Die Frankfurter Techno-Veteranen Roman Flügel und Jörn Elling Wuttke denken gar nicht daran, auf ihrem neuen Album „Why Not?!“ von der Bremse zu gehen oder den Quietschsynthesizer abzustellen.

Wie schafft ihr es, seit über 15 Jahren vorne zu bleiben und Tracks zu produzieren, die auch nach Jahren bei den DJs immer noch für eine volle Tanzfläche sorgen?
Wahrscheinlich weil es uns nicht darum geht für volle Tanzflächen zu sorgen. Es macht einfach wieder riesigen Spaß in den schönsten Clubs dieser Welt feierliche Atmosphäre zu erzeugen.

Was war der Grund, von Anfang an independent zu bleiben? Wie ist es für euch, sowohl das Klang Elektronik Label zu betreiben als auch Artist darauf zu sein?
Unabhängigkeit ist der grösste Luxus den man als Künstler im Endzeitkapitalismus haben kann. Playhouse, Klang Elektronik und Ongaku sind unsere gemeinsamen Labels.

Ihr habt schon lange nichts mehr im Ambient-Bereich gemacht. Ist Sensorama definitiv auf Eis gelegt?
Sensorama gibt immer dann ein Statement ab, wenn wir das Gefühl haben, zur Tanzmusik der Stunde nichts beitragen zu müssen.

Ihr ward am Anfang als Acid Jesus bekannt. Warum habt ihr euch später v. a. auf Alter Ego konzentriert?
Wir hatten irgendwann mal zu viele verschiedene Namen und mussten unsere Energie bündeln.

Eure Tracks rocken. Wollt ihr die Energie einer Rock-Band in Elektronik übersetzen?
Wir machen eindeutig Tanzmusik und bewegen uns daher in Bereichen, die den Rock’n Roll oder die Diskomusik definiert haben.

Eure Live-Gigs sind kürzer als üblich. Dafür sind sie auf den Punkt gebracht und von Anfang bis Schluss mitreissend. Wie kommt ein Track ins Live Repertoire?
Wir haben bei den Shows der letzten Wochen ein wenig mit der vorher grob festgelegten Reihenfolge experimentiert, und sind jetzt ziemlich zufrieden. Ein Liveset soll einen Spannungsbogen haben, und sowohl Ruhepunkte als auch Momente der Eskalation haben. Im Augenblick besteht das Set vornehmlich aus dem neuen Album „Why Not?!“ gepaart mit Stücken von „Transphormer“, garniert mit einigen Klassikern.

Möchtet ihr die Energie einer Rock-Band in Elektronik übersetzen?
Energie ist auf jeden Fall wichtig! Der Rhythmus ist die Basis all unserer Tracks. Wir wollen, dass sich etwas bewegt. Dabei scheint uns „Rock“ manchmal näher zu sein als der „Funk“. Am Ende ist das aber kein Manifest, sondern reine Gefühlssache.

Ihr remixt sehr ausgewählt. Welche Kriterien braucht ein Track, um von euch geremixt zu werden?
Für uns sind Remixe vor allem eine künstlerische Herausforderung. Das arbeiten mit Stimmen bekannter Künstler ist spannend, da wir es ja tunlichst vermeiden zu singen. Natürlich muss uns auch irgendetwas am Original interessieren, alles andere wäre nach kurzer Zeit extrem ermüdend

In den letzten Jahren ist in Berlin v. a. Minimal dominierend geworden. Ihr seid in den letzten 15 Jahren nie Trend-Surfer gewesen. Wie steht ihr zum Minimal?
Auch Minimal, wie es derzeit verstanden wird, hat seine Berechtigung. Am Ende gibt es nur gute und schlechte Musik. Uns hat in letzter Zeit aber der Konservatismus bei vielen Produktionen gestört. Es gibt einige herausragende Platten und plötzlich Unmengen schlechter Epigonen. Da kommt schon mal Langeweile auf, und da Techno irgendwann auch mal angetreten war, sich von Zeit zu Zeit zu häuten, warten wir etwas ungeduldig auf mutigere Zeiten.

Vor einigen Jahren war Berlin die Hype-Stadt. Ihr seid aber Frankfurt treu geblieben. Ist es für euch wichtig, am Sound of Frankfurt, den es ja schon seit Ende der 80er gibt, festzuhalten?
Frankfurt bietet mit unserem Netzwerk einfach eine Menge gewachsener Vorteile. Sicherlich war auch die sehr frühe Sozialisation mit elektronischer Musik eine wichtige Erfahrung. Heute ist Berlin natürlich in aller Munde, und saugt wie ein Schwamm viel kreatives Potential aus anderen Städten auf. Wir haben das leidvoll mit Ricardo Villalobos oder Perlon erfahren. Wir halten noch ein wenig die Stellung.

Produziert ihr für Väth’s nächstes Album wieder Tracks?
Bislang ist noch nicht konkret.

Sven Väth gehört zu euren grössten Supportern. War er sehr wichtig für eure Karriere?
Sven hat sehr früh unsere Musik schätzen gelernt und ist sicher einer der wichtigsten Wegbereiter. Vor bald 15 Jahren hat er uns für eine erste „Acid Jesus“-Show an Weihnachten ins Omen eingeladen. Das war sicherlich eine bahnbrechende Erfahrung und Startschuss für ein seitdem noch nicht überstandenes Abenteuer…

ALTER EGO’S LIEBLINGE

Lieblingssynthesizer?
Jörn: Korg MS 20.
Roman: Yamaha DX 100

Lieblingsalltagsgeräusch?
Jörn: Das Knistern von Banknoten.
Roman: Der Lichtschalter, wenn irgendwann das Licht mal ausgeht.

Lieblingsküchengerät?
Jörn: Moulinex 753 Entsafter.
Roman: Das Teesieb, um morgens frischen grünen Tee zu bereiten.

Lieblingscomputerspiel?
Jörn: Pac Man.
Roman: Wir haben leider absolut keine Zeit, um noch am Computer zu spielen.

Lieblingsmusik nach einem langen Tag im Studio?
Jörn: John Cale.
Roman: Keine Musik.

Lieblingsstar?
Jörn: Lou Reed.
Roman: Alle Helden des Alltags.

Lieblingsremix von „Rocker“?
Jörn: Die Human Beatbox-Version.
Roman: Der von Erol Alkan, weil so schön kaputt.

Lieblingstrack auf dem neuen Album (& wieso)?
Jörn: „Fuckingham Palace“, der beste Songtitel.
Roman: Das wechselt je nach Laune. Im Augenblick mal wieder „Gary“.

Alter Ego
Why Not?

(Klang Elektronik/Namskeio)

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