Booka Shade > DJ Kicks

Booka Shade sind keine DJs! Ist das angekommen?

Gut. Das ist ihnen persönlich nämlich sehr wichtig. Dafür sind die Wahlberliner und Jugendfreunde Arno Kammermeier und Walter Merziger erfolgreiche Produzenten, Musiker und Remixer. Ihre Mixing-Zauberkünste wurden schon von Depeche Mode, Roxy Music, Tiga und The Knife gekostet und gelobt. Labelchefs sind sie ebenfalls – sie besitzen und gründeten den wilden Get-Physical-Stall. Damit haben sie natürlich ein allumfassendes Wissen, wie man einen Dancefloor zum Kochen bringt. Aber sind eben nicht Jeff Mills oder Richie Hawtin.

Gut. Das wäre geklärt.

Und doch haben sie nun ein DJ-Kicks-Album gemacht. Und wer sich an dieser Stelle darüber wundert, sei daran erinnert, dass der !K7-Klassiker DJ Kicks noch nie bloße DJ-Mixe von der Stange rausgehauen hat. Die von Booka Shade zusammengestellte Compilation ist ihr erster DJ-Mix überhaupt und eines dieser seltenen Klangparadoxe, das es schafft, experimentell und mitreißend, dekadent und dirty – und bei all dem immer noch ebenso modern wie zeitlos zu klingen. Arno und Walter haben hier mit Charme und Chuzpe einen Mix gestemmt, der er es locker mit den 28 vorhergegangenen DJ-Kicks aufnehmen kann.

„Die DJ-Kicks sind wie für uns gemacht“, schwärmt Arno. „Wir konnten hier unser eigenes Ding machen. Dass die Leute uns nicht als angesagte DJs sehen, kam uns dabei nur zugute. Wir wollten keinen Mix mit dem heißen Scheiß des Sommers vorlegen. Wir wollten etwas schaffen, das Bestand hat. Wir wollten ein musikalisches Statement setzen.“

Es wurden also nicht bloß die gerade angesagten Clubtunes zusammengekramt, sondern eigene Regeln aufgestellt. Zum einen verneigen sich Booka Shade vor den Songs, die ihnen einst selbst Inspirationsquelle waren. Zum anderen präsentieren sie zahlreiche Exklusivtracks, die das Licht der Welt noch gar nicht erblickt haben. Und über all dem schwebe das vertraute Booka-Shade-Flair, versichern Arno und Walter.

Die 22 Tracks des Albums üben dabei eine geradezu magnetische Anziehungskraft aus. Ihr Mix ist dabei immer im Fluss, mäandert in viele Richtungen, erkundet ausgetrocknete Nebenflüsse, ist mal reißend schnell, mal bedächtig fließend und führt durch atemraubende Klanglandschaften. Quelle und Antrieb zugleich ist das pulsierende, elektronische Herz ihrer Wahlheimat Berlin.

Dabei schaffen es Arno und Walter, all die Strömungen, die ihre Musik ausmachen, zu einer zu bündeln – der Essenz von Booka Shade, in der die britische Tageszeitung The Guardian unlängst die Essenz moderner Dancemusic überhaupt zu erkennen glaubte.

Beginnend mit dem souligen Electro-Pop-Vocals von „A Different Kind Of Blue“ der Passengers und der orchestralen Pracht des Nôze-Tracks „Slum Girl“ (bisher unveröffentlicht), schlagen Booka Shade mit jedem weiteren Song neue Haken. Aber hier wird man immerhin von zweien der versiertesten und vielseitigsten Vertretern elektronischer Musik an die Hand genommen. Überhaupt, wer sich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit Booka Shades wunderbaren Alben „Memento“ (2004) und „Movements“ (2006) vertraut gemacht hat, wird das nach dieser Compilation schleunigst nachholen. Denn dieser Mix klingt einzigartig, so gar nicht nach Baukausten-Mix, wie man sie momentan leider zuhauf findet. Der Unterschied liegt hier einmal mehr in Arnos und Walters Herangehensweise.

„Wir haben uns dieser Aufgabe von unserem Produzentenbackground aus genähert“, erklärt Walter. „Wir haben also nicht bloß Stücke aneinandergereiht, deren Rhythmen man problemlos mixen kann, sondern waren ebenso bedacht, dass die harmonischen Zusammenhänge stimmig bleiben. Deshalb gibt es auch so viele Layers.“

So steht hier der French-Disco-Sound von Cerrone Seite an Seite mit der Frische eines Ben Westbeech’, Japans Electronic-First-Lady Akiko Kiyama nimmt Karel Fialka an die Hand, John Carpenters lädt ein ins Breitwand-Soundkino, und Mlle Caro trifft auf Franck Garcia. Dazwischen dienen von Booka Shade programmierte Rhythm-Tracks als Songbrücken, die eine gute Orientierung in dieser Informationsflut bieten.

Aber, so Arno: „Genau das ist unsere Philosophie: Wir mögen es, wenn man von der musikalischen Informationsflut umgerissen wird.“

Booka Shade wollten mit ihrem Mix ebenso zeigen, wie das Alte mit dem Neuen in friedlicher Koexistenz leben, wie es sich sogar in einer befruchtenden Symbiose ergänzen kann. So zeigen sie mit Hilfe der 80er-Ikonen Yazoo („Situation“) und Heaven 17 („Geisha Boys And Temple Girls“) sehr deutlich, was moderner House, Techno und Elektro – ja überhaupt jeder Art zeitgenössischer Dance-Music – diesen Vorreitern so alles abgeschaut hat.

Das Neue wird bei diesen DJ-Kicks z. B. vertreten von The Streets (mit dem herrlich melancholischen „It’s Too Late”), Matthew Dear (mit dem unter die Haut gehenden „Tide“), Lopazz (mit dem Electrohouse von „2 Fast 4 U“ und einem weiteren Exklusivtrack) und von Hot Chips exklusivem House-Remix von „Dear’s Don And Sherri“. Fügt man nun noch einen Hauch des Klassischen (Carl Graigs zeitloses „Landcruising“ und Aphex Twins hypnotisches „Alberto Balsam“) und einen Schuss Irrsinn (Brigitte Bardots „Contact“ und The Tubes „Drums“ ) hinzu, hat man einen Mix, der einen zwar vom Dancefloor nach Hause begleitet und umgekehrt – dabei allerdings nicht einen erhellenden Umweg ausfallen lässt.

„Wir haben eine fast intime Beziehung zu den Tracks aufgebaut, die wir verwendet haben“, schwärmt Walter – ganz wie bei der Arbeit an einem Remix, der einem besonders am Herzen liegt. Ihr DJ-Kicks-Mix wird zu guter Letzt gekrönt von zwei neuen Booka-Shade-Songs: „Estoril“ und „Numbers“. Letzterer ist in doppelter Hinsicht exklusiv: „Es ist das erste Mal, dass wir echte Vocals in einem unserer Songs verwenden. Dieser Mix hat uns dazu inspiriert, das mal zu probieren.“

Booka Shades „DJ Kicks“ ist einer dieser Mixe, der es förmlich darauf anlegt, gar danach schreit, immer und immer wieder von neuem gespielt zu werden.

Und die sollen keine DJs sein? Das glaubt ihnen jetzt doch keiner mehr!

Booka Shade
DJ Kicks

 

 

 

 

 

 

 

 

TRACKLISTING:

  1. Passengers – A Different Kind Of Blue – Universal Music
  2. Nôze – Slum Girl – Circus Company
  3. Cerrone – In The Smoke – Malligator / Ben Westbeech – Hang Around (Wahoo Main Mix) – V2
  4. John Carpenter – The Bank Robbery – Silva Screen Records
  5. Booka Shade- Estoril – GPM
  6. Yazoo – Situation (US 12″ remix) – Mute / EMI Music
  7. Akiko Kiyama – The Misida Monarchy – Lick My Deck / Karel Fialka – The Things I Saw – Universal Music
  8. Lopazz – 2 Fast 4 U – GPM
  9. Quarion – Play Your Part – Drumpoet Community / Compost
  10. John Carpenter – Arrival At The Library – Silva Screen Records / Mlle Caro & Franck Garcia – Far Away
  11. Aphex Twin – Alberto Balsam – Warp Records
  12. Heaven 17 – Geisha Boys And Temple Girls – Virgin / EMI Music
  13. The Tubes – Drums – EMI Music
  14. Brigitte Bardot – Contact – Universal Music
  15. Booka Shade – Numbers (DJ-Kicks) – !K7 Records
  16. Quarion – Karasu – Drumpoet Community / Compost
  17. The Streets – It’s Too Late – Warner Music
  18. Amir Ad Fontes – Virtual Nature – Big City Beats
  19. Carl Craig – Landcruising – Warner Music
  20. Matthew Dear – Tide – Spectral / Ghostly
    21.Matthew Dear – Don & Sherri (Hot Chip Remix) – Ghostly
  21. Richard Hawley – Last Orders – Mute / EMI Music

4 Responses

  1. BOOKA SHADE > The Sun & The Neon Light > Live Act, GET PHYSICAL, Berlin, Album > PARTYSAN. Musik & Klubkultur. Events & Technik.

    […] Booka Shade aka Arno Kammermeier und Walter Merziger sind mit Sicherheit einer der momentan angesagtesten und einflussreichsten deutschen Elektronik-Acts überhaupt. Mit ihrem pulsierenden Dance-Produktionen und vielen Clubhits wie „Body Language“, „Mandarin Girl“ oder „In White Rooms“ haben Booka Shade bereits den Globus erobert. […]

    Antworten
  2. Booka Shade DJ Set im Doppelkegel der BMW Welt, 07.09.2013 > PARTYSAN Bayern.

    […] Aber Booka Shade sind keine DJs! Ist das angekommen? Gut. Das ist ihnen persönlich nämlich sehr wichtig. Dafür sind die Wahlberliner und Jugendfreunde Arno Kammermeier und Walter Merziger erfolgreiche Produzenten, Musiker und Remixer. Ihre Mixing-Zauberkünste wurden schon von Depeche Mode, Roxy Music, Tiga und The Knife gekostet und gelobt. Labelchefs sind sie ebenfalls – sie besitzen und gründeten den wilden Get-Physical-Stall. Damit haben sie natürlich ein allumfassendes Wissen, wie man einen Dancefloor zum Kochen bringt. Aber sind eben nicht Jeff Mills oder Richie Hawtin. Weiterlesen @ Booka Shade > DJ Kicks […]

    Antworten

Kommentar verfassen, Diskossion starten, Meinung melden‽