Mit Body Language lieferten Walter Merziger und Arno Kammermeier in Kooperation mit M.A.N.D.Y. den Ibiza-Hit of the season 2005 ab. PARTYSAN unterhielt sich mit den Remixern von Oh Yeah! (Yello), die mit DJ T soeben die Maxi “Played Runner” veröffentlichten.

Ihr hattet vor Get Physical zehn Jahre eine Production-/Studio-Gesellschaft. Was war der Grund für die Gründung von Get Physical?

Walter: Wir alle wollten uns eine Plattform schaffen, auf der wir die Musik, die uns vorschwebte, veröffentlichen konnten.
Im jahr 2000 waren Walter und ich sehr unzufrieden mit der House- und Technoszene, wir hatten sogar seit 1998 fast gar keine Clubtracks produziert, da der Vibe, den Techno anfangs ausmachte, weg war. Es war keine Innovation mehr zu spüren, es klang alles gleich. Wir waren seit 1993 dabei – zu dieser zeit kam unser erster Track ´Una Musica Senza Ritmo´ von Degeneration auf dem belgischen Label R&S heraus – hatten für renommierte Labels wie Harthouse (als Synesthasia), Music Man oder Touché gearbeitet und waren lange Zeit begeistert von all den ungehört klingenden Platten, die jede Woche veröffentlicht wurden. Aber irgendwann gab es nur noch diesen uniformen ´Großraumtechno´ – das war nichts mehr für uns. Wir machten eine Zäsur. Erst im Jahr 2000 spielten Patrick Bodmer und Philipp Jung von M.A.N.D.Y. uns wieder Platten vor, die uns gefielen. Tracks von Metro Area und Chicken Lips z. B.
Kurz darauf trafen wir Thomas Koch (DJ T.), der ebenfalls vom Gedanken angetan war, ein Label zu gründen.

Ihr habt euch in kürzester Zeit zum Label of the year 2005 (DJ mag) empor gearbeitet, seid beim Publikum im Nu auf offene Ohren gestoßen. Ein Masterplan  oder hat es sich step by step ergeben?

Arno: Wenn das ein durchdachter Plan gewesen wäre, dann sollten wir als nächstes zügig planen, mit Cocktails in der Hand und Millionen auf dem Konto nur noch am Strand in der Südsee zu liegen! Nein, wir hätten natürlich niemals gedacht, daß unser süßes kleines Baby Get Physical schon in so jungen Jahren zu derart stattlicher Reife heranwachsen würde. Wir sind jedem, der dazu beigetragen hat, sehr dankbar, nicht zuletzt, weil wir alle bereits sehr lange in der Musik- und Clubszene tätig sind und wissen, wie viel harte Arbeit dahinter steckt. Walter und ich grinsen uns manchmal gegenseitig an und schütteln ungläubig mit dem Kopf, wenn wir auf der Bühne spielen und die Leute im Publikum richtig abgehen. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl, und sehr befriedigend.

2004 erschien euer recht erfolgreiches Debütalbum Memento, aber mit euerem zweiten Album Movements schlagt ihr massive Wellen. Wie kam die Steigerung zustande?

Arno: Es ist schön, daß du Movements als Steigerung siehst. Zum Glück war es für uns nicht das berühmte ´schwierige 2. Album´, sondern im Gegenteil hatten wir sehr viel Spaß dabei, neue Atmosphären auszuprobieren. Alles kam sehr natürlich. Wir haben uns nach langen Diskussionen sogar getraut, in Papermoon eine Jazzgitarre einzusetzen. Die beiden ´Hits´ Mandarine Girl und Body Language befinden sich in neuen Versionen auf dem Album, nicht zuletzt, um sie für uns selber interessant zu halten.
Was meiner Meinung nach auch ein wichtiger Faktor ist, ist die Tatsache, daß wir durch die vielen Live-Gigs in Europa im letzten Jahr gut auf uns aufmerksam machen konnten.
Und vor wenigen Monaten sind wir von einer ersten kurzen USA-Tour zurückgekehrt. Wir waren offen gestanden verwundert, wie gut die Resonanzen waren. Wir dachten immer, dort könnte man mit elektronischer Clubmusik keinen Blumentopf gewinnen, aber weit gefehlt ! Da wir jetzt einen Vertrieb für unsere Platten in den USA haben, werden wir im Herbst erneut rüber fliegen und Konzerte geben, dann mit mehr Dates.

Hättet ihr damit gerechnet, dass Body Language zum Ibiza-Track of the season 2005 werden würde?

Walter: Du kannst Hits niemals planen. Ich amüsiere mich immer wieder dabei, wenn ich erzähle, wie Body Language tatsächlich entstanden ist: M.A.N.D.Y. hatten eine Compilation zusammengestellt (Body Language Vol. 1) und waren mitten in deren Mix, als wir dachten, daß es eine gute Idee sei, noch einen bisher unveröffentlichten Track zu präsentieren. Daher gingen wir mit Patrick und Philipp ins Studio und in Nullokommanix war der Track fertig. Wir wollten ihn zunächst eigentlich sogar gar nicht auf 12″ rausbringen.
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von ´Body Language im Frühjahr 2005 war der Sound der Platte so anders als alles, was gespielt wurde, daß es eine ganze Weile dauerte, bis Leute darauf aufmerksam wurden. Der Track war weit davon entfernt, sofort ´einzuschlagen´, aber mit jeder Woche kam mehr und mehr gutes Feedback. bis heute. Der Titel wurde in viele Länder verlizensiert, u.a. nach UK, USA, Italien und Spanien. Ich freue mich immer besonders, wenn die Leute im club die Bassline tatsächlich MITSINGEN !


Eure Songs sind Sleepers, die sich nach Monaten schleichend zu Club-Hits entwickeln. Auf dem Album hat` s ne ganze Menge davon. Wie schafft ihr es, nicht plakativ auf den Moment zu produzieren, sondern mit langfristiger Wirkung?

Arno: Es könnte ein Trademark aller Produktionen sein, die wir auf Get Physical veröffentlichen, daß sie nicht holzhammermäßig draufhauen, sondern dem Tänzer/Zuhörer Zeit und Platz lassen, Details in der musik zu entdecken.
Wir mögen brachiale Songs einfach nicht so. Selbst ein recht energetischer Track wie Darko vom Movements-Album hält sich zurück. Dazu kommt, daß wir gerne Tracks machen wollen, die man sich auch noch in zwei Jahren anhören kann.

Ihr habt stets catchy Melodien: eine Quintessenz eures Pop-Backgrounds?

Walter: Wir haben in der Tat ein breites musikalisches Verständnis. Das kann mit Sicherheit helfen, allerdings kann man sich auch prima selbst im Weg stehen. Es kann dazu führen, stilistische Scheukappen zu tragen oder zu denken, man könnte diese oder jene Harmonie oder Stimmung nicht kombinieren. Nachdem wir viele Jahre lang schon fast so etwas wie Komplexe hatten, weil andere Leute viel gradliniger ihren Weg verfolgten, während wir Clubmusik, Popmusik, Orchesteraufnahmen etc. produzierten, sehen wir das mittlerweile als unsere Stärke an. Wir wären einfach nicht da, wo wir jetzt sind, wenn alles vorher nicht passiert wäre.
Und eines möchte ich niemals missen: es ist ein ganz besonderes Gefühl, wenn von dir geschriebene Musik von einem Orchester gespielt wird. Da können einem schon mal die Tränen kommen.Ich habe kürzlich ein Interview eines DJs  James Holden – gelesen, der sagte: “mir sind Leute suspekt, die den ganzen tag nur Clubmusik hören”. Ich kann mich dem nur anschließen.

Eure Melodien sind oft melancholisch und getragen  ähnlich wie letztes Jahr auch Gazebo (Fairmont) auf Border Community. Wie kamt ihr auf diesen melancholischen Touch?

Arno: Wir lieben ´positive Melancholie´ in der Musik, das war schon immer so. Auch zu der Zeit, als wir Popmusik geschrieben haben, klangen diese Atmosphären oft durch. Wahrscheinlich hat sich die Vorliebe in unsere Ohren gesetzt, als wir früher Bands wie Tears For Fears oder The Smiths gehört haben. Happy catchy hits nutzen sich zu schnell ab.

Ihr arbeitet bewußt ohne Vocals. Was war der Entscheid, voll instrumental zu fahren?

Arno: Beim Debutalbum Memento hat Chelonis R. Jones, ein Artistkollege auf Get Physical, den wir auch produzieren, einen Song gesungen. auf dem neuen Album haben wir uns bewusst gegen Gastsänger – so genannte ´featured artists´- ausgesprochen, da uns klar war, daß wir dieses Jahr sehr viel touren und live spielen würden. Wie willst du die Tracks aber live rüberbringen, wenn du 3 oder 4 unterschiedliche Gastvocalists hast? Daher sind die vereinzelten Vocoderlinien, die auf dem Album zu hören sind, von uns selbst. Diese featured artist -Geschichten sind mittlerweile auch sehr inflationär und wirken meist nach Marketinggesichtspunkten ausgewählt. Wenn sich irgendwann auf natürlichem Wege eine Kooperation mit einem anderen Künstler ergeben sollte, werden wir nicht nein sagen. Bis dahin verlassen wir uns erstmal auf unsere eigenen Talente.

Hide and Seek In Geisha´s Garden ist asiatisch beeinflußt,  Pong Pang heißt ein Kinderfangspiel in Thailand. Was bedeute für euch asiatische Musik?

Walter: Asiatische Musik strahlt oft eine geradezu unschuldige und kindliche Unbekümmertheit aus, was uns gut gefällt. Dem wollten wir mit dem Titel Pong Pang Tribut zollen. Hide and Seek In Geisha´s Garden ist mystischer, der Trackname drückt ganz passend das Bild aus, das wir beim Komponieren vor augen hatten.

Wie groß ist für euch der Einfluß der 80er Jahre?

Walter: Die Roots von Booka Shade liegen schon ganz klar in den frühen 80ern, britische bands wie Tears For Fears, Human League, Soft Cell oder Depeche Mode haben uns stark beeinflusst. Wir denken aber nicht, daß unser Sound deswegen ´retro eighties´ ist, sondern im Gegenteil nach vorne gerichtet. Der (Italo)-Disco und Funk-Einfluß auf dem Label rührt hauptsächlich von DJ T.´s Jugend als Breakdancer.

War Mandarine Girl euer grandiosester Song – eine Referenz an eine Besucherin des Omen?

Walter: Die Fragestellung legt nahe, daß du die – absolut wahre – Geschichte bereits kennst. Ja, der Titel beruht auf einer Nacht im Omen ca. 1994, als wir tanzten und plötzlich wie aus dem Nichts ein Mädchen vor uns stand, das uns etwas in den Mund steckte – Stückchen frische Mandarine ! Es waren sehr euphorische, ekstatische Zeiten. Diese Euphorie wollten wir in einem Track festhalten, und als es zur Frage nach dem Titel des Tracks kam, fiel uns die Anekdote wieder ein.

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