Über ein halbes Jahr ist es her, seit Ellen Allien’s Album „Dust“ das Licht der Nacht erblickte. Den seltsam glitzernden Feenstaub, der bereits das Album Cover zierte, wurde man seitdem nicht mehr los.


Auf der Haut, den Klamotten, in der Nase und vor allem im Ohr. „Dust“ hat Spuren hinterlassen. Wer sich 2010 mit Techno auseinandersetzen wollte, kam nicht umhin, Ellen’s bislang persönlichste und sicherlich reifste Reflexion ihres Daseins als funkelndes Juwel voll Pop-Appeal und ungeahnter Wendungen wahrzunehmen.

Das Viele im Einen: So heterogen und reichhaltig sich das zusammen mit Tobias Freund (tobias., Pink Elln, Sieg Über Die Sonne) produzierte Album auch präsentierte, so kohärent erwies sich der Eindruck einer singulären Persönlichkeit. Die Momentaufnahme einer Künstlerin, die unter jenen ersten war, die seinerzeit begannen, Berlin Techno aus dem Felsen zu hauen und seitdem nicht aufhört, an dessen Form zu shapen.

Und so sollte es nicht verwundern, dass die nun ankommenden Remixe genauso durch multiple Perspektiven überzeugen, wie bereits Ellen’s originärer Longplayer. Die Spuren in fremde Hände zu geben war als Experiment gedacht, doch was ursprünglich nur als Digital-Release geplant war überzeugte dann doch so, dass man entschied, einen taktil erfahrbaren silbernen Tonträger daraus zu machen.

Das Ergebnis sind dreizehn Bearbeitungen des Materials von „Dust“, die zwischen den mannigfaltigen Spielarten von House, Techno, Disco und Ambient changieren, als habe es die Kategorienlehre nie gegeben. An die Stelle starrer Strukturen tritt das Prinzip kreativer Freiheit. Die für dieses Projekt selektierten Artists kommen aus ganz und gar unterschiedlichen stilistischen Lagern und können ohne Zweifel als die Players für den Club-Sound der Gegenwart bezeichnet werden.

Die Vordenker.

Die Musician’s Musicians.

Die heimlichen Stars.

Als Ergebnis dieser Zusammenstellung finden sich nun dreizehn Tracks, die jeweils auf individuelle Art und Weise das Prinzip Remix durchdeklinieren: Die alte Kunst, aus Teilen von Vorhandenem, das Neue zu erschaffen. Davon darf man sich dann durchaus beeindrucken lassen.

01. My Tree (Ripperton’s Backlash Remix)
Bereits das unglaublich differenzierte Drum Pattern von Perspective-Owner Ripperton weist auf einen Anspruch, der gängige Schemata zu überschreiten trachtet. Sein Remix von „My Tree“ überzeugt mit gänzlich unabgenutzten Percussions, die in Kombination mit den orchestralen Partien ein eigentümlich monumentales Moment generieren, das fast zu schade anmutet, in der Raserei des Clubs verheizt zu werden. Art-House wäre da wohl eine geeignete Bezeichnung.

02. Dream (Bodycode Remix)
Der Bodycode-Mix von „Dream“ lässt sich allerdings ebenfalls explizit kunstvoll an und überzeugt vor allem durch die subtil anschiebenden Wellenbewegungen in Moll, die das Kratzen zweier Oberflächen in verschiedenen Intensitäten durchspielen und in einem fast zärtlichen Gestus den sexuellen Aspekt von House betonen.

03. Huibuh (Adultnapper Remix)
Den Körper lässt Adultnapper bei seiner Bearbeitung von Huibuh allerdings hinter sich, wenn er in Super-Slow- Mo-Flächen eingehüllt den in sich ruhenden Beat zur Erleuchtung findet. Der neue Spiritismus klang nie besser. Die Kunst des Loslassens wenn die Formen sich auflösen und das Beengende des Physischen in Licht verwandelt wird. Ellen weiß es: „It’s up to you…“

04. Flashy Flashy (Nicolas Jaar Remix)
Aber wenn es daran geht, ein profundes Verständnis von Deepnes zu beweisen, kann man bei solch einer Zusammenstellung in keinem Fall auf das großartige „Flashy Flashy”-Cover von Nicolas Jaar, dem Soul-House- Brother der Saison, verzichten. Selten gingen rough geschnittene Percussions, die in den Keller gepitchte Crooner- Stimme und ein solch subtiler Funk eine derart fruchtbare Liason ein. Immer noch ein unfassbarer Warm-Up Hit.
Bei Tim Hecker braucht es dann nicht mal mehr Beats: Zwischen Ambient-Flächen und einer kaum vernehmbaren postrockigen Sprödniss, durchdringt der Eindruck des Erhabenen diese aus Klang geborene Welt, die sich aus versprengten Klavierfragmenten und zitternden Strings in eisiger Eleganz zusammenfügt.

05. Sun The Rain (Tim Hecker Remix)
Bei Tim Hecker braucht es dann nicht mal mehr Beats: Zwischen Ambient-Flächen und einer kaum vernehmbaren postrockigen Sprödniss, durchdringt der Eindruck des Erhabenen diese aus Klang geborene Welt, die sich aus versprengten Klavierfragmenten und zitternden Strings in eisiger Eleganz zusammenfügt.

06. Should We Go Home (John Roberts Remix)
Einen der interessantesten Entwürfe in Sachen Deep-House legte John Roberts 2010 mit seinem Debut-Album „Glass Eights” auf Dial vor. Die dort dominierende Gratwanderung zwischen Old School Chicago Elementen und der typisch dialschen Melancholie der Hamburger Schule ziehen sich auch durch die völlig autarke Jam-Session auf den Spuren von Ellen’s „Should We Go Home”: Mit dem verspult gewundenen analogen Synth und komplexem Drumwork schafft er ein eigenständiges Kleinod, das auf abstrakte Weise dem Gedanken des Originals Rechnung trägt.

07. Ever (Aux 88 ‘Black Toyko Remix’)
Mit dem Aux 88 Black Tokyo Mix von „Ever” kündigt sich dann die Rückkehr zu Techno an. Techno der steppenden Art allerdings. Knisternder, zischender HighTech Sound, dessen Monotonie permanent von phantastisch gesetzten Störern durchbrochen wird. Ein Sound aus der Perspektive eines Drum Computers: Liebe von Maschinen für Maschinen.

08. Flashy Flashy (Fabrizio Maurizi Remix)
Trotz säurehaltiger Ästhetik setzt Fabrizio dann doch lieber auf die etwas menschlicheren Formen der Zuneigung, was nicht zuletzt an Ellen’s zauberhaft verträumten Vocal liegen dürfte, das sowohl auf der Albumversion, wie auch auf der Single von „Flashy Flashy” den Emotions-Haushalt neu regelte. In dieser Bearbeitung tendiert das Ganze zu einem sehr subtilen Reiz-Reaktions-Schema, das wohl vor allem die Afterhours der kommenden Saison bestimmen wird.

09. Searching (Shonky Remix)
Ebenfalls in Sonntagnachmittags-Ästhetik, allerdings eher auf die Freiluftsaison hin ausgerichtet, legt Shonky mit den Spuren von „Searching” einen lässigen Groove hin, der sich ganz und gar in die eigenen Harmonien lehnt und die Leichtigkeit eines spätsommerlicher Seifenblasenhimmels propagiert. Feel Good Techno für den Raver mit Blumen im Haar.

10. Schlumi (Camea Remix)
Camea präferiert ebenfalls den reduzierteren Stil und strippt „Schlumi” auf einen grazil gallopierenden Groove runter, der sein ganzes Angriffspotential in den Punch der federnden Kickdrum zu legen scheint. Dann erhebt sich aber auch schon der markige Klang der synthenen Engels-Fanfare, die den sensibilisierten Raverkörper bis in die Zehennägel durchdringt und aus dem minimalen Drumpattern heraus eine Hymne generiert.

11. You (Munk Remix)
Munk, vom Münchner Gomma Label versteht einen Popsong wie Ellen’s „You” quasi intuitiv und weiß natürlich auch, wie man mit Vocals umgeht. Dem Gitarren-Riff wird eine locker aus der Hüfte swingende Disco-Bassline an die Seite gestellt, ein paar spacige Effekte drüber, und fertig ist ein Hit, der gleichermaßen nach Club und Italien-Urlaub klingt.

12. Our Utopie (Kassem Mosse Remix)
Sonst eher an einem vertrackten Deepness-Begriff interessiert, zeigt sich Kassem Mosse hier erstaunlich offen für das herrlich naiv schwebende Pop-Appeal von „Our Utopie”. Zwischen dem vom Original übernommenen Glockenspiel eröffnet sich erst nach einer Weile das ganze Spektrum der komplex geschichteten Rauschfrequenzen, die hier um die tänzelnde Bassline herum arbeiten.

XX) Sun The Rain (We Love Remix) DIGITAL BONUS TRACK
Als Digital-Bonus darf abschließend auch ein BPitch-Act ran: Die italienischen Newcomer We Love geben sich in ihrer Interpretation von „Sun The Rain” der im Zentrum zitternden Bassline hin, die sich vom ersten Moment an windender Weise durch die Magenwand bohrt und die Organe in Schwingung bringt. Dabei entsteht ein verdammt treibender Track für die späten Stunden, der trotz flächig-weicher Rave-Pop-Ästhetik, in die sich die bittersüßen Vocal-Fragmente perfekt fügen, irgendwie eine rockige Coolness ausstrahlt.


ELLEN ALLIEN
DUST REMIXES

21.03.2011 CD / Digital
BPC233CD








TRACKLISTING:
01. My Tree (Ripperton’s Backlash Remix)
02. Dream (Bodycode Remix)
03. Huibuh (Adultnapper Remix)
04. Flashy Flashy (Nicolas Jaar Remix)
05. Sun The Rain (Tim Hecker Remix)
06. Should We Go Home (John Roberts Remix)
07. Ever (Aux 88 ‘Black Tokyo Remix’)
08. Flashy Flashy (Fabrizio Maurizi Remix) 09. Searching (Shonky Remix)
10. Schlumi (Camea Remix)
11. You (Munk Remix)
12. Our Utopie (Kassem Mosse Remix) XX)
Sun The Rain (We Love Remix) DIGITAL BONUS

One Response

  1. Nicolas Jaar – Space Is Only Noise > Numark, Wolf Lamb, Nicolas Jaar, House, disco, Circus Company, Techno, Nachtleben, Party, Bilder, Fotos, Videos, Termine, Events, DJ, Vinyl, MP3 > PARTYSAN. Musik & Klubkultur. Events & Technik.

    […] Nicolas Jaar hat ein glorreiches, nicht fassbar reifes, unglaubliches Album hervorgebracht. Wer schüttelt denn bitte solche Samples und originäre Klänge aus dem Ärmel? Wer produziert so wunderbar roh und gleichzeitig abgeklärt? Wer erhebt die verblüffte Meute mit Slow-Motion-Nonchalance so charmant ins Nirvana? […]

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