Apparat macht mit „Krieg und Frieden (Music for Theatre)“

Apparat "Krieg und Frieden (Music for Theatre)"Apparat hat dieses Album nicht geplant, und doch ist es alles andere als ein Zufallsprodukt. Was leicht hätte im absoluten Klangchaos enden können, ist ein so feines, so austariertes Stück Musik geworden, das in der lauten Hauptstadt sicher nicht viele hätten produzieren können. Irgendwo zwischen klassischer Filmmusik à la „Jenseits der Stille“, Meret Becker, der Tool-Deftones-Koproduktion „Passenger“ und Pantha du prince. Voller atmosphärischer Klänge, wie man sie von Apparat, alias Sascha Ring kennt.

Angenommen, du bist DJ und Produzent, der für gewöhnlich „sehr vorbereitet ins Studio“ geht, der zeitgenössische Regisseur Sebastian Hartmann kommt auf dich zu und bittet dich, den Soundtrack für ein Theaterstück für die Ruhrfestspiele in Recklinghausen beizusteuern. Aber nicht irgendeins. Es muss schon der Jahrhundertroman „Krieg und Frieden“ von Tolstoi sein. Aber es gibt kein Drehbuch. Wird alles bei den Proben erarbeitet und die Musik live gespielt – klar.

Apparat sagt zu, schnappt sich das Buch, nimmt es mit an den Strand nach Thailand, setzt sich mit dem Russland der Napoleonischen Kriege zu Beginn des 19. Jahrhunderts auseinander und fängt an zu arbeiten. Mit seinen Skizzen kehrt er zu den Proben zurück. Das Stück nimmt Form an.

„Es gibt eine lustige Situation, da sind alle Liebesszenen aus dem Roman in einer Szene vereint. Die Schauspieler [darunter Heike Makatsch] haben ständig andere Namen. Das ist wahnsinnig verwirrend. Und auch sehr unterhaltsam.“

Apparat Sascha RingIm Anschluss an das Theaterprojekt beschleicht die Musiker des Ensembles – Apparat, Cellist Philipp Timm und Violinist Christoph Hartmann – das Gefühl, dass die musikalische Geschichte an dieser Stelle noch nicht auserzählt ist. Sie gehen gemeinsam ins Studio und formen aus dem, was ständig in Bewegung war, etwas Bleibendes.

Gleich das erste Lied „44“ stimmt ziemlich melancholisch. Streicher verengen mit ihren Flächen den Raum, als wäre man allein mit ihnen bei einem Kammerkonzert. Der Folgetitel „44 (Noise Version) greift die Streicher wieder auf, sie entschwinden aber in den Hintergrund und immer eindringlicher dringen die Störgeräusche durch. Und dann fühlt man sich erinnert, an die letzten schrägen Töne aus einem Orchestergraben, bevor die Show, die Theateraufführung losgeht.

Apparat hat es also geschafft, uns auf seine „Music for Theatre“ einzustimmen. Es kann losgehen. Was folgt ist „Light On“, ein Stück, das an den Track „Circles“ seiner DJ Kicks ebenso erinnert wie an „The White Flash“ von Modeselektor und Thom Yorke. Kein Wunder, dass sich die Jungs allesamt (musikalisch) aufs Beste verstehen. Man denke an die Kolabo “Moderat”. Gekonnt und klar schraubt sich Saschas Stimme mit dem Mantra „Turn The Lights On“ in den Kopf.

Die nächsten drei Tracks sind eigentlich einer. „Tod“, zieht den Hörer zurück in den Orchestergraben, ein kurzes, sphärisches Interlude, das nahtlos in den Folgetrack „Blank Page“ übergeht. Dieser kommt mit etwas weniger Zerrgeräuschen aus, kippt aber in eine noch düstere, durch sirenen- oder wolfsgleiches Heulen noch verstärkte Stimmung.

Erst das Stück „PV“ lockert diese Atmosphäre wieder etwas auf. Die Posaunen klingen zwar danach, als wären die Russen gegen Napoleon auf valiumgetränkten Elefanten zu Felde gezogen, aber man ahnt, was die Musiker gemeint haben: „Wunderschöne Motive tauchten in der Inszenierung nur für ein paar Sekunden auf“. Hier werden die einzelnen Klänge mit einem Beat strukturiert und zu einem Lied verdichtet.

Danach der krasse Bruch zurück zur Kammermusik. „K&F (Pizzicato)“ beginnt mit einem feinen, wunderschönen Gitarrenmotiv. Streicher kommen dazu, ein Piano erhöht die Dramatik, bevor am Schluss des kurzen Stücks nur noch die Spule eines Filmprojektors zu hören ist. In „K&F Thema“ taucht das Gitarrenmotiv als Xylophon wieder auf, auch hier die dramatische Steigung, bis nur noch ruhiges Trommeln ins Ohr schwappt und einen die Distortion von „Austerlitz“, benannt nach der Schlacht, ereilt.

Flyer Theaterstück "Krieg und Frieden" mit ApparatSo finster wie der Track beginnt, so schön endet er auch. Es ist das Stück, das mit seinen Streichern vielleicht am meisten über die Emotionalität kommt. Das große Finale des Albums bildet dann „A Violent Sky“. Wie schon bei „Light On“ leiht Apparat der Produktion gekonnt seine Stimme.

Hut ab, Respekt. Bei einem solchen Mammutprojekt nicht die Nerven zu verlieren, sondern das Ding, das vorher stetig im Fluss war, rund zu machen, so dass man es eintüten und behalten – und vor allem anhören kann, hat den Machern sicher einiges abverlangt. Eine Konzerttour ist in Planung.

Für das Cover wurde zudem gleich noch Tilo Baumgärtel, Neo-Rauch-Schüler und Bühnenbildner des Theaterstücks eingespannt. Ein schönes Ergebnis: Napoleon als Kapuzineräffchen.

 

Tracklist:
01 – 44
02 – 44 (Noise Version)
03 – Light On
04 – Tod
05 – Blank Page
06 – PV
07 – K&F Thema (Pizzicato)
08 – K6F Thema
09 – Austerlitz
10 – A Violent Sky

Artist: Apparat
Album: Krieg und Frieden (Music for Theatre)
Label: Mute / Good To Go
Release Date: 15.2.2013

Apparat DJ Set live @ Boiler Room Berlin

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