Es gibt nur wenige Producer auf dem elektronischen Dancefloor, die als ähnlich profiliert gelten dürfen wie Carl Craig: Ohne seine futuristische Musik hätte Techno nicht nur ein völlig anderes Gesicht, sondern auch einen völlig anderen Körper. Mit Planet E führt er seit 1991 eines der weltweit tonangebenden Labels der Szene, seine zahllosen Remixe sind regelmäßig eine Sensation, seine neue Maxi ist nicht nur in den Magazin-Charts auf Platz 1.


Wie der Polarstern gibt Detroit dem Firmament des Techno eine Orientierung  seit mehr als 20 Jahren schon. Carl Craig ist der auffälligste Vertreter der zweiten Generation von Techno-Producern aus der Motorcity: Er war der Wegbereiter, Initiator und Kurator der ersten beiden Ausgaben des DEMF, der größten Präsentation elektronischer Musik, die je in Detroit zu hören und sehen war, seine Platten unter Pseudonymen wie 69, BFC, Paperclip People, Designer Music, Psyche, um hier nur die wichtigsten zu nennen, waren stilbildend und sind dennoch genauso einzigartig geblieben wie seine Releases unter eigenem Namen oder mit dem Innerzone Orchestra.

Mit Bug In The Bassbin gab er einen entscheidenden Impuls für DrumnBass, Hits wie Throw, The Climax oder At Les haben sich tief ins kollektive Gedächtnis der Clubheads eingebrannt. Wie niemand sonst vereint Carl Craig in seinen Tracks das für den Dancefloor elementare Gefühl up-lifting zu sein mit der Kategorie des Erhabenen, wie sie die klassische Kunstbetrachtung gekannt hat.

Oft erreichen sie wie die jüngsten Remixe einen Grad an sublimer Intensität, die es dem DJ schwer macht, adäquate Anschlussplatten für einen kohärenten Mix zu finden. Während er in den Neunzigern seinen Output über stets neue Aliases verteilte, ist Craig nunmehr dazu übergegangen, seine Produktivität unter seinem Eigennamen zu releasen: Wo sich früher hinter einer Flut von Decknamen der Producer Carl Craig verbarg, steht seine Person heute im Mittelpunkt, umgeben von einer Reihe von Facetten, die sich im jeweiligen Mix offenbaren: die Moniker C_, C2C4, Max und Caya umgeben Craig derzeit wie eine Schar von Zwillingsmonden, oder Schlagschatten im Licht mehrerer Sonnen.

Partysan: Durch Musik wie Deine wurde Detroit nicht nur zum Symbol, zum Synonym, sondern zu so etwas wie dem Heiligen Land in der internationalen Wahrnehmung von Techno: Wie siehst Du die Zukunft der Stadt und ihrer Szene?

Carl Craig: Keine Ahnung, schwierige Frage  die Zukunft: Ich denke, dass wir mehr junge Producer brauchen, die aus Detroit kommen, als zurzeit. Ich seh nicht genug von dieser neuen Generation. Klar, die gibts schon  wie Omar S., bei dem es gerade so aussieht, als ob er ganz gut fährt mit seinem Sound , aber ich denke, wir brauchen wirklich mehr davon.

Dein neuer Mix von Darkness ist auf Platz 1 der aktuellen Magazin-Charts. Bedeutet Dir das was?

Und ob!

Welche Darkness hattest Du im Sinn, als Du diesen Track produziert hast?

Oh  (lacht) die Darkness im Hintergrund meines Bewusstseins (lacht), das wars. Ich hab versucht das Licht zu sehen so gut ich konnte, aber manchmal ist da nur Dunkelheit.

Discogs notiert brandaktuell ein Official Release of an unauthorized version von Darkness auf Planet E: Demnach magst Du den Radioslave-Re-edit?

Nein.

Ein Fake auf Discogs?

Nein, wir haben das rausgebracht, um den Bootleg zu countern: diese Version kam als Bootleg raus, der Typ hatte mir vor einer Weile eine CD davon gegeben, und als sie es als Bootleg released haben, hab ich die CD gesucht, das Mastering selbst gemacht und es veröffentlicht.

Mit Just Another Day, den neuen Versionen der Landcruising-Tracks, der aktuellen Darkness-Maxi und Remixen für Laurent Garnier, Terry Brookes & Aaron Soul oder Hugh Masekela bist Du momentan sehr präsent in der Szene: Du scheinst eine sehr produktive Phase zu haben derzeit

Ja, ich meine, ich hab immer versucht produktiv zu seinIch bin nicht in einer Situation, in der ich versuche zu stagnierenIch schätze mich glücklich, um die Welt zu reisen, aufzulegen und Musik zu machen, sowohl zu Hause als auch unterwegs spiele ich auf all diesen Parties. Weißt du, ich versuche immer was zu finden um die Zeit rumzukriegen, also kommt die Produktivität vom Machen.

Woran arbeitest Du momentan?

Ich hab die Arbeit an einem Album wieder aufgenommen, das ich vor anderthalb Jahren begonnen hatte. Die Idee basiert auf seltsamem, ausgedachtem Zeug, das ich früher mal gemacht hab, aber ich muss noch sehen, wohin sich das eigentlich entwickelt.

Ich hab gelesen, dass Du auf diesem Album verstärkt mit Vocals arbeiten willst. Schreibst Du dafür jetzt Songs statt Tracks?

Weißt du, (lacht), ich nehme mal an, dass man sie als Songs ansehen wird, aber ich hab keine Ahnung. Stimmen sind etwas interessanter für mich geworden: Ich beobachte sehr genau, was mit elektronischer Musik im Vergleich zur allgemeinen Entwicklung passiert, und ich denke, dass elektronische Musik vielleicht noch andere Hörer als ihre bisherigen Fans braucht, die fähig sind zu verstehen, zu genießen.

Elektronische Musik ist großartig, wenn sie instrumental ist, aber es gibt nur eine kleine Anzahl von Leuten, die sich ihr aufmerksam widmen. Ich bin mir sicher, die Leute wollen wissen, was wir machen, aber es gibt etwas daran, das sich nicht in ihre Welt übersetzt, und ich denke, auf Lyrics und Vocals zu fokussieren ist ein Weg dahin zu kommen.

Also auch um weitere Hörerschichten zu erreichen…

Ja, schon, aber ich spreche nicht über die kommerzielle Seite, ich meine einfach die(lacht) realistischen Aussichten, wohin ich glaube, dass meine Musik sich entwickeln wird und was wirklich gebraucht wird.

Wirst Du noch mal eine 69-Platte rausbringen? Oder etwas unter einem Deiner vielen anderen Pseudonyme?

Weißt du, ich mach erst die Musik, und dann versuch ich ein Dach dafür zu finden, und wenn das Dach dann 69 ist, dann wird das so sein.

Du hast die Kunst des Remixens perfektioniert: Wie würdest Du das zentrale Moment der Kunstform Remix beschreiben, verglichen mit Coverversionen, Remakes, Mash-ups oder Re-edits?

Meinst du, wie ich Remixe mache oder Remixe generell?

Gerne in einer Gegenüberstellung, wenn es die Zeit erlaubt…

Gut, für mich hat Remixen schon immer bedeutet, sich eines Tracks völlig anzunehmen, es war immer so, dass ich durch das, was ich investiert hab, sicher war, dass es mein Track ist, im Vergleich mit: Es ist der Track von irgendjemand und man schiebt ein paar Fader und macht dies und jenes etwas andersDer Incognito-Mix zum Beispiel, den ich vor Jahren gemacht hab: Ich höre da steckt mehr von mir drin als von Incognito. Allgemein werden Remixe gemacht, indem man eine sehr starke, neue Fassung des Songs anfertigt.

Und ich liebe diese alte Schule des Remixens sehr, die darin besteht, die Platte eines Künstlers zu nehmen und zu überarbeiten, damit sie im Club besser klingt, aber  du weißt schon  musikalisch ist das der gleiche Stoff, nur verlängert, so wie es Bob Clearmountain mit dem Chic-Material gemacht hat, oder die ganzen Salsoul-Platten, die von Tom Moulton, Kevorkian und solchen Leuten gemacht wurden. Die neuere Art Remixe zu machen ist auch großartig, aber vielleicht hat es etwas überhand genommen, besonders an einem Punkt, an dem man 12 Remixe eines Titels finden kann, ich meine, das ist doch lächerlich: Ich denke, ein Remix sollte einen Haupteffekt haben, und das kann entweder sein, die Crowd zu bewegen, oder die Leute für das Original zu interessieren.

Wie würdest Du Breakbeat und lineare Grooves aufeinander beziehen? Wie verwendest und kombinierst Du sie in Deinem Mix, wenn Du als DJ arbeitest?

Breakbeats sind für mich näher am echten Drama dran, auch wenn es einfach nur ein paar Breaks sind, die aus verschiedenen Songs zusammengesetzt sind, um einen neuen Track zu ergeben, ist das fast wie ein neues Drama zu entwickeln. Wenn du dagegen einen linearen Rhythmus verwendest, dann ist das mehr die Idee eines Computer-Rhythmus: Entweder gibst du dem Sound ein humanistisches Feel oder du hast ein Computer-Feel.

Wenn Du aber Breakbeats benutzt, dannalso, für mich ist das fast immer so, als ob man den Arm von einer Person nimmt, ein Bein von einer nächsten, den Torso und den Kopf von wieder einer anderen, um einen Frankenstein zu bauen: Frankensteinbeats für ein Frankensteindrama!

Ich hab gesehen, dass demnächst ein Fabric-Mix von Dir erscheint: Hast Du schon dort gespielt?

Ja, ich spiele nächste Woche wieder dort. Fabric ist so ein großartiger Club  es gibt zurzeit zwei Clubs in London, die ich wirklich liebe: Fabric und Plastic People. Und der Hauptgrund, warum ich diese Gefühle für diese Clubs habe, ist der, dass die Soundsystems wirklich phänomenal sind, und die Art von Publikum, das sie anziehen, dass diese Clubs wirklich auf eine Idee, auf eine Partycrowd zugeschnitten sind, die sich für die Musik interessiert.

Hast Du Residencies irgendwo derzeit?

Weißt du, ich hatte eigentlich nie eine echte Residency, ich habWeißt du, meine Residency, das ist, wenn ich einmal alle drei Monate irgendwo auftauche(lacht) Okay, das bedeutet Residency für michoder alle sechs Monate, oder so, aber nichts Offizielles.

Wie siehst Du das starke Interesse an dieser Proto-House-Post-Disco-Ära, das man auf dem gegenwärtigen Dancefloor feststellen kann? Zumindest hier in Deutschland gibt es gewisse Kreise von Leuten, die sich wirklich für Sachen interessieren wie Italo, Cosmic-Disco oder Electro-Funk wie Newcleus und Egyptian Lover. Wie Deine Remixe von Telex, Alexander Robotnick oder S-Express belegen, bist Du auch mit dieser Periode gut vertraut

Nun, ich bin in der Zeit aufgewachsen, damals haben sich meine musikalischen Ideale zuerst entwickelt, nicht nur mit Kraftwerk, sondern natürlich auch mit Egyptian Lover, Newcleus, Capricorn, Alexander Robotnick, Doctors Cat, Klein & M.B.O. und all diesen Sachen, die damals rausgekommen sind. Ich hab auch immer gesagt, dass Hell der Sache damit mehr Zukunft gibt, er ist immer ein Bewahrer der klassisch elektronischen Musik gewesen.

Ich denke also, dass das sehr wichtig ist, es ist großartig, dass die Kids Electro-Musik machen wollen, aber ich denke, dass es noch besser ist, wenn man Electro hören kann, der darauf basiert, keine Ahnung zu haben, was Electro-Musik eigentlich ist: Wenn du dir etwa Newcleus anhörst und wie sie ihre Sounds bearbeitet haben, dann ist das wie im Traumzustand, das waren völlig neue Sounds, wie sie niemand je zuvor gehört hatte. Heutzutage dagegen ist Electro ein Sound, den wir bereits zur Genüge kennen.

Was mich genau zu meiner nächsten Frage bringt: Als Du angefangen hast Musik zu machen, war Techno etwas, das noch in der Erfindungsphase war, wozu Deine Arbeit ein grundlegender Beitrag war. Heute haben wir ein abgegrenztes Genre mit verbindlichen Regeln: Was antwortest du Leuten, die rumlaufen und behaupten, Techno sei tot?

Nun, ich denke, es gibt überhaupt keine Regeln, so ist die Welt einfach. Regeln sind dazu da die Leute festzulegen, sie unbeweglich zu machen: ist man darin eingesponnen, ist man gefangen wie in einer Box. Deshalb versuche ich alle Regeln aus dem Fenster zu werfen. Vielleicht klingen deshalb manche meiner Platten besser als andere, die ich mache: manche mögen letztlich schlecht klingen, manche gut, aber mir kommts auf die Idee darin an, und das war stets meine einzige Regel, und ist immer noch das einzige, was interessiert. (Pause) Die Idee, dass Techno tot ist, ich mein,(holt tief Luft) Das haben sie über HipHop auch gesagt vor zehn Jahren, und wie siehts heute damit aus?!

Klar, das wurde schon über alles Mögliche gesagt, das ist eine Art Spiel. Also siehst Du Techno nicht in der gleichen Lage, die Du für Electro weiter oben skizziert hast?

Nein, ich denke, das einzige Problem mit Techno ist, dass nicht genug Stimmen drin sind.

Es gibt in jedem Deiner Tracks, die ich bis heute gehört habe, etwas, das ich nicht anders zu bezeichnen weiß als mit spirituell. Es fühlt sich spirituell im Sinn von erhaben an, aber geht es um Religion? Ich meine, worauf gründet sich dieses spirituelle Moment, wenn nicht auf Glauben?

Man muss nicht religiös sein um spirituell zu fühlen. Es geht dabei hauptsächlich um die Emotion als solche: wie man sich fühlt, wenn man zur Türe rausgeht, wie man sich fühlt, wenn man ein neues Paar Schuhe bekommt, oder wie man sich fühlt, wenn man etwas über Vogelgrippe im TV sieht. Die Ideale, und den Idealismus, den man aus seiner eigenen Sittlichkeit, aus seiner eigenen Kultur beziehtIch denke, das Spiritualität auch bedeutet, Ideen von anderen zu entlehnen und sie sich zueigen zu machen. Genau so werden wir erwachsen, wir werden weise, indem wir neue Dinge herausfinden und so viel lernen wie wir können: Ich denke, das ist absolut notwendig.

Natürlich hab ich das Interview gelesen, das Du Kodwo Eshun neulich gegeben hast. Bezogen auf das, was da zu lesen war: Wie würdest Du denn die Verbindung zwischen Techno und Jazz beschreiben?

Als eine sehr starke Verbindung: die Leute, die Techno gemacht haben, haben immer versucht, Jazz zu verfremden, aber so wie ich den Ursprung von Techno erlebt habe, war das purDie Idee von Techno war, dassDie Leute, die die Musik gemacht haben, waren ziemlich genau denselben Ideen verpflichtet, hatten ziemlich genau denselben Background. Ich denke Techno hat mehr Bezug zum Jazz als HipHop.

Gibt es gegenwärtigen Jazz, den Du magst?

Keinen, den ich jetzt nennen kann.

Existiert das Innerzone Orchestra noch? Spielt Ihr noch Showcases, oder ist eine weitere Platte geplant?

Wir haben seit Jahren keine Dates gespielt, ich weiß nicht, wie die Zukunft von Innerzone aussehen wird. Die Idee von Innerzone ist mentale Musik, und ich hab immer noch meinen Kopf, also kommt es nicht darauf an, ob es sich um Darkness oder Just Another Day oder einen Max-Mix oder einen Caya-Mix oder was auch immer handelt, es hat immer diese Innerzone-Einflüsse.

In diesem Interview hast Du eine erstaunliche Parallele zwischen deutschem Minimalismus und Detroit-House-Artists wie Moodyman oder Theo Parrish gezogen: Verfolgst Du den Output von Labels wie Freude Am Tanzen, Musik Krause oder Philpot?

Wenn ich was Interessantes höre, dann bin ich natürlich daran interessiert. Leider bekommen wir hier in Detroit nicht jede Platte, die in Europa rauskommt. Es ist wirklich nicht so leicht, hier all diese deutschen Platten zu finden, klar gibt es ein paar Labels, von denen man einige Releases findet, wie zum Beispiel Kompakt.

Aber, um dir die Wahrheit zu sagen: Sonar Kollektiv zum Beispiel  ich hab hier noch nie eine Platte von denen in den Läden gesehen, die hab ich nur, weil sie mir welche geschickt haben. Aber wenn mich was interessiert, dann werde ich mir das anhören und ihm Zeit schenken, egal, ob aus Deutschland, Belgien, Holland, Frankreich, der Tschechischen Republik oder Japan, das macht für mich keinen Unterschied aus.

Ich hatte dort den Eindruck gewonnen, dass Du Dich auch für Design und Kunst interessierst, als von diesem Bertoia-Projekt die Rede war: Sammelst Du Design oder Kunst, und wenn ja, was gefällt Dir gegenwärtig?

Ich hab dem in letzter Zeit nicht ganz so viel Aufmerksamkeit geschenkt und bin gerade nicht so gut auf dem Laufenden, was die Szene angeht, meine Ex-Frau war da sehr engagiert, und ich glaube, sie ist auf einer Artschool jetzt, aber ich hab im letzten Jahr meine Aufmerksamkeit vor allem darauf konzentriert, mein Studio zusammenzubekommen. Wovon ich immer schon beeinflusst war, das waren die Eames-Sachen, Mies van der Rohe, und diese Bertoia-Geschichten. Wenn es sich um Bilder handelt, bin ich tief beeinflusst von Picasso und Dali, und  ich kann nicht wirklich sagen Rembrandt, aber(lacht)

Also eher die klassische Moderne?

Ja, die Moderne. Es gibt ein paar interessante Sachen, die da vorgehen, aber ich kann wirklich nicht sagen, dass es da irgendwas gibt, das mich umhaut. Ich bin bestimmt mehr von Warhol beeinflusst als von irgendetwas, das ich zuletzt gesehen hab.

Ebenfalls zu lesen war, dass Dein neues Studio der erste Raum ist, den Du Dir ausschließlich fürs Produzieren eingerichtet hast: Kannst Du uns einen Eindruck davon vermitteln?

Die Idee des Raums ist so, dass gemixt werden kann. Oder er kann als Raum zur Mix-Justage verwendet werden. Ich habe auch eine Kabine, die separat für Drums und Vocals genutzt werden kann, aber der eigentliche Kontrollraum ist so gestaltet, dass auch darin Musiker Patz finden und man den Raum ganz ausnutzen kann. Der Kontrollraum ist eigentlich ein Lagerraum, und beherbergt alles, was man zum Aufnehmen braucht, so was hatte ich noch nie. Mein Ideal vom Musikmachen war immer gewesen: Hinsetzen, Musik machen, gehen, alles abbauen, und dann gehen, und dann baust du woanders wieder auf. Es war fast so, also ob überall mein Schlafzimmer gewesen wäre. Aber das jetzt ist wie ein Heim zu bauen für das, was ich mache.

Muss doch sehr befriedigend sein…

Ja, es ist gut, es ist wirklich gut. Ich meine, es war ein langer Prozess, hat länger als ein Jahr gedauert, aber es ist gut geworden.

Nimmst Du an der Entwicklung teil, die auf Musikproduktion bezogene Software in den letzten Jahren vollzogen hat, oder bevorzugst Du analoges Equipment, wenns ums Produzieren geht?

Hm, ich versuche, das Beste von allem zusammenzumixen. Ich mein, natürlich hab ich noch Analog-Synthesizer und analoge Outboard-Geräte, aber ich hab auch Soft-Synths, und wenn ich auflege, verwende ich Final Scratch, also, ich bin völlig unterrichtet und mir ist total bewusst, was sich auf der Software-Seite abspielt, aber ich muss auch sagen, dass nichts so einfach ist wie ein Keyboard an einen Midi-Kanal anzuschließen und die gewünschten Noten mit der Hand am Arm zu spielen; im Vergleich dazu eine Software-Produktion: bei der ist zwar alles möglich, man muss aber vorher alles erst in den Sequenzer laden und all diese anderen Vorbereitungen treffen, und wenn es dann abstürzt, musst du das Back-up wieder hochfahren und von vorne anfangen. Das ist für mich bisher nicht so interessant gewesen. Vielleicht jetzt: mein Studio ist in einer Weise eingerichtet ist, die mir hoffentlich zugute kommt und es mir erlaubt, einen der Computer ausschließlich für die Software-Synthesizer zu verwenden, und dann werde ich sehen, ob das für mich wirklich funktioniert.

Du hast erwähnt, dass Du Final Scratch verwendest: Glaubst Du, dass wir immer noch Vinyl-Platten oder ähnliche Materialien auflegen werden in 10  15 Jahren?

Ich denke, dass Vinyl nie aussterben wird. Das muss es einfach geben, es ist so notwendig, dass es da ist. Mit Vinyl: wenn es verkratzt ist, kann es immer noch gut klingen  mit digitalen Medien ist es ein langer Weg, bis die Files klein genug sind für die Leute und dann immer noch gut genug klingen. Analog hört sich immer wesentlich ansprechender an als digital, und es steckt so viel digitale Technik in den Soundsystems heute, dass man Vinyl und CD unbedingt braucht, um einen guten Sound zu fahren, impulsiv sein zu können und über ausreichend Druck zu verfügen. Aus meiner Erfahrung heraus, wenn ich digital spiele: Digital ist ein großartiges Format, und ich verwende es gerne, denn wenn meine Platten auf dem Flug verloren gegangen sind, kann ich immer noch von Final Scratch spielen, aber wenn ich mit Vinyl auflegen kann, macht das die ganze Nacht definitiv viel angenehmer für mich.

Bist Du nichtsdestotrotz an Internet-Distribution interessiert?

Bin ich. Wir sind bisher nicht aktiv geworden dahingehend, aber ich bin gespannt zu sehen, wohin das führt.

Wie bist Du auf den Namen Planet E gekommen?

Ich hatte eine Dokumentation gesehen über den Weltraum und die erste Mondlandung, und ich glaube, die Musik war von Brian Eno, von einer der Music For Airports- oder Music For Films-Platten, und ich war fasziniert davon, wie die Astronauten eine Verbindung zwischen ihrer Raumfähre und der Erde herstellten, und so bin ich auf die Idee gekommen: Planet E Communications.

Außerdem war ich als Kind  ich hab mir als Kind schon die Labels so angesehen wie ich sie mir heutzutage ansehe, oder irgendjemand, der sich dafür interessiert, und es sah so aus, als ob eine Menge meiner damaligen Lieblingsplatten auf Warner oder einem Warner-Label erschienen waren, wie Funkadelic, Yazoo und Kraftwerk, das ganze Zeug war hier in Amerika auf einem Warner-Label rausgekommen, und sie hatten ein Sub-Label, oder vielleicht war es auch das Hauptlabel, jedenfalls hieß es Warner Communications.

Das hat mich auch neugierig gemacht: Also dachte ich sowohl an die Kommunikation zwischen der Erde und dem Weltraum als auch daran, dass der Gebrauch des Worts Communications das Projekt erweitern würde: So dass man mehrgleisig fahren könnte, nicht darauf festgelegt wäre, nur ein Plattenlabel zu sein, es könnte auch eine Filmgesellschaft oder irgendetwas anders sein. Du weißt schon: Mannigfaltigkeit.

Und was erwartet uns in der Zukunft von Planet E?

Wir arbeiten immer noch daran, das für uns selbst zu klären (lacht). Nein, im Ernst, ich versuche das so geheim zu halten wie möglich. Ich meine, dass die Leute wissen, dass ich ein Album mache, reicht doch als Ausblick darauf, was auf Planet E ansteht. Ich werde nicht anfangen zu verlautbaren: (mit angehobener Stimme) Okay, wir werden dies und jenes draußen haben, und das und das, unser ganzes Jahr wird der Hammer, weil, du weißt schon, ich denke, es ist viel besser und eine größere Überraschung, wenn Leute plötzlich ganz unerwartet über Musik stolpern, als nach etwas Ausschau halten, das vielleicht nie kommt.

Aktuell erschienen sind die Maxi Darkness / Angel und The Album Formerly Known As auf Planet E als 2xLP, auf Rush Hour als CD sowie die DJ-Mix-CD Fabric 25  Carl Craig.

Carl Craig Interview > Carl der Große
Von Harry Schmidt.
20.12.2005

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