Ich glaube ich habe schon mal aus Argentinien berichtet, damals, als ich meinen ersten Gig im Cocoliche gespielt hatte, einen Tag vor der Niederlage Argentiniens gegen Deutschland bei der WM 2010. An Abend der Club „nur“ 2/3 voll weil das Spiel am nächsten Vormittag (Ortszeit) stattfinden soillte, Afterhour natürlich keine, Party am Samstag wie eine eine Beerdigung, Volkstrauer.

Alex Bau Techno DJ GermanyTja, man hat`s nicht leicht als Deutscher im Ausland. Als ich da im Juli vor zwei Jahren zum ersten Mal nach Argentinien kam dachte ich mir nicht viel dabei außer daß es superinteressant ist ein neues Land zu erleben, eine tolle Party zu feiern und eben das zu tun was ich sonst auch mache: Techno. Nicht mehr, nicht weniger, der übliche Wahnsinn. Bassdrums, Hihats, futuristische Sounds. Durchdrehende Leute auf der Tanzfläche, nur eben 10.000 km entfernt und nicht nebenan.

Das klingt jetzt alles sehr unspektakulär, und Du denkst dir beim Lesen vielleicht „Mann, was ein arroganter Sack! Fliegt in der Weltgeschichte rum und weiß es nicht zu schätzen, daß er eben nicht jeden Tag in dieses öde Büro gehen muß wo ich mir die Zeit mit dem Lesen seines Tourbooks vertreibe, während mein Ausbilder mal wieder lieber was anderes „treibt“ mit seiner tussigen Sekretärin als mir halbwegs interessante Aufgaben im Rahmen meiner Ausbildung zu geben… So ein Penner, der Bau!“.

Und gerade diese zunächst zwar lange, aber doch irgendwie auch wieder normale Reise nach Buenos Aires sollte sich schnell als der Beginn von etwas Besonderem herauskristallisieren.

Halt mein junger Freund bzw. meine junge Freundin (wie ätzend manchmal diese „political correctness“ klingt, gell?)! Erstens war auch ich mal Azubi, zweitens hab ich mit keiner Silbe gesagt daß mich das langweilt, und drittens ist mir schon klar, daß das alles andere als gewöhnlich ist und ich für jeden verdammten Tag mit Techno dem lieben Herrgott, wie man bei uns in Bayern zu ihm sagt, danken sollte. Und gerade diese zunächst zwar lange, aber doch irgendwie auch wieder normale Reise nach Buenos Aires sollte sich schnell als der Beginn von etwas Besonderem herauskristallisieren.

Denn sie war der Beginn und der Ursprung von dem, was Du in den letzten Wochen evtl. schon mal irgendwo unter dem Begriff „Gringotechno“ mitbekommen hast. So kann man sich also irren. Eben nicht alles nur normal. Und in dieser Stadt, in diesem Club schon gleich dreimal nicht.

Also, wie kam es dazu? Eigentlich per Zufall. Der Betreiber des Clubs kam auf die Idee, daß nach dem ersten erfolgreichen Gig im Cocoliche vor meinem nächsten Besuch im Frühjahr 2011, zu dem übrigens dann auch die Wasabi Tunes DVD „The Gringotechno Issue“ entstanden ist (schreib ich hier nicht weil ich Dir eine andrehen will, ist eh ausverkauft…), ein kurzer Videoteaser für die Leute vor Ort ne nette Idee wäre, und so schickte er mir einen Satz auf spanisch den ich in die Laptopkamera plappern sollte, um das Ganze dann auf Youtube zu veröffentlichen.

„Und, Alex, heute aber schon ordentlich Gringotechno, oder?“

Als passendes Ende hat er dann vorgeschlagen ich solle sagen „Techno para todos“, und daraus wurde dann „Gringotechno para todos“, weil, also, na ja, also, wenn ich mal kein Gringo bin für die, na dann weiß ich es auch nicht… Innerhalb kürzester Zeit hagelte es dann „Gefällt mir“, nette Kommentare, und ich war selbst überrascht, welche positive Wirkung so eine kleine Geste haben konnte. Gringotechno war geboren, und in dem Moment als ich es aussprach war mir das gar nicht bewußt, bis dann eben immer öfters Leute meinten „Und, Alex, heute aber schon ordentlich Gringotechno, oder?“. Da muß ich immer an die Plus8 050 denken… Call it what you want! 🙂

Nun also kam ich zum dritten Mal an den Ort, an dem das alles begann, und mittlerweile ist der Abend eine sichere Bank im Cocoliche. Das drück ich dir jetzt nicht rein weil ich dir unbedingt zeigen will was für ein Super-Dupa-DJ-Mega-Superstar ich bin. Nein, bin ich erstens nicht, und zweitens würde das in dem Club, bei der Crowd, nicht funktionieren. Da kannst Du als selbstverliebte Diva so was von einpacken, denn wenn sie was gar nicht mögen im Coco, dann sind es „Künstler“, die glauben sie stehen im Mittelpunkt, und nicht die Cord.

Nein, überall sonst vielleicht, aber nicht im Cocoliche. Zusammen feiern oder gar nicht. Basta. Und doch kommen sie alle gerne dorthin, in diesen kleinen stickigen Keller in der Rivadavia 878, mitten in der City. Auch noch ganz andere haben verstanden wie der Hase läuft, oder wie sonst kann ich mir eine Email von Stephan Bodzin erklären „Danke nochmal für den Tip, Alex, hat sich echt gelohnt obwohl es so ein kleiner Laden ist…“.

„and if you don`t like techno, you can get the fuck out of my house!“

Und wieder ging ich also am frühen Abend die Treppen runter und wieder war ich beeindruckt welche Atmosphäre dieser karge Raum hat, wie ehrfurchteinflößend dieser Club ist, obwohl er eigentlich doch gar nichts besonderes ist, und irgendwie gleichzeitig alles. Und dann stand ich da wieder ab 3 Uhr hinter dem Mixer, der Schuppen proppevoll, vor der Tür noch Leute die nicht mehr reingepasst haben, und der Mob tobt, das Wasser tropft von der Decke, ich schwitze wie ein Schwein, der Bass lässt alles scheppern, und da auf einmal entdecke ich diesen Aufkleber nach all den Jahren zum ersten mal an der Plexiglasscheibe zwischen mir und den Verrückten vor mir auf dem steht „and if you don`t like techno, you can get the fuck out of my house!“. Genau in dem Moment habe ich einmal mehr verstanden und war zugleich dankbar dafür: trotz all der gesammelten Meilen, dieses Jetsets, dieses Business, es geht einfach nur um Musik! Um nichts anderes als Musik.

Die ist zwar für uns alle normal, und für uns DJ`s evtl. sogar noch viel mehr, trotz der ganzen oft anstrengenden Umstände. Aber stell Dir mal folgendes vor: Da kommt ein kleiner Außerirdischer von weit her, landet mitten auf der Tanzfläche neben Dir, hört nur Bumm Bumm, und wenn das mal unterbrochen wird, wird es hell im Club, Arme hoch und die Leute wissen alle was gleich passieren wird wenn das Bumm Bumm wieder einsetzt. Egal ob in Buenos Aires, Recklinghausen, Oberaudorf oder Murmansk. Wie geil ist das denn?

Musik wird zur Sprache! Mann, wie geflasht muß dieses Alien sein wenn es das zum ersten mal mitkriegt? Glaubst Du der versteht das sofort auf Anhieb? Ich glaube… ja! Ein Phänomen, oder etwa nicht?

Sind wir, ist unsere Musik also doch was spezielles?

Aber warum funktioniert so was dann nicht in großen, kommerziellen Dissen, wo zum Teil noch mehr Leute versammelt sind und Lieder hören die wirklich alle kennen weil sie in jedem beschissenen Sender rauf und runtergedudelt werden? Sind wir, ist unsere Musik also doch was spezielles? Die Antwort gab mir Udolph, einer der Betreiber des Cocoliche, alleine schon mit seinem Aussehen so etwas wie der technoide Messias für Argentinien: „Weißt Du Alex, wir sind arme Schweine. Wir werden nie reich sein in materieller Hinsicht, weil wir dagegen kämpfen. Ja! Wir kämpfen gegen das Geld und den kommerziellen Erfolg mit dieser Art von Party und Musik, und deshalb werden wir nie reich sein. Und trotzdem haben wir mehr, als so viele andere um uns herum weil wir eben genau das haben, was alle gerne verstehen wollen, viele es aber nicht können: Techno.

Boah, das ist doch mal Ansage! Schau jetzt weißt Du nicht nur daß ich auch mal Azubi war, sondern auch daß wir alle einfach nur arme, reiche Schweine sind.

Wie geil, hm? Wer kann schon sagen er ist beides auf einmal…

Noch mehr Bau Geschichten aus Südamerika findet Ihr hier: „Hass auf House in Mexika?“

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