Superpitcher Kilimanjaro

Es ist Sommer.
Wir sehen eine fantastisch große und grüne Wiese, mit tausenden kleiner, weißer und gelber Blüten durchsetzt, sie reicht fast bis zum Horizont, eingerahmt von einem tiefgrünen Wald, überspannt von einem kleinen Rest von tiefblauem Himmel.

Es ist heiß.
Vorne im Bild stehen vier Jungs, der Jüngste etwa vier, der Älteste vielleicht 10, höchstens 11 Jahre alt. Ob es sich um Freunde oder Brüder handelt, wird nicht sofort klar.

Alle vier tragen kurze Haare und noch kürzere Hosen. Einer von ihnen trägt ein leuchtend gelbes T-Shirt, vom dem der Rosarote Panther herabschaut, ein anderer ein weißes, auf dem steht »adidas«. Die Siebziger Jahre. Geheimnisse eines Sommers.

 

 

Zwei der Jungs halten Pusteblumen in ihren Händen, einer holt Luft, bereit, die federleichten Spitzen weit hinaus über die Wiese fliegen zu lassen. Eine ambivalente Stimmung, zwischen kindlicher Freude und tiefer Melancholie, umfängt die Gruppe. Vier Brüder. Zu ähnlich sind sie einander, zu vertraut und familiär das gemeinsame Sein da auf der Wiese, im Sommer, auf dem Land. Der Blick des Ältesten geht ernst und nachdenklich weit in die Ferne. Der Kleinste und Jüngste von allen hat flachsblonde Haare und trägt ein T-Shirt mit einem seltsamen, rot-weißen Muster. Er schaut auf seinen großen Bruder. Auf die Pusteblume in dessen Hand. Er wirkt einsam, trotz der Gesellschaft seiner Brüder.

Seit vielen Jahren schon hängt dieses Bild an der Wand meiner Küche, inmitten einiger Dutzend bunter Partyflyer von »Total Confusion«. Es ist das einzige Bild an dieser Wand, das nicht auf irgendeine Party hinweist. Warum hängt es dann da? So einsam und anders, trotz der Nähe der anderen Bilder? Auf der Rückseite der Karte steht: Matthias Schaufler, Cupid & Psyche 2006. Der kleine blonde Junge, von dem ich gerade sprach, auf der Vorderseite, ist sein jüngerer Bruder Aksel. Auf der Wiese, im Sommer, auf dem Land. Ein Country Boy.

Die Musik von Aksel Schaufler hat sehr viel mit Bildern und mit Geschichten zu tun. Einige der Bilder, etwa das Cover seines ersten Albums »Here Comes Love« (2004), sind Werke von Aksel`s älterem Bruder, dem Maler Matthias Schaufler. Auch das wundervolle Portrait, welches den kleinen Bub auf der Wiese gut drei Jahrzehnte später als eine Art Dorian Gray auf dem Cover von »Kilimanjaro« zeigt, stammt aus seiner Hand, die damals eine Pusteblume hielt.

Die Musik, und die Kunst, hat viel mit Familie zu tun, mit der echten, genauso wie mit der sogenannten gewählten Familie. Aksel s langjähriges Label Kompakt, auf dem in den letzten Jahren viele seiner wichtigsten Platten erschienen sind, galt einmal als die familiärste und liebevollste unter all den neuen Familien im neu gegründeten Reich von König Techno. Sechs lange Jahre nach »Here Comes Love« erscheint hier nun »Kilimanjaro«. Kilimanjaro bedeutet »Berg des bösen Geistes«.

Wenn man noch einmal das Bild der vier Jungen auf der Wiese im Sommer auf dem Land betrachtet, meint man das Läuten des Kirchturms zu hören, welches der Wind aus dem nahe gelegenen Dorf herüberweht. Mit dem Klang von Kirchenglocken beginnt auch die lange Reise, auf die uns Superpitcher hinauf auf den »Kilimanjaro« nimmt. Es ist der sprachlose Anfang einer Geschichte, wie sie nur ganz wenige Musiker heutzutage überhaupt noch erzählen.

Direkt im ersten Stück nach dem Intro, »Voodoo«, überschlagen sich bereits die Ereignisse. Als einer der wenigen elektronischen Musiker, die unter »Dub« weit mehr verstehen als nur das Aneinanderreihen von Echos, lässt Superpitcher hier schon mal die ersten Puppen tanzen. Möglicherweise geht es dabei unter anderem um Folgendes: Verzauberung, Schmerz, Magie. Das hier ab und zu ein kleiner Junge spricht, muss kein Zufall sein. Nach sieben Minuten Dschungelfieber mit einem leicht angetrunkenen Lee Perry sollte man eigentlich schon tanzen.

Mit »Country Boy« lässt Superpitcher mal eben seine Biographie wie einen ganzen Pusteblumen-Orkan über die Tanzfläche fegen. Eigentlich eine geborene Indie-Hymne, mit einem Text, der einem die Sprache verschlägt und den Boden unter den Füßen wegzieht. Singt er das wirklich? Wie wirklich singt der das! »Schöne Grüße aus Smallville« steht diesmal auf der Postkarte. Vielleicht ist die Tinte, wahlweise auch die Schminke, dabei leicht verlaufen.

Dann kommt der Hit, der große Spaß. So hört sich einer an, der auszog, das Glücklichsein zu lernen. Und der dabei ganz nebenbei eine neue und geradezu radikale und unglaublich persönliche und irre schöne Popmusik erfand. Eine so schillernde, verrückte, absurde, kaputte wie durchdachte, kluge, liebevolle und zärtliche Form von Musik. »Rabbits in a hurry« … ich meine, hallo?

Es geht atemlos weiter, mit einem weiteren Kleinod zwischen kindlicher Freude und tiefer Melancholie, totaler Hingabe und Konfusion. It s friday night, and I m not dancing. Einmal mehr blüht hier die alte Superpitcher- Meisterschaft, Liebeslieder auf geradezu unverschämte Art in elektronische Tanzmusik zu verwandeln, so dass man den Unterschied nicht mehr erkennt, einem ganz schwindelig wird dabei. Ein eigentlich doch trauriges Gefühl zum Schwingen und dann zum Rocken zu bringen, das gelingt nur Wenigen und denen nur ganz selten. Auf »Kilimanjaro« gelingt es, andauernd.

Es folgt »Gimme My Heart Back«, mit diesen schweren Akkordeon-Salven, dann das gespenstische und doch irgendwie süße und soulige »Who Stole The Sun« und irgendwann wird man süchtig nach diesen Momenten und man ist wieder traurig und glücklich zugleich.

Mit dem Monster »Black Magic« schließt sich der Kreis zu »Voodoo«. Ein kosmischer, halluzinogener Trip, Rebolledo am Mikrophon, Kölscher Tequila im Glas, die Siebziger Jahre, Disco, Sex und allerfeinste Drogen. Eine Liebeserklärung an Musik. Pro Familia.

Mit der Hymne an »Joanna« winkt Boy Schaufler schließlich rüber nach Berlin, mit diesem wunderschönen alten Piano, das an Westbams ganz große Zeiten erinnert. Drüber legt sich wieder so ein leicht schluchzendes Akkordeon, Berlin reicht den Gruß weiter nach Paris, der Stadt der Liebe, wo es die Rabbits so verdammt eilig haben. Joanna! So wrong, so wrong …

Die lange Reise könnte nicht berührender, zerbrechlicher, nicht schöner enden als mit »Holiday Heart«. Ein weiter Bogen spannt sich rückwärts in der Zeit, zu den »Sad Boys For Life« vom ersten Album 2004. Eine ganz große elektronische Ballade zum Schluß, darüber, wie man dem Schmerz entkommt.

Das Herz stolpert, verliert den Rhythmus, findet ihn wieder.

Und schlägt weiter.

ARTIST: Superpitcher
TITLE: Kilimanjaro
RELEASE DATE: September 6, 2010
LABEL: Kompakt
FORMAT:  3LP (KOM222) / CD (KOMCD80) / Digital

 

 

 

 

 

 

 

TRACKLISTING:
01. Prelude
02. Voodoo
03. Country Boy
04. Rabbits In A Hurry
05. Friday Night
06. Moon Fever
07. Give Me My Heart Back
08. Who Stole The Sun
09. Black Magic
10. Joanna
11. Holiday Hearts

2 Responses

  1. tanzengehnwiedersehen

    impressionistischer review. sehr gelungen.
    nun bin ich total neidisch, weil ich diese platte auch sofort hören will.

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  2. tobstar

    Ja, wirklich angenehm geschrieben und sehr passend zum Album. Die KompaktJungs geben sich halt einfach Mühe.

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