At Mr. Minimals House: Troy Pierce

Irgendwo am Prenzlauerberg läutet eine Klingel. „Level five“ meint jemand über die Sprechanlage, nachdem ich sage, dass ich wegen des Interviews hier bin. Ich stütze meine Hand auf die Tür und warte.

Dort wo ich hin will, erwartet mich das Heimstudio des Künstlers, der Minimal erst richtig in (die) Szene setzte. Auf der Klingel steht Pierce.

Der Türöffner surrt. Ich gehe die Treppen des Vorderhauses hoch und dort hinein, wo ich Troy ein bisschen über die Schulter sehen darf. In seiner Dachwohnung, zwischen Moog Synthie und Allen&Heath Mixer sitzend, erzählt der M_nus-Act so einiges über „Gone Astray“ und andere Erfahrungen, die keinen herkömmlichen Weg nehmen.

 

Troy, Du hast deine neue EP „Gone Astray“ seit einiger Zeit im Laden. Viele Tracks sind sehr tanzbar und cluborientiert, andere aber auch pure Klangerfahrung für zu Hause. Was wolltest Du der Szene ins Ohr setzen?

Genau das! Ich mache lieber einen außergewöhnlichen und verrückten Sound. Crazy Sachen haben mich immer am meisten beeindruckt, wenn ich sie auflegte. Nicht jeder Track muss der große Clubhit sein. Früher, als ich Platten kaufte – ich mache es ja noch immer – haben mich eher die richtig abgefahrenen Sachen angezogen. Ich fragte mich: Wer macht so einen verrückten Sound? Und ich fragte mich das gerade eben, weil der Sound so verrückt war. Ich erinnere mich: Rich hatte solche Sachen immer gespielt, so gegen Ende der Party. Diese abgedrehten Ideen und Sounds, die man da hörte, waren so weit entfernt von dem, was man damals aus der „normalen“ Clubszene kannte.

Und diese Dinger sind mir immer am meisten aufgefallen. Man kann sagen, dass diese Art von Sound immer das Grundgerüst für meine Produktionen war. Auch wenn ich tanzbare Stücke mache, gibt es dieses verrückte Element in ihnen. Glücklicherweise erhielt ich durch „Gone Astray“ die Möglichkeit, solche abgefahrene Sachen zu machen und mehr Tracks dieser Art rauszubringen. Ich fange selten mit einem echten Konzept an – das Konzept entsteht erst gegen Ende. Es ist nicht so, dass ich mich hinsetze und sage: „Ich mache jetzt acht abgefahrene und zwei tanzbare Songs.” Meist sehe ich erst am Schluss: Ich habe hier wirklich einige abgefahrene Tracks, die von mehreren Tanzbaren zusammen gehalten werden. So sieht für mich eine Platte aus, die ich gerne release.

Du hattest also nie vor, kommerzielle Songs zu machen?

Ich will coolen Stuff machen. Das muss mir gefallen. Das kann sowohl ein cooler Partytrack als auch etwas total Verrücktes sein, dass man sich nur zu Hause anhören kann. Zu aller erst will ich Stuff machen, den ich cool finde und hoffe dann, dass es die Leute auch so sehen. Aber ich setze mich nie hin und sage: „Jetzt produziere ich einen Hit!“ Ich muss es cool finden und vielleicht finde ich ja big Partytracks nicht cool. Wer weiß?

Mit welcher Produktionsweise bist Du an dein neues Werk herangegangen – also rein künstlerisch? Auf was hast Du Wert gelegt?

Die Ideen für alle diese Sachen entstanden meistens außerhalb des Studios. In letzter Zeit bin ich ziemlich viel gereist. Vom Hotelzimmer ins Flugzeug, zwei Stunden Verspätung in Barcelona – da hat man die Gelegenheit, an Zeug zu arbeiten, mit dem man im Studio begonnen hat. Da ich ja dadurch öfter mit Kopfhörern arbeite, gehen meine Sounds alle etwas tiefer und wurden dadurch auch etwas abgefahrener. Alle anderen Platten, die ich bisher gemacht habe, wurden im Studio angefangen und fertig gemacht. Dies war die erste Scheibe mit Tracks, die zum Beispiel in einem Hotelzimmer begonnen und schließlich hier fertig gemacht wurden. Wenn ich nur hier produziert hätte, wären die Ideen so gar nicht zustande gekommen. Da kreieren fünf Stunden Warten am Flughafen schon eher eine Atmosphäre für verrückte Sachen.

Hast Du immer Equipment dabei?

Immer! Meinen Laptop habe ich echt immer dabei. Meistens nehme ich hier lange Loops oder verrückte Percussions oder was auch immer auf und schleppe es die ganze Zeit mit mir auf den Harddrives herum. So habe ich immer Sound. Das habe ich vor fünf Jahren gelernt: Ich nehme immer alles auf. Wenn es scheiße ist, schmeiße ich es weg, aber eigentlich findet man darunter immer gutes Zeug. Also nehme ich es auf…

Hast Du das Album strikt digital produziert? Oder gab es da auch analoge Abenteuer?

Ich denke, fünfzig fünfzig. Als ich anfing Musik zu machen, habe ich nur mit dem Computer gearbeitet. Ich wohnte in New York und keiner meiner Freunde produzierte. In meinem Umfeld kannte man keine Synths oder Drummachines. Ich hatte nur einen Computer und beschissene Lautsprecher zu Hause. Ich kam allerdings immer mehr hinein in die analoge Welt und entwickelte ein Gehör für diese Sounds.

Mein Freund Marc Houle zum Beispiel benutzt fast ausschließlich analoges Equipment. Er findet diesen Sound einfach viel besser. Ich hörte da lange Zeit gar keinen Unterschied heraus. Eines Tages jedoch hörte ich plötzlich die Sounds von einem Evolver-Synthie mit total anderen Ohren. Seit diesem Zeitpunkt mache ich mehr analoge Sachen. Ich bemerkte eben irgendwann, dass es da einen Unterschied gibt. (Troy zeigt auf einen seiner Synthesizer in seinem Studio) Der Sound von diesem 101 hier zum Beispiel ist so viel anders, als der Sound von einem Plug-In. Ob besser oder schlechter, muss jeder selbst wissen, aber es gibt auf jeden Fall diesen Unterschied. Je besser die Monitor-Boxen sind, desto eher hört man das. Vorher wusste ich das nicht. Ja. Ich produziere also halb halb. Halb analog, halb digital.

Denkst Du, dass es „echter“ ist, analog zu produzieren?

Ich denke, es ist einfach nur eine andere Art zu arbeiten. Ich kann mit einem analogen Synthie im Prinzip dasselbe machen, wie mit Plug-Ins. Es geht eigentlich nur darum, was einem besser liegt. Ich mag es, wie sich die Tasten eines Analog-Synthesizers anfühlen und anhören, aber manche Leute kommen eben an solches Equipment nicht heran. Diese können dann eben Plug-Ins verwenden und erreichen dasselbe Ergebnis. Im Grunde ist sich eigentlich beides ziemlich ähnlich.

Mit welchen Devices hast Du gearbeitet?

Für das Album? (Troy blickt sich in seinem Studio um) Mit allem was du hier siehst! Die Drums habe ich hauptsächlich mit dieser Vermona Drummachine gemacht. Die meisten Bässe kommen vom 101 oder vom Moog. Und die Synths habe ich vorwiegend mit dem Evolver entwickelt. Manche Tracks kommen sogar ausschließlich aus dem Evolver. Er ist jedoch sehr kompliziert. Es sind zwei digitale und zwei analoge Oszillatoren. Die Sounds sind sehr cool. Man kann abgefahrene Sachen damit machen. Also viele meiner abgefahrenen Tracks kommen aus dem Evolver.

Wie würdest Du „Gone Astray“ selbst beschreiben? Als Album, das…

Ein Album, das… (Troy grübelt) Ich habe es mir neulich im Flugzeug erst wieder angehört – eigentlich wenn ich ein Album mal fertig stelle, höre ich mir das Ganze nach dem Mastern meistens gar nicht mehr an, was ich jedoch bei „Gone Astray“ dann doch getan habe – und wenn ich es nicht gemacht hätte und ich würde es irgendwann mal nach längerer Zeit wieder anhören, wäre ich sicherlich überrascht und interessiert, weil es so anders und komplex ist und auch etwas kopflastig und abgespaced. Really weird! Also einfach keine Allerweltsplatte. Das hoffe ich zumindest.

Welcher deiner Tracks auf „Gone Astray“ gefällt Dir persönlich am besten?

Ich mag verschiedene Tracks zu verschiedenen Zeiten aus verschiedenen Gründen. Der „Golden“ Track, der zum Beispiel komplett aus dem Evolver stammt, klingt über normale Computerlautsprecher wie ein langweiliger Oldschool Acid-Track. Das klingt nach nichts. Wenn man ihn jedoch über Kopfhörer oder eine gute Anlage im Club hört, kommen die Acid-Sounds im Stereobild erst richtig rüber. Die Acid-Line kommt mal links mal rechts. Es ist zwar der gleiche Rhythmus, doch es passieren die ganze Zeit total verschiedene Dinge. Wenn ich dann in Reviews lese, das sei ein langweiliger Oldschool Track, denke ich mir: Hört ihr richtig zu? Man kann doch nicht behaupten, dass das ein langweiliger Track ist. Ich mag ihn gerade deswegen, weil er so detailliert und abwechslungsreich ist.

Den „Finished“ Track mag ich auch sehr gerne, weil er ziemlich crazy und verrückt ist. Er ist sehr abgefahren und das gefällt mir. Als ich ihn fertig hatte, sagte ich zu Rich: „Hör dir den mal an, den wirst du wirklich mögen”. Am nächsten Tag schickte er mir eine Mail, und fragte, warum manche Sounds so laut sind. Er sagte nichts über den Song sondern nur, dass die Sounds nicht passen. Ich dachte mir: „Scheiße, er hasst mich – er findet ihn schlecht!“ Aber ich selber war super zufrieden damit. Es stellte sich dann heraus, dass Rich den Track genauso mochte. Es war nur dieser eine Sound, der ihn störte. Es war eine lustige Sache, weil ich so begeistert von dem Song war und ihm nur dieser eine Sound auffiel. Ja. Das sind meine beiden Favoriten: „Golden“ und „Finished“.

And can you tell us why „Konrad Black Gets Lost On The Way To DC 10“?

(Troy grinst) Konrad verirrt sich oft an verschiedenen Orten. Und das war eben der Titel für seinen Remix. Wir haben das dann einfach so gelassen. Anstelle von sowas wie „DC10-Remix“ haben wir diesen Titel gewählt. Ich denke, das passt besser in das deepe und verrückte Gesamtkonzept der EP.

Ist das jetzt eine wahre Geschichte? Also, dass er sich verirrt hat?

Er verirrt sich die ganze Zeit. Zwar nicht genau zu diesem Zeitpunkt damals, aber eigentlich ist er immer irgendwo anders und geht verloren.

Wie denkst Du wird die Szene auf deine EP reagieren? Wird das wie immer die typische Troy-Pierce-Minimal-Euphorie hervorrufen?

Ich denke nicht. Irgendwie ist das auch komisch. Es ist ja nicht so, dass ich pumpende Dancefloor-Songs mache, sondern eher kopflastige Tracks zum Anhören. Ich finde das cool und anfangs waren ja alle M_nus-Record-Songs so. Sie haben ja erst neuerdings den Ruf, große Techno-Hits zu sein. In den Anfängen von M_nus, als nur Rich daran gearbeitet hat, war es ja eher reine Listening-Music. Ich denke, viele Leute haben das schon vergessen. „Gone Astray“ ist auch keine Gaiser oder Heartthrob Platte, sie ist eher abgefahren. Und die Reaktion darauf kenne ich eigentlich gar nicht.

Was übermittelst Du dem Hörer? Das Ganze ist ja ziemlich psychedelisch und düster – jedoch auch sehr tanzbar mit einer wahnsinnigen, minimalen Energie. Hattest Du auch direkt vor einer bestimmten Klangpsychologie nachzukommen?

Nein. Ich denke, es ist zum jetzigen Zeitpunkt einfach meine Lösung für Musik. Es ist ganz einfach eine Auswahl von zehn Tracks aus den zwanzig, die ich produziert habe, die die Stimmung eines Moments authentisch genug einfingen. Und das war eben dann eher kopflastiges und trippiges Zeug.

Ich finde, Du bist mit dieser EP eine ganz gewisse Art von innovativen Klangexperimenten eingegangen, die beim Zuhörer rein psychologisch eine Interaktion zwischen ihm und den Tönen entstehen lassen. Man denkt die Töne mit, wenn man bemerkt, wie sie aus der Reihe fallen. Zum Beispiel ist das Delay mancher deiner Synthies ganz und gar nicht im Takt oder gerade dann, wenn man sich eben an die Methode eines Geräusches – also wann und wie es auftaucht – gewöhnt hat, ändert sich das schlagartig. Ich finde, das ist eine sehr psycho- und interaktive Klangerfahrung: Intelligenter Techno?

Intelligenter Techno? Ich weiß nicht… Ich denke, du meinst den „Finished“ Track. Das ist einfach diese Art von Track, die ich schon machen wollte, als ich mir damals die ersten Platten gekauft und angehört habe. So sollte meine Musik auch klingen: Abgefahren! Zum Beispiel erscheint ein Sound nur einmal und man wartet den ganzen Track darauf, dass er wieder kommt – aber es passiert nicht. Oder der Delay ist so offbeat, dass er sich jedes Mal, wenn man sich daran gewöhnt hat, wieder verändert. Und wenn er dann wieder im Takt ist, klingt er in deinem Kopf immer noch offbeat. Das sind diese verrückten Dinge, die ich immer machen wollte.

Du hast ja schon öfter den Ton angegeben, wenn es um Produktionen ging, die die Szene verändert und alle dann nachgemacht haben. Glaubst Du, dass jetzt bald viele diese Offbeat-Synthies nachahmen?

Ich hoffe es. Vielleicht! Eigentlich glaube ich schon. Aber die Sache ist, dass gerade die Dinge, die von Leuten kopiert werden, große Reaktionen hervorrufen – welche auch immer. Plötzlich will es jeder nachmachen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob wirklich so viele heiß auf ein verrücktes Delay sind. Ich weiß nicht, ob das der Masse gefällt.

Kommt jetzt vielleicht sozusagen bald wieder ein Umschwung in der Minimalszene? Synthies mit abstrakter Metrik, akkurat nur zu sich selbst?

Keine Ahnung. Wir werden es sehen.

(Es klingelt an der Tür)

Musst Du zur Tür? Also wir können ja eine kurze Pause machen?
(Troy denkt nicht mal daran aufzumachen)

Ach! Wenn jemand etwas von mir will, soll er anrufen!

Okay… Also mach ich mal weiter. Ehm… Du machst ja unter deinem Pseudonym Louderbach sehr viele Remixes. Wer genau und was ist Louderbach?

Ja, das bin ich. Eigentlich ich und Gibby Miller, er macht die Vokals. Ja. Louderbach sind Gibby und ich. Es ist aber auch ein anderer Sound. Ich habe zum Beispiel einen Remix für Cybotron gemacht. Einen als Troy, einen als Louderbach mit Gibby, der eben die Vocals dazu sang. Wir haben hier einen ganz anderen Style. Wir machen die Musik ja zusammen und sprechen uns da ab, was alles reinkommt. Zwei Seiten also. Dadurch entsteht ein anderer Sound. Viel tiefer.

Wie bist Du eigentlich auf den Namen Louderbach gekommen?

Der Name kommt von… (Troy lacht) Ehm… Also wenn ich dir die Wahrheit sage, bist du bestimmt enttäuscht. Das ist der Name eines Wettersprechers in Phoenix, Arizona: Ken Louderbach. Von dem stammt der Name (Troy lacht). Ja. Tatsächlich ist da überhaupt kein tieferer Sinn oder eine Bedeutung dahinter. Ich brauchte einfach einen Namen. Und dann war der im Wetterprogramm zu sehen, als ich in Phoenix war. Tja. Save as Ken Louderbach.

Deine Sounderziehung hast Du im Detroit der späten 80er genossen. Du bist damals von zu Hause, einer Kleinstadt in Indiana, immer wieder den Katzensprung nach Detroit, um dort auszugehen: Jeff Mills, Robert Hood und der damals noch sehr junge Richie Hawtin haben dich quasi vor Ort in den Clubs musikalisch geprägt. Welche zusätzlichen Impressionen von Detroit haben dich zu dem gemacht, was Du heute produzierst?

Da ich nicht in Detroit gewohnt habe, hatte ich keinen wirklich tiefen Kontakt zu der dortigen Szene. Es war eher so, dass wir mit ein paar Leuten nach Detroit gefahren sind, weil Jeff oder Richard oder wer auch immer dort aufgelegt haben. Es war nicht so, dass ich alle Facetten von dem mitgekriegt habe, was sie so gemacht haben. Ich bekam zu dieser Zeit einfach nicht wirklich alles mit, weil ich nicht so richtig mit drin steckte.

Du kollaborierst seit jeher sehr viel mit Magda. Wo habt ihr euch eigentlich kennen gelernt? Sie kommt ja auch aus Detroit.

Wir haben uns durch Rich’s Exfreundin kennen gelernt. Es war in Detroit, auf einer der ersten DMF-Partys. Ich glaube, es war die zweite überhaupt.

Du bist Mitte der 90er nach New York, um Fotografie zu studieren. Dort hast Du dir noch im gleichen Jahr deine ersten Plattenspieler gekauft. Wie kam es dazu? Gab es da eine gewisse Person oder eine Begebenheit, der wir das zu verdanken haben?

Ich war total gelangweilt. Als ich nach New York gezogen bin, war ich ganz alleine. Alle meine Freunde sind in Detroit oder Indiana geblieben. Ich wollte damals Fotografie studieren. In New York fand ich dann schnell gute Plattenläden mit exzellentem Stuff. Also habe ich mir einfach Turntables zusammen mit richtig schlechten Lautsprechern gekauft und einfach für mich selbst aufgelegt.

Und was war damals dann der Grund aktiv als DJ in die Techno-Szene einzutauchen?

Ich denke, das ist ein ganz natürlicher Prozess. Man geht auf eine Party, man hört die Musik, man mag sie, man lernt die Leute dort kennen, die Produzenten, die DJs. Du kaufst dir selber die Platten. Wenn du sie dir kaufst, willst du sie auch auflegen. Und dann willst du natürlich auch, dass andere Leute das hören, was du auflegst.

Wie bist Du in der New Yorker Szene als Minimal-DJ und Produzent so vorangekommen?

Hm… zu dieser Zeit mit minimalem Stuff in New York? Ich denke, es war allen relativ egal. Wir steckten da so drin, machten kleine Partys in Bars, wo vielleicht 100 Leute kamen. Man machte vielleicht 20 Dollar am Abend, was nicht mal für das Taxi zurück nach Brooklyn reichte. Es war eine wirklich entmutigende Zeit für mich. Ich hätte damals, es war 2000, niemals gedacht, geglaubt, dass ich das heute noch mache. Wenn mich jemand gefragt hätte, hätte ich geantwortet: Auf keinen Fall!

Damals hat diese Musik einfach niemanden interessiert. Heute spiele ich fast dasselbe wie damals. Natürlich gibt es Unterschiede, aber es ist nicht so, dass ich damals superharten Techno gespielt habe und jetzt genau das Gegenteil mache. Es war schon immer so. Die Partys damals haben zwar Spaß gemacht, aber sie haben einem nie den Lebensunterhalt verdient. Durch so was lernt man. In Amerika ist es schon besonders hart. Gerade von den Großstädten wie New York denken viele Leute: Wow, das ist der coolste Platz für alles, was man macht. Doch es ist nicht immer so. Die Leute sind meistens damit beschäftigt, 10 andere Sachen zu machen und konzentrieren sich dabei nicht auf die kleinen Dinge, die auch cool sind.

Wie war die Techno-Szene dort eigentlich früher? Wie ist sie jetzt?

In New York? Ich denke in New York ist es nun viel besser, denn die Leute haben es mittlerweile auf die Reihe gekriegt. Es passieren gute Dinge dort. Ich ziehe es zwar immer noch vor in Berlin zu leben, aber es ist schon okay dort. Leute wie Tim Xavier oder Camea gehörten zu dem kleinen Kreis, in dem coole Sachen entstanden und trotzdem mehr als 10 Leute sich angesprochen fühlten. Doch nun sind sie weg.

Hast du noch Kontakt nach New York?

Ich habe Freunde da. Und ich habe dort auch eine Freundin. Immer wenn ich dorthin komme, kann ich fühlen, was man als die Energie einer Stadt bezeichnet. Wenn meine Freundin allerdings von Berlin dorthin zurück kommt, spürt sie nur den Stress und die Schwere des Alltags, wie Miete zahlen oder alle diese Dinge, die ein Großstadtleben mit sich zieht. Es ist schon ein harter Ort und ich brauchte ca. drei Monate, um mich dort wohl zu fühlen, als ich die Straße entlang ging.

Da waren Müll, Obdachlose, die stinkende U-Bahn, diese Reizüberflutung – man gewöhnt sich jedoch daran. Wenn ich jedoch jetzt, wo ich an saubere Straßen und Baumreihen gewohnt bin, dahin zurückkehre, fallen einem all diese Sachen auf, die man vorher nicht beachtet hat. Es ist schon stressig dort und ich verstehe, warum Menschen dort nicht wohnen wollen. Vorher konnte ich mir nie vorstellen, wieso jemand nicht in New York leben möchte. Meiner Mom war es immer zu verrückt dort, wenn sie mich besucht hat und erst jetzt bemerke auch ich diesen Wahnsinn.

Wo hast Du in New York gewohnt?

In Brooklyn.

Warum bist Du eigentlich dann 2002 von New York nach Berlin? Welchen Grund gab es hier her zu ziehen? Hat Dich da die Stadt so inspiriert?

Es gab viele Gründe, warum ich hergezogen bin. Ich hatte keinen Vollzeitjob, ich hatte zwar eine nette Wohnung, aber es war schon hart, Geld für die Miete aufzubringen. Ich hatte keine Beziehung dort. Ich hatte eigentlich nichts, was mich dort gehalten hat. Und dann sagten Rich und Marc, die mittlerweile schon dort wohnten: Zieh doch nach Berlin. Ich hatte schon einiges davon gesehen und fand es richtig cool. Und dann machten wir die Platte „Run Stop Restore“, die im April rauskommen sollte. Also habe ich mir im Januar gedacht, warum sitze ich hier in New York und zahle 1500 $ Miete für dieses tolle Appartement. Ich war zehn Jahre dort, New York ist der Wahnsinn. Aber auch das wird irgendwann langweilig. Ich brauchte also Veränderung und Berlin schien gut. Schließlich kam hier die Platte raus. Das brachte mich dazu, hier her zu ziehen, um etwas auf die Beine zu stellen.

In welchem Stadtteil von Berlin wohnst Du? Also wenn ich das unsere Sympartysanten wissen lassen darf?

Prenzlauer Berg.

Und? Einen Lieblingsclub in Berlin?

Hm… da gibt es ein Unentschieden. Ich mag das Weekend und das Watergate. Wir haben einmal eine Party im Weekend gemacht und sie war wirklich ziemlich geil. Wir hatten eine gute Zeit. Doch auch im Watergate hatten wir viele gute Partys. Ich mag beide Clubs sehr.

Gibt es einen speziellen Ort in Berlin, wo Du zusammen mit den anderen M_nus-Acts immer hin gehst? Zum Beispiel in ein Café oder Park.

Nein. Wenn ich nicht gerade im Studio bin, bin ich trotzdem hier. Ich gehe wirklich sehr, sehr selten hinaus. Das klingt vielleicht etwas enttäuschend, aber wenn ich etwas mache, muss ich mich die ganze Zeit darauf konzentrieren. Das ist dann das einzige, was mich beschäftigt. Nur dadurch kann ich die Musik machen, die ich im Moment mache. In New York wurde ich durch so viele andere Dinge abgelenkt und habe alles nur halbherzig erledigt. Hier kann ich jegliche Ablenkung eliminieren und nur hier sitzen und Knöpfe drücken.

Dadurch habe ich auch viel gelernt. In New York hatte ich ein paar Freunde, die zur selben Zeit wie ich begonnen haben, Musik zu machen. Sie mussten jedoch in New York bleiben, einem Job nachgehen und haben nicht wie ich billiges Essen, erschwingliche Mieten oder können ihre Energie für die Musik verwenden. Ich habe das Glück. Ich denke sogar, dass diese Leute talentierter sind als ich. Doch leider haben nicht alle den Luxus, sieben Tage die Woche ungestört an ihrer Musik arbeiten zu können. Ich kann das glücklicherweise.

Haben die Berliner M_nus-Acts keine tiefere Beziehung zueinander? Eventuell Du und Magda? Oder Du und Marc Houle?

Doch, natürlich. Aber eigentlich hängen wir mehr zusammen ab, wenn wir unterwegs sind. Letztes Wochenende waren wir zum Beispiel in Rumänien. Nachts haben wir aufgelegt und am nächsten Tag haben wir nur im Hotelzimmer gechillt, Pizza gegessen und dumme Filme angesehen. So würde es hier wahrscheinlich immer abgehen, wenn wir Drei nicht immer so beschäftigt mit Studiosachen wären. Dann hätten wir eine „richtige“ Freundschaft.

Ich habe ja vor kurzer Zeit auch ein Interview mit Matthew Dear gemacht und der hat mir erzählt, dass ihr beide bei dir zu Hause eine ziemlich geile Studio-Session hattet.

Wenn wir zusammen arbeiten, albern wir immer nur herum. Wir haben damals einfach nur so rumgespielt und irgendwelchen zufälligen Bullshit gemacht. Ich hoffe, wir kommen mal eines Tages dazu, diesen Shit fertig zu stellen. Das sind zwei Tracks, die wir zusammen gemacht haben. Es ist aber immer hart, mit ihm zusammen zu kommen, weil er so viele Sachen zu tun hat. Wenn er mal hier ist, dann höchstens für eine Stunde oder mal einen halben Tag. Aber wir arbeiten daran.

Matt singt ja auch als Matthew Dear, nicht wahr?

Oh ja, er singt wie ein totaler Freak. Wir haben da einen Effekt drüber gelegt. Es klingt, als ob wir beide singen würden, aber es ist nur er. Wahrscheinlich ist das unser Raisingtrack.

Hast Du so was öfter? Spontane Sessions?

Es ist nicht so, dass ich nicht will, aber wenn ich hier arbeite, gehe ich meistens nicht an die Tür, wenn es läutet.

Interview by Leon Mabu

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