Wollte man die elektronische Musikszene gastronomisch betrachten, dann müsste man die Produktionen, die der Stuttgarter Michael Baumann seit mittlerweile zehn Jahren als Jackmate und SoulPhiction veröffentlicht, als Filetstücke bezeichnen.

Davor, Ende der 80er, Anfang der 90er, war er in der Stuttgarter Hip-Hop Szene aktiv und gründete unter anderem gemeinsam mit Max Herre (Freundeskreis) das Projekt „Agit Jazz“. In der zweiten Hälfte der 90er folgten dann seine ersten elektronischen Releases, wobei man gerade in den früheren Produktionen eine starke Chicago- und Deephouse-Anlehnung hört.

Es folgen unzählige weitere Live-Auftritte, Remixe und Produktionen, darunter etliche Perlen. Im Herbst steht nun die Veröffentlichung einer vierfach Vinyl-Compilation zum Zehnjährigen an; auch das ManmadeScience-Album, sein Gemeinschaftsprojekt mit Nick Reiff und Phlegmatic, steht in den Startlöchern. Während seines Spanienurlaubs nahm er sich kurz Zeit für einige Fragen.

Du befindest Dich gerade im sonnigen Spanien. Was führt Dich auf die Iberische Halbinsel? Bist Du Privat dort oder unterwegs in Sachen Musik?

Ich bin hier im Urlaub in der Gegend um Cadaques, rein privat und komplett ohne Festivals.

Musikalisch kann man Dich getrost als äußerst vielseitig bezeichnen. Von den Anfängen in der Stuttgarter Hiphop-Szene, über erste deepe Veröffentlichungen Mitte der 90er, bis zu den aktuellen Jackmate 12-Inch. Wie würdest Du selbst Deinen musikalischen Werdegang beschreiben?

I stood all the jealousy and all the bitchin`too. (lacht) Vom Hitparadenmitschnitt zum DJ zum Produzenten… Mit Anspruch an Sounddesign und Zeitlosigkeit.

Du veröffentlichst im Wesentlichen unter Deinen Projekten „Jackmate“ und „SoulPhiction“, aber auch immer wieder mit Nik Reiff als „ManmadeScience“. Nach welchen Kriterien konzipierst Du das Material für Deine Projekte? Es erscheint mir, dass Soulphiction die deepere und Jackmate „techigere“ und minimalere Seite Michael Baumanns ist.

Jackmate steht für funktionalere Club-Tracks, Minimal ist vielleicht nicht der richtige Begriff. Während SoulPhiction für alles andere steht. Ich will mich bei SoulPhiction nicht wirklich festlegen, da ich hier so ziemlich alle für mich wichtigen Einflüsse verarbeiten will. ManmadeScience ist ein Projekt von Nik Reiff, Phlegmatic und mir. Außerdem produziere ich noch Tracks für Suzana Rozkosny, Sängerin bei Girlzklub aus Hamburg.

Deine Tracks sind auf den unterschiedlichsten Labels erschienen. Neben Deinen eigenen Labels Philpot und Phil-e, unter anderem auf Perlon, Resopal, Freude am Tanzen, Morris Audio, Sonar Kollektiv, Dessous und Playhouse. Welche Kriterien oder Umstände entscheiden, wo Deine Veröffentlichungen erscheinen
?

Ich habe mich auf ein paar Labels reduziert, Labels von Leuten, die ich schätze und mit denen ich auch befreundet bin. Das sind neben Perlon, Milnormodern und Freude am Tanzen/Musik Krause noch meine eigenen Imprints Philpot und Phil_e. Das genügt mir und es bleibt übersichtlich. Remixe sind da wieder was anderes.

Mit Deinem Label Philpot hast Du Dir eine eigene Plattform geschaffen. Der Name ist ein Tribute an die mittlerweile verstorbene New Yorker Legende Larry Levan, nämlich dessen Nachname. Was war Dir wichtig bei der Labelgründung und welche Aufgabe hat das Sublabel Phil-e?

Zuallererst wollte ich mit Philpot eine eigene Plattform für meine Tracks als SoulPhiction, mittlerweile hat sich der Artistsrooster aber deutlich erweitert, da ich einfach gute Musik veröffentlichen möchte. Für Philpot produzieren mittlerweile Bruno Pronsato, ManmadeScience, Treplec, Neustadt36, The Mole, Suzana Rozkosny, Phlegmatic und das KrauseDuo. Auf Phil_e liegt der Schwerpunkt definitiv bei Tracks und Tools für DJs. Hauptsächlich sind dies Tracks, die inhaltlich nicht zu Philpot passen, aber meistens von den gleichen Leuten kommen, die auch auf Philpot produzieren.

Neben Deinen Live-Sets und Produktionen bist Du auch als Remixer sehr gefragt. So hast Du zum Beispiel mehrfach an Tracks von International Pony die Hand angelegt, aber auch für Dublex Inc., Dapayk&Padberg und Egoexpress geremixed. Gib es irgendwelche Remixaufträge, die Dich besonders reizen würden?

Bei Remixen entscheidet für mich alleine der Originaltrack, ob ich Lust dazu habe. Außerdem möchte man auch gerne etwas in den Originalen wieder finden, was zu meinem persönlichen Stil passt. Wenn mir das Original gefällt und ich denke, dass ich dem Ganzen noch etwas hinzufügen kann, dann gerne. Auf dem Plan stehen momentan Mixe für Amp Fiddler und George Kranz.

In Deiner Heimat Stuttgart trittst Du regelmäßig live auf. Wie würdest Du selbst die Stuttgarter Elektronikszene beschreiben? Uns kommt sie vergleichsweise klein vor. Empfindest Du Unterschiede zu Deinen Auswärtigen Gigs?

Es gibt in Stuttgart sehr wohl eine lebhafte elektronische Szene, allerdings besteht diese mehr aus DJs und Veranstaltern, als aus Produzenten. Auch existieren ein paar gute Labels wie Pulver, Neue Heimat und Onitor. Rework werden ein Album auf Playhouse veröffentlichen. Also alles recht übersichtlich. Nachwuchs gibt es auch, wenn auch bisher ohne Release, aber da kommt auf jeden Fall noch einiges. Es dauert nur alles etwas länger… Ich selbst habe hier alle zwei Monate meine Philpot-Labelnacht, was völlig ausreicht. Stuttgart kann sehr heftig feiern, man muss nur wissen, wo!

Wo machte es Dir besonderen Spaß zu spielen und warum? Gibt es vielleicht auch Orte, wo Du gerne noch (oder mal wieder) auftreten würdest?

Ich habe erst letztes Jahr mit Larry Heard auf unserer gemeinsamen Philpot-Tour im Robert-Johnson gespielt, ansonsten bin ich immer wieder gerne in Holland oder dem Osten Europas. Ich mag aber prinzipiell eher kleinere, familiärere Clubs als Festivals, bei denen die immer gleichen Artists stereotypen Sound abarbeiten. Andere Kontinente sind natürlich immer eine prima Erfahrung, da ich gerne reise, im positiven wie teils auch im negativen Sinne.

Ich würde gerne mal wieder auf dem afrikanischen Kontinent spielen, Kenya war mein bisher bestes Erlebnis. Auf einem Dorfplatz mit Killersound aus 25 Jahre altem Equipment. 2000 Menschen. Altersgruppe 1 bis 99 Jahre. Da habe ich dann etwas mehr Disco und HipHop gespielt und es war Wahnsinn… Japan ist auch alleine wegen der hervorragenden Soundsystems ein Highlight! Das Publikum dort hat den absoluten Plan, sie kennen jede Platte, jedes Label auf dem man veröffentlicht hat oder die Samples, die man benutzt hat.

Das Albumformat scheint im Elektronikbereich immer beliebter zu werden. Unter Jackmate hast Du bereits vor Jahren mit „Ghetto of my Mind“ (Authentic, 2002) und „The Prodigal Son“ (Resopal, 2003) zwei Alben veröffentlicht. Kürzlich erschien mit „State of Euphoria“ (Sonar Kollektiv, 2006) die erste lange Soulphiction. Ein herrliches deepes und jazziges Album mit wunderschönen Vocals. Ist demnächst mal wieder ein Jackmate Album in Planung?

Es wird im November ein Jackmate Album auf Phil_e geben, anlässlich meines zehnjährigen Jubiläums. Das ganze umfasst vier Vinyls, und wird die Tracks von 1996 bis 2006 enthalten. Alte Sachen sind remastered und teilweise neu editiert, es werden auch Tracks meiner ersten beide LPs in neuen Versionen mit dabei sein. Außerdem wird im Oktober endlich das ManmadeScience Album auf Philpot erscheinen.

Was sind deine weiteren Pläne für die Zukunft in Sachen Veröffentlichungen und Gigs und natürlich auch bei der Labelarbeit? Was kommt? Wie geht es weiter? Wo geht es hin?

Ich werde erst einmal etwas weniger live spielen, mich etwas rarer machen, mehr DJ-Gigs spielen und mehr Zeit in die Labels investieren. Es sind einige Alben unserer Künstler in Planung, der digitale Vertrieb wird ausgebaut. Anfang 2007 gibt es wieder eine Philpot-Tour, bei der fast alle unserer Künstler live vertreten sind. Näheres hierzu gibt´s ab September auf unserer neuen Website Philpot-Records.net.

Interview by Marc Rodrigues

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