch von Abenteuer hat sich längst verzogen, das Leben der Helden kreist um Reihenhaus, Reisekosten und Rasenmähen. Bis ein Todesfall die Routine durchbricht: Charles Irving, ein legendärer Computerpionier, bricht bei seinem letzten großen Auftritt zusammen. Zurück bleibt nur sein Laptop, Baujahr 1982.

Die Datenretter Nick und Kee sollen das digitale Erbe sichern. Doch der Auftrag entpuppt sich als Falle: Unbekannte verfolgen die Freunde, hören sie ab, brechen in Nicks Haus ein. Aus den Jägern der verlorenen Daten werden über Nacht selbst Gejagte. Eine atemlose Flucht durch die Zeitzonen beginnt - immer auf den Spuren von Irvings letztem Geheimnis. Und das scheint mehr als ein Menschenleben wert zu sein.

Eine Geschichte vom Erwachsenwerden, Freundschaft und Sehnsucht nach der aufregenden Computer-Pionierzeit, als sich das Leben um C-64, Amiga & Co. drehte.

Get the Flash Player to see the wordTube Media Player.

Und weils einfach so schön ist an den ganzen alten Kram wieder erinnert zu werden gibts auch Leseprobe Numero DOS.

Als Kind, in dieser ganz und gar analogen Zeit, als man noch in einer Bande war, und nicht in einer Abteilung. Da lief das Leben so schön simpel ab: Jeden Nachmittag fuhren wir mit unseren BMX-Rädern zur alten Ziegelei am Rand der Trabantenstadt. Das heißt, richtige BMX-Räder waren es nicht, nur alte Klappräder, von denen wir alles abgeschraubt hatten, was sich abschrauben ließ. Weiß Gott, wie gerne hätte ich ein echtes Crossbike gehabt, mit diesen gelben Plastikfelgen, aber meine Eltern hielten ein Rad ohne Schutzblech für unvernünftig.

Wir standen also mit unseren Oma-Böcken da, auf dem Gipfel von Lehmbergen wie diesen hier, und waren bereit, den nächsten Stunt zu wagen. Ein Stunt, das war alles, wofür man Mut brauchte: mit dem Rad einen kleinen Hügel runterrasen, auf dem Hinterrad fahren, bremsen, bis es von hinten Steinchen regnet – und dann das Ganze nochmal freihändig. Das waren Stunts.

Ausgelöst hatte diese kollektive Fallsucht ein gewisser Herr Seavers. Seine Abenteuer im Vorabendprogramm hatten unsere Hirne gründlich durchgespült. Was Herr Seavers tat, wollten auch wir tun: mit dem Auto über andere Autos springen, auf zwei Rädern fahren, Scheiße in die Luft jagen. Das war der Stoff, aus dem die Träume waren.

Die blonde Jody kam in unseren Schulhoffantasien nicht vor, noch nicht. Die war damals nicht nur kein Thema, sondern eine richtig lästige Unterbrechung. Sie stand zwischen Colt und dem nächsten, noch weiteren Autosprung. Erst Jahre später ist mir aufgefallen, wie unfassbar hot Heather Thomas aussah, wenn sie im Vorspann mit ihrem Bikini durch die Schwingtüren kam.

Jedenfalls stand unser Weltbild damals noch felsenfest. Darüber, was cool war, mussten wir kein Wort verlieren. Das war eh klar: D-Böller, ein De Tomaso Pantera mit 500 PS, die Lockheed SR-71 – dieser Düsenjäger, der mit Mach 3 den russischen Raketen einfach wegrasen konnte. Solche Sachen.

Das Größte, das Schnellste, die meisten U/min, die höchste Feuerkraft, den Corsalflug in weniger als zwölf Parsec schaffen – um zu wissen, was wichtig im Leben ist, musste man nur ins Schmid-Quartett gucken. Diskussionen über die richtige Work-Life-Balance fanden damals nicht statt.
Ich trinke meinen Eistee aus, ganz langsam, Schluck für Schluck, bis der Schatten des ersten Lehmbergs die Ameisenstraße neben meinem Bein erreicht. Gott, wie schön wäre es, ab und zu mal wieder ein Auto mit solchen Schlaf-Augen auf der Straße zu sehen.


by on August 23, 2010

Kommentare

  1. [...] Multimedia Alter! Extraleben haben wir hier @partysan.net zwar gar nicht besprochen, dafür aber DER BUG - den Vorgänger Roman von Constantin GiIlies. Und der war ziemlich unterhaltsam. Und somit empfehlen wir hiermit auch gleich mal EXTRALEBEN, [...]

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