Alex Bau Techno DJ GermanySo bezogen auf: so, heute mal wieder ein „ganz normaler“ Tourbericht, keine GEMA, kein Gejammer über Airlines etc., einfach nur Party und Co., Solaris der Name des Events, und Solotvyno der Ort des Geschehens. Und der hat es in sich, von der Erreichbarkeit bis hin zur Motivation der Partycrowd. „Pardey hard“, du willst richtig hart feiern? Dann mach dich auf dem Weg in die Ukraine, deine Stoßdämpfer werden es Dir danken! Aber wie immer der Reihe nach.

Wenn man von der Ukraine spricht, und mal die eben abgefackelte Euro 2012 sowie die inhaftierte Präsidentin der Herzen außer Acht lässt, dann landet man in Sachen elektronischer Musik erstmal beim Schlagwort „Kazantip“, und da kann man ja geteilter Meinung sein mittlerweile. Das sag ich nicht weil ich noch nicht dort war und deshalb beleidigt, nein, eher aufgrund von Schilderungen von so manchen ukrainischen DJ`s, die berichten daß sie da gar nicht mehr so gerne hinfahren weil irgendwie der Spirit von früher verlorengegangen ist.

Nun gut, kann ja wieder mal so ein „früher war alles besser“-Geheule sein, oder aber die Wahrheit. Wer weiß das schon, und außerdem: solange die Leute ihren Spaß haben kann es doch egal sein. Aber es geht hier ja nicht um Kazantip oder darum ob der Veranstalter nun seine Ideale seinen kommerziellen Interessen geopfert hat. Sollte mal wieder nur eine kleine Randnotiz sein, und schweife mal wieder ab.

Also, spätestens dann, wenn man am Flughafen von Lviv ankommt ist man erstmal erstaunt wenn man früher schon mal dort ankam. Schon das Aufsetzen zeigt einem: hey, hier ist was anders also zuvor und sonstwo im „Ostblock“, keine holprige Landebahn (oh, ich erkenne Parallelen zu später im Text…). Und man wird nicht mit einem 40 Jahre alten Bus zum wie ein Bahnhof aussehendes Gebäude des alten Flughafens gefahren wie noch das letzte mal, als ich dort regelrecht aufschlug. Nein, ein ultramoderner Cobus bringt einen zum nagelneuen Terminal, das da nun seit der Euro 2012 in seinem vollen Glanze steht. Man betritt eine klimatisierte Halle, keine Formulare mehr zum Ausfüllen, alles „ratz fatz“ und die Koffer kommen aufs Gepäckband geschossen daß es eine wahre Freude ist.

Eigentlich erkennt man nur daran daß man in der Ukraine ist, daß draußen an einem Gebäude neben dem Flughafengelände ein Banner hängt auf dem steht „Dieses Gebäude ist Privateigentum, und soll von den korrupten Beamten der ukrainischen Regierung weggenommen werden“ (sinngemäß), daß die Zollbeamtinnen aussehen wie 1,80 große Models (korrupt oder nicht, egal bei dem Aussehen!) und die Fluggäste ihr Gepäck in Folien haben einschweißen lassen, und das Handgepäck aus Plastiktüten besteht. Schön wenn Klischees so richtig bedient werden. Ick freu mir. Leider wurden bei den Fluggastbrücken und Rolltreppen wohl die Bedienungsanleitungen nur auf deutsch (vom Hersteller eben) geschickt, oder aber die letzten Stromrechnungen wurde nicht bezahlt. Wie auch immer, funktioniert hat beides nicht. Oder man wollte eben mal schnell zeigen daß man auch den schon erwähnten Cobus im Programm hat, quasi statt der Fluggastbrücken. Aber warum keine Rolltreppen? Ich bin verwirrt, und ich schweife schon wieder ab. Sorry.

“Solotvyno. Einen Namen, den ich zuvor noch nie gehört habe, aber nun sicher nicht wieder vergessen werde”

Gut, raus in die 35 Grad Mittagshitze, und rein in einen knallgelben VW-Beatle mit Klimaanlage, aber wohl auch nur mit deutscher Bedienungsanleitung bzw. defekt, der mich irgendwie an „Herbie“ erinnert hat, obwohl er eindeutig neueren Baujahres war. Los zum Bahnhof, noch einen DJ-Kollegen abgeholt, und schon waren wir auf der zweispurigen Strasse raus aus Lviv Richtung Südwesten auf der laut meinem Rider zweistündigen Autofahrt nach Solotvyno. Einen Namen, den ich zuvor noch nie gehört habe, aber nun sicher nicht wieder vergessen werde. Schon nach ca. 30 Minuten wurde die Strasse einspurig je Richtung, und die vor uns fahrenden LKW`s mit ukrainischen Kennzeichen, aber noch deutsch beschrifteten Planen sowie die Lada`s und Volga`s gaben einen ersten Vorgeschmack wie es weitergehen würde. Langsam.

Später sogar sehr langsam, aber das sollte nicht am starken Verkehr liegen. So zuckelten wir dahin, die Strassen wurden mit jedem Kilometer weiter weg vom neuen Euro 2012 Flughafen schlechter, und schließlich, als die Karpathen schon in Sichtweite waren, bogen wir rechts ab, und ab da freute sich meine Bandscheibe über jeden km/h, den wir langsamer fuhren. Eines habe ich gelernt, Schlaglöcher sind gnadenlos, selbst bei nur 50 km/h manchmal unausweichlich, und einmal mehr stellte ich mir die Frage wieso es damals eigentlich „Planwirtschaft“ im Kommunismus hieß. War das der Plan? Nicht dumm, denn jede Invasion aus dem Westen zu Zeiten des kalten Krieges wäre am Strassensystem der damaligen Sowjetunion gescheitert. Schlau, die Sowjets, und dumm zu gleich: die Raketen hättet ihr Euch sparen können. Ich schweife schon wieder ab…

doch in diesem Moment sah ich nur noch ein Schlagloch nach dem anderen auf den armen Käfer zukommen – und das für die nächsten zwei Stunden? Ich bin ein DJ, holt mich hier raus… ” 😉

Nach 2h, mitten in den Bergen, schwante mir, daß es wohl etwas länger dauern würde, und auf der Buckelpiste hinauf in die Karpathen durch wunderschöne, unberührte Wälder wo man die Wölfe und Bären fast schon „riechen“ konnte, stellte ich die Frage, deren Antwort ich schon fürchtete wie der Teufel das Weihwasser: „Wie lange noch?“. „Oh, well, I think we have around half now…“. Ok. Das musste ich erst mal sacken lassen, denn die Aussage, daß es noch etwa 120km seien, bedeutet zwar in deutschen Breitengraden mit Autobahn & Co. „cool, dann sind wir in 45 Minuten da!“, doch in diesem Moment sah ich nur noch ein Schlagloch nach den anderen auf den armen Käfer zukommen – und das für die nächsten zwei Stunden? Ich bin ein DJ, holt mich hier raus… aber ich will nicht jammern, so was muß man erlebt haben.

Selten hatte ich mir bei einer Fahrt zu einem Gig gedacht „man, was waren das im Mittelalter für Teufelskerle, die sich auf den Weg in andere Länder machten…“. Jede Reise hat ein Ziel, so auch diese, und das erreichten wir dann gegen 19 Uhr abends. Eine Art Salzseengebiet nahe der rumänischen Grenze, und es wimmelte nur so von ukrainischen Familien rund ums Festivalgelände. Platt war ich dann doch nach ca. 12h Reise seit dem Aufstehen nach dem Paretoprinzip: 80% der Strecke in 20% der Zeit und umgekehrt. So ein Teufelskerl, dieser Pareto! Also erstmal ablegen im Hotel, vielleicht was essen, chillen, relaxen, Musik checken.

“Gut daß ich kein Arschloch bin. Sorry, das mußte jetzt sein…”

Im Hotel, überraschend modern und ansehnlich an diesem für unsere Verhältnisse verlassenem Ort, wurd`s dann wieder kompliziert, denn keiner sprach englisch, und ich kein russisch. Hm. Ok, irgendwie schaffte ich es einen Salat mit Hühnchen zu bestellen, der mir dann aufs Zimmer gebracht werden sollte, was nach skeptischen Blicken a la „was ist ein Room-Service“ dann doch tadellos funktionierte. Gut, man hätte ein Anklopfen erwarten können, aber sind wir mal nicht so. Da stand dann mein kleiner Vorspeisenteller mit ca. 200g Mixtour aus Kraut, Mayo, Hühnchen. Hm, am Ende sogar gut so daß es nicht mehr war, denn trotz meiner Zeichensprache mittels eines Fingerzeigs auf die leere Toilettenpapierhalterung wurde keines mehr geliefert. Gut daß ich kein Arschloch bin. Sorry, das mußte jetzt sein.

Aber gut, Anlaß der Reise mit invertierten Hindernissen (Schlaglöchern) war ja das Solaris Festival, und das betrat ich dann kurz vor Mitternacht, zufälligerweise war auch mein alter Bekannter Virgil Enzinger vor Ort, der am Tag vorher spielte, was ich aber aufgrund einer fehlenden Facebook-Präsenz des Events (ich habe sie zumindest nicht finden können) eine nette kleine Überraschung war.

Und da wären wir auch schon bei Überraschung Teil 2: wie schafft man es in 2012 ohne Facebook das Festival-Gelände so voll zu kriegen? Du kannst ja mal die Bilder auf meiner Website checken, da sieht man zwar nur den ersten Teil der Crowd bis zum FOH, aber der deutet schon an daß es ein paar Tausend gewesen müssen. Und das ohne Facebook? Wenn das der Herr Zuckerberg erfährt, nicht gut für seine Marketingpläne… Genauso voll wie es war gab es auch eine Anlage die echt fett war. Und wo am Frühabend noch Mamutschkas vom See kamen waren jetzt nur noch reihenweise partywilde Söhne unterwegs, und vor allem Töchter, die alle später mal locker Zollbeamtinnen werden könnten.

Ich dachte mir nur „Wow, so einen Weg auf sich nehmen, und dann noch so feiern – ja ist denn heut schon Championsleague?“. Mal wieder wurde mir gezeigt worauf es ankommt: auf den Moment! Und von wegen der Weg ist das Ziel… Bullshit! Die Party ist das Ziel, und es macht einfach tierisch Spaß für so eine Crowd zu spielen. Festivals sind ja oft etwas schwierig, die Gäste haben volles Programm die ganze Zeit, im Sommer jedes Wochenende ein anderes Festival, die ganze Anreise, Zelten, die Hitze, die Mosquitos, das volle Programm eben, und dann noch Vollgas durch die ganze Nacht? Denkst Du manchmal auch so? Du Weichei 🙂

In Solotvyno egal, Anreise ist Anreise, Party ist Party und Abfahrt ist Abfahrt, Hands up und Schreien im Minutentakt. So macht man Party heute. Also: nie nach dem äußeren Schein gehen! Such Dir auch mal das kleine, vielleicht noch unbekannte Festival aus an einem Ort, den man nicht so easy erreichen kann, und von dem man so etwas nicht erwarten würde. Deine Erinnerungssammlung wird es Dir danken!

Und wenn Du dann nach 5h Autofahrt über Schlaglöcher hinweg angekommen bist, dann frag nicht, was die Party für Dich Gutes tun kann, sondern frag lieber was Du für eine gute Party tun kannst.

In diesem Sinne, schöne Grüße an die Füße vom Herrn Bau!

One Response

  1. Karl TechnoPixel

    O ja warum auch immer der Weg ist das Ziel oder doch die Party… Wenn es gut war hat sich doch der weiteste Weg gelohnt…. In diesem Sinne bis zur nächsten Party wir sehen uns… 😉

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