Aus Neapel nach England: Marco Carola kommt mit seinem zweiten Longplayer raus und gab uns darüber Infos aus erster Hand

 

Nach »Fokus«, dem ersten Longplayer von Marco Carola, stellt er nun das Mitte Oktober erscheinende Nachfolgealbum »Open Systems« vor. Hier zeigt sich der mittlerweile in England lebende DJ und Produzent aus Neapel experimentierfreudiger und vielschichtiger als je zuvor. Neben dem gewohnt tribal-artigem Clubsound findet man auch langsamere Listening-, Ambient- und Elektrotracks.

Warum bist Du von Frankfurt nach London gezogen?

Tatsächlich war das schon vor zwei Jahren. Dafür gibt es keine wirklichen Gründe. Hauptsächlich wegen der kleinen Dinge im Leben. Ich spreche nur sehr wenig deutsch und es ist sehr schwer, in einem Land zu leben ohne die Sprache zu beherrschen. Deshalb bin ich nach England gegangen. Hier ist es etwas einfacher für mich.

Das heißt nicht, dass es in Deutschland schlecht war. Meine Firma ist ja immer noch in Frankfurt. Es ist nur so, dass ich 23 Jahre in Neapel gelebt habe. Hier in London habe ich viele italienische Freunde, kann arbeiten und mich gleichzeitig einfach ein bißchen mehr zu Hause fühlen. Als ich damals von Neapel nach Frankfurt zog, war es in Italien nicht einfach, Kontakte zu anderen Produzenten zu bekommen. Und ich dachte und denke das auch jetzt noch, das Deutschland das beste Land für elektronische Musik ist. Ich brauchte damals den Kontakt zu anderen Produzenten. In Frankfurt zu leben hat mir sehr geholfen.

Dabei denke ich gar nicht ans Geschäftliche. In Neapel war ich der erste, der anfing Techno zu produzieren. Dadurch war es allerdings schwer, Leute kennenzulernen, mit denen man sich über Musik oder neue Geräte austauschen konnte. Ich war sozusagen das erste Exemplar der »neuen Produzenten«. In Deutschland gibt es viele Leute, die schon seit langen Jahren elektronische Musik produzieren. So war es in Deutschland für mich wesentlich einfacher, tiefer in die Musikszene einzutauchen.

Das Album ist sehr vielseitig. Besonders die Elektrotracks kamen überraschend. Ein Sinneswandel?

Ja, ich mag unterschiedliche Stile elektronischer Musik. Ich mag neue Sounds und neue Arten, Musik zu machen. Und jetzt kam der Zeitpunkt, an dem ich in einem Album ausdrücken wollte, was ich zur Zeit fühle und über die Musik denke. Ich wollte eine Platte machen, die zeigt, was ich im Moment mag und was ich in der Lage bin, auszudrücken. Deshalb ist das Album so vielseitig.

Es ist ein bißchen wie ein Spiel. Ich habe jetzt lange Zeit hauptsächlich Musik für Clubs gemacht. Jetzt habe ich Spaß daran, zu experimentieren und in eine neue Richtung zu gehen. Und so fing ich an, eine für mich ganz neue Art von Musik zu machen. Auch um herauszufinden, wohin das ganze geht. Wenn ich ins Studio gehe und die Geräte einschalte, weiß ich noch nicht, was ich machen werde oder was dabei herauskommt. Es macht mir heute mehr Spaß, auch mal andere Sachen auszuprobieren.

Was für Einflüsse oder Erfahrungen hast Du in dem Album verarbeitet?

Das ist schwer zu sagen. Als ich in Kontakt mit elektronischer Musik kam, also ganz am Anfang, hörte ich hauptsächlich Techno und lernte Techno DJs kennen. Je mehr man in die Musik hineinwächst, um so mehr versteht man dann auch andere Musikrichtungen und hört auch genauer zu. Mit dem Reisen als DJ kam ich auch in Kontakt mit vielen anderen Leuten, die mir zeigten, was sie mögen und so lernte ich viele unterschiedlichste Richtungen kennen und das ist hilfreich.

Dafür muß man jetzt nicht notwendigerweise reisen, aber durch den Kontakt mit vielen anderen Menschen, wird man auch in unterschiedliche Situationen einbezogen. ich befasse mich jetzt auch schon eine gant Weile mit anderen Musikrichtungen und deswegen habe ich auch »Open Systems« gemacht.

Du hast gesagt: »Techno is not only techno stuff«. Wie meinst Du das?

Techno ist Teil eines Prozesses. Techno besteht nicht nur aus dem, was in den Clubs gespielt wird. Das ist nur eine Facette elektronischer Musik. Es gibt so viel mehr Stile und Ausdrucksformen. Die ganzen Listening Sachen oder experimentelle Musik zum Beispiel. Viele verschiedene Richtungen, die miteinander kombiniert werden können. Ich war in Italien lange Zeit nicht in der Lage, an so unterschiedliche Sachen heranzukommen.

In Italien gab es damals nur Italo-Disko. Die Musikkultur war in einem schlimmen Zustand. Es gab dort auch nie so einen explosionsartigen Aufschwung an elektronischer Musik. Als ich jung war, war es sehr schwer, Platten zu bekommen, Radiosendungen zu hören oder Magazine zu lesen, die sich mit Techno befaßten. Jetzt ändert sich das alles langsam. Italien ist aber nach wie vor kein großes Land für elektronische Musik und der größte Teil des italienischen Musikmarktes ist immer noch sehr kommerziell.

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