Das größte Sakrileg, das man meiner Musik antun kann, ist sie als total kastrierten MP3-Download auf einer schlechten Anlage zu hören.


Ricardo Villalobos hat sich in den vergangenen Jahren vom Insider-Tipp an den Plattentellern zum weltweit gebuchten Star entwickelt. Dabei beschritt der 35-jährige Wahlberliner aber nicht nur den weiten Weg aus der Unbekanntheit ans Licht, er entwickelte sich auch musikalisch weiter. Für all diejenigen, die ihn erst in den vergangenen Jahren kennen lernten, gibt es nun einige seiner alten Produktionen noch mal als Compilation – unter dem Namen „Salvador“ auf Frisbee Tracks. Eine musikalische Zeitreise zu den Anfängen, die aber keinen Rückschritt darstellt.

Partysan: Wie kommt es, dass jemand wie Du, der immer nur nach vorne schaut, auf einmal seine alten Platten auf einer Compilation veröffentlicht?

Ricardo Villalobos: Das war eine Idee von Klaus Löschner [DJ Good Groove, Betreiber von Frisbee Tracks – Anm. d. Red.], weil die alten Frisbee-Scheiben gar nicht mehr zu bekommen sind und von Frisbee auch nicht mehr produziert werden. Also haben wir die ganzen alten Frisbee-Maxis aus den Jahren 1997 bis 2000 noch mal auf der Salvador-Compilation zusammengefasst. Die Zusammenstellung gefiel mir sehr gut und hat mich wirklich überzeugt, auch wenn ich normalerweise aufgewärmten Sachen eher kritisch gegenüber stehe. Aber Salvador ist echt was Anderes.

An wen richtet sich denn Salvador?

Hauptsächlich an diejenigen, die mich erst in den vergangenen fünf Jahren als DJ und Produzent kennen gelernt haben und sich für meinen musikalischen Werdegang interessieren. Die können sich dann meinen Frisbee-Sound von CD anhören. Ich hätte von Frisbee aus auch die Freiheit gehabt, das ganze Projekt wieder abzublasen, aber allein unter diesem Gesichtspunkt halte ich die Veröffentlichung von Salvador für eine gute Idee und das Ergebnis gefällt mir selbst richtig gut.

Es gibt viele Fans von Dir, denen der alte Sound einfach besser gefallen hat, weil er eingängiger war. Gehst Du mit Salvador den ersten Produktions-Schritt des Wegs zurück zu Deinen eigenen Wurzeln?

Nein, ich werde in meinen Produktionen weiter nach vorne schauen, auch wenn meine Stücke aus den späten 90er Jahren in der Tat eingängiger, aber auch vordergründiger waren. Aber man lernt mit der Zeit als DJ in den Clubs, warum die Leute tanzen und warum nicht. Und somit ist jede meiner Produktionen auch eine Vision, der Traum von einem Club und einem Sound der Zukunft.

Hier soll sich alles zu einem Ganzen fügen, vor allem allgemeingültig und zeitlos sein. Daher kommt auch die Länge und die Struktur meiner jüngeren Veröffentlichungen, selbst wenn sie vordergründig betrachtet nicht mehr so eingängig sind. Dafür werden sie die Jahre überdauern. Wenn man ein Stück wie Easy Lee nimmt, das ja eher eingängig ist, und das zum 25.000. Mal hört, dann geht einem das irgendwann auf den Sack. Vordergründig trifft es gut auf den Hörer, aber irgendwann nervt’s. Und dann muss sich das Stück ausruhen, dann dürfen keine Remixe mehr erscheinen und irgendwann kann’s vielleicht wieder funktionieren.

Was macht denn die Aussage eines Stücks allgemeingültig und zeitlos?

Wenn man sich die Geschichte der Menschheit, Religion und Gesetze anschaut, dann reduziert sich alles auf qualitative Aussagen. Ist etwas für die Gesellschaft praktisch oder unpraktisch? Funktioniert etwas oder eben nicht? Gleiches gilt für die Musik. Allgemeingültige Aussagen kann meiner Meinung nach nur eine Musik treffen, die sich auf den Rhythmus konzentriert. Starke Melodien verführen das menschliche Gehirn zu Assoziation mit großen Momenten und Gefühlen. Und jedes Mal, wenn man das Stück dann hört, wünscht sich das Gehirn diese großen Momente und Gefühle zurück. Aber das kann auf Dauer nicht funktionieren, der Effekt wird immer geringer.

Der Rhythmus und die Reduktion auf den Rhythmus spricht eher die kleinen Gefühle an, vielleicht sogar privatere Gefühle. Diese sparsame Variante der Musik und der Gefühlsregungen kann somit viel länger überdauern, weil sie sich nicht so schnell verbraucht. An dieser Stelle sehe ich die Clubmusik eher wie einen Gebrauchsgegenstand, ein Werkzeug, das ich als DJ einsetzen kann. Clubmusik ist demnach nur halbe Musik. Und meine neueren Produktionen verlangen vom Zuhörer Konzentration, Tanz und genaues Zuhören. Dann werden sie für diesen Moment auch eingängig. Und dafür brauchen die Clubs auch eine richtig gute Soundanlage.

Welche Clubs haben denn Deiner Meinung nach einen guten Sound?

Zum Beispiel das Robert Johnson, der Cocoonclub oder die Panorama Bar. Um nur einige zu nennen. In vielen Clubs werden die Bässe bei 60 Hertz gecuttet, damit die Boxen länger halten. Aber für meine Musik ist das tödlich.

Denn die vordergründige und offensive Seite meiner Musik entpuppt sich erst in den tiefen Bassregionen, in meinen Produktionen versteckt sich eine riesige Welt jenseits der 100-Hertz-Grenze. Somit sind meine Platten auch eine pädagogische Maßnahme für alle Clubbetreiber, nicht an der Soundanlage zu sparen. Sonst brauchen sie meine Platten bei sich gar nicht zu spielen.

Aber zu Hause haben die wenigsten Menschen so eine dicke Anlage.

Das ist auch der Grund, weshalb die meisten Menschen, die zu Hause meine Musik auf einer miesen Anlage hören, meine alten Sachen auch eingängiger finden. Wenn die Anlage die Frequenzspanne nicht hergibt, dann kann man schnell mal sagen, dass der Bass nur vor sich hin ploppt und alles ziemlich flach klingt. Das größte Sakrileg, das man meiner Musik antun kann, ist sie als total kastrierten MP3-Download auf einer schlechten Anlage zu hören. Dann kann man’s auch gleich lassen. Schreibt Euch das hinter die Ohren, liebe Internet-Nutzer.

Du hältst demnach wahrscheinlich nicht viel von Download-Börsen. Wie stehst Du denn den Online-Shops gegenüber, auf denen die Labels die Downloads gegen Geld anbieten?

Das kommt ganz auf die Qualität an. An sich finde ich das okay, aber die Files müssen dann mindestens CD-Qualität haben. Aber das Internet an sich ist so eine amüsante, monströse Angelegenheit, dass ich mich damit noch nicht so ganz angefreundet habe. Deshalb gibt es auch keine Homepage von mir.

Welche Vorbehalte hast Du gegenüber dem Internet?

Ich habe einfach keinen Bock auf diese unkontrollierte und total verwässerte Informationsflut, auf Lästerforen und den ganzen Schnickschnack. Was alles über mich im Internet kursiert, ist der reine Wahnsinn und auch gefährlich. Gerade erst vergangenes Wochenende haben mich Freunde aus Italien angerufen, die auf einer italienischen Site gelesen haben, dass ich einen Autounfall gehabt hätte und nun tot sei. Die waren echt erleichtert, als ich ans Telefon gegangen bin. So was macht auch Angst und tut den Menschen ja weh.

Außerdem finde ich, dass eine kritische Auseinandersetzung mit mir immer von Angesicht zu Angesicht oder am Telefon erfolgen sollte. Wenn mir jemand was zu sagen hat, dann nicht in einem Internet-Forum. Da kann man schon mal zum Internet-Feind werden. Zumal mir da alles Mögliche angedichtet wird. Ich lebe ein stinknormales Leben, achte auf gesunde Ernährung und bin noch meilenweit vom Tod entfernt.

Aber es gibt auch praktische Seiten am Internet.

Klar gibt es die, gerade in der Medienproduktion. Aber ich habe Freunde, die verbringen drei bis vier Stunden am Tag damit, irgendwelche E-Mails zu beantworten. Dabei könnten die alle Fragen viel schneller, netter und persönlicher am Telefon klären, ohne dieses unpersönliche Medium bemühen zu müssen. Ich halte die exzessive Nutzung des Internets für einen Schritt in die falsche Richtung. Mit sind persönliche Kontakte und persönlicher Umgang mit den Menschen lieber und extrem wichtig.

Wo wir gerade von persönlichen Kontakten sprechen: Wieso warst Du bei diesem Thaibreak nicht dabei? Viele haben Dich vermisst.

Ich war schon fünfmal bei Thaibreak und fand es auch immer wieder total nett da. Aber dieses Jahr hatte ich leider keine Zeit, weil ich sowieso so viel in der Weltgeschichte unterwegs war und weiterhin sein werde. Im Sommer und im Herbst bin ich ohnehin zweimal in Asien, dann bin ich auch noch längere Zeit in Kanada. Ich habe zu Hause auch mal schätzen gelernt. Es wäre einfach etwas zu viel des Guten gewesen. Aber vielleicht ja wieder nächstes Jahr. Mal sehen.

Ricardo Villalobos
Salvador
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